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HAGEN – DIE RING-TRILOGIE TEIL I
(Richard Wagner)
Besuch am
4. Oktober 2019
(Premiere am 15. September 2019)
Die Kunst, sich kurz zu fassen, gehört bekanntlich nicht zu den ausgeprägten Talenten Richard Wagners. Vor allem dessen gewaltige, auf vier Abende ausgedehnte Tetralogie Der Ring des Nibelungen fordert Publikum und Interpreten eine gehörige Portion Geduld und Kondition ab. Versuche, den gut 15-stündigen Koloss zu straffen, gab es immer wieder. Am bekanntesten und, was die Kürze angeht, radikalsten durch Loriot und dessen Ring an einem Abend. Im Grunde zwar nichts andres als ein unterhaltsamer Schnelldurchgang durch die Handlung, als informative „Einstiegsdroge“ für Ring-Neulinge jedoch durchaus geeignet.
Völlig andere Wege beschritten vor zwei Jahren am Theater an der Wien Bettina Auer, Constantin Trinks und Tatjana Gürbaca, die die vierteilige Tetralogie nicht nur auf eine insgesamt neunstündige, auf drei Abende begrenzte Trilogie reduzierten, sondern mit der Auswahl und Reihenfolge der Akte und Szenen so munter und virtuos jonglierten, dass die Kontinuität der komplexen Handlung und damit auch die Einsicht in dramaturgische Zusammenhänge verloren gingen. Und das mit der gewagten Intention, den Ring an jedem der drei jeweils etwa dreistündigen Abende aus der Perspektive eines Protagonisten in neuem Licht zu zeigen. Hagen, Siegfried und Brünnhilde sind die Auserwählten, also die wichtigsten Nachkommen Alberichs und Wotans, der Urheber des desaströsen Gemetzels um Macht und Besitz. Brünnhilde und Siegfried als Kinder Wotans und Hagen, die „Frucht des Hasses“, als Spross des Nachtalben Alberich.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Dass die Kinder die Sünden und Schwächen ihrer Väter ausgleichen und deren Träume erfüllen sollen, also in die klassische Rolle einer „Stellvertretergeneration“ gedrängt werden, gehört gewiss zu den vielen interessanten Aspekten des Werks. Kinder, die zu nichts anderem gezeugt und mit stählerner Hand dazu erzogen werden, das unvollendete Werk der Väter vollenden zu sollen.
Das Theater Aachen widmet sich als erstes deutsches Opernhaus der Wiener Bearbeitung, an der mit Tatjana Gürbaca immerhin eine renommierte Regisseurin beteiligt ist, die zur Zeit der Uraufführung vor zwei Jahren noch zur Diskussion stand, im nächsten Jahr den neuen „Original“-Ring in Bayreuth zu inszenieren. Ein konkretes Angebot der Festspiele lehnte sie zwischenzeitlich jedoch ab. An Werkkenntnis dürfte es ihr jedenfalls nicht fehlen. Umso irritierender wirkt ihr Wiener Projekt, wie jetzt das Aachener Theater mit dem ersten Teil Hagen – Die Ring-Trilogie Teil I auf ernüchternde Weise zeigt.
Hagen, der im Hass gezeugte und auf Hass getrimmte Sohn Alberichs ist das radikalste Beispiel eines funktional missbrauchten Kindes ohne die geringste Rücksicht auf dessen persönliche Bedürfnisse. Das Bearbeitungs-Team beschränkt sich deshalb auf Szenen, in denen Hagen oder dessen Vater Alberich vorkommen, sprich auf Ausschnitte aus der Götterdämmerung und dem Rheingold. Das führt zu einem schwindelerregenden Wechsel durch die beiden Ring-Teile: Einleitend mit Erdas Warnung aus dem Rheingold, gefolgt von Hagens traumatischer Begegnung mit dem Vater im zweiten Götterdämmerungs-Akt, dann zurück an den Anfang des Rheingolds mit Alberichs Raub und Fluch. Nach der Pause spinnt Hagen seine Intrigen in der Götterdämmerung, gipfelnd im Racheterzett des zweiten Akts. Mit einem mickrigen Messer ersticht er ganz beiläufig Siegfried, und das Spektakel endet mit der Trauermusik Siegfrieds.
Merkwürdig angesichts der beabsichtigten Fokussierung auf die Figur Hagens, dass im ersten, fast anderthalbstündigen Teil fast nur Alberich aktiv in Erscheinung tritt und Hagen sich mit der Position des schweigenden Beobachters zufriedengeben muss. Nicht minder fragwürdig der Abschluss mit der Trauermusik Siegfrieds, während Hagens eigenes Ende unberücksichtigt bleibt. Es treten neben Hagen und Alberich zwar auch andere Schlüsselfiguren wie Wotan, Brünnhilde und Siegfried auf, doch bleiben angesichts des verwirrenden Szenen-Ragouts deren Bedeutung und Entwicklung völlig ungeklärt. Mit anderen Worten: Einsteigern bietet die Version nicht die geringste Verständnishilfe, sondern erschwert eher die Orientierung. Und Kennern des Rings eröffnet sich kein einziger neuer oder tieferer Einblick in die Figur Hagens. Womit unklar bleibt, worin der Sinn eines solchen Projekts liegen könnte. Zumal im Laufe der Trilogie alle Figuren auftreten und entsprechend besetzt werden müssen. Damit erfordert das Projekt zumindest musikalisch ähnlich große Kapazitäten wie ein kompletter Ring im originalen Gewand.

Und wenn man sich szenisch mit derart bescheidenen Mitteln begnügt wie in Aachen, was kein Nachteil sein muss, dürfte der Mehraufwand für eine Komplett-Lösung stemmbar bleiben, was Häuser wie Meiningen, Detmold, Minden und Coburg eindrucksvoll bewiesen.
In Aachen bestimmen schlichte, gräuliche, in den Rhein-Szenen bläulich ausgeleuchtete Stellwände von Magdalena Gut die optische Grundierung. Herabwehende Plastiktüten im Rheingold und Paletten von Mineralwasserflaschen als Hort weisen auf Wagners frühe Warnung vor einer ökologischen Katastrophe als Folge eines ausschließlich profitorientierten Kapitalismus‘ im Fahrwasser der Frühindustrialisierung hin. Allerdings wirken die Fläschchen im Umfeld eines Stücks, in dem die Welt völlig aus den Fugen gerät, viel zu harmlos und willkürlich. So brav wie die gesamte Inszenierung von Johannes von Matuschka, was Personenführung und Rollenprofilierung angeht. Wobei es dem Regisseur auch nicht gelingt, Hagen besonders exponiert herauszustellen. Die Szenen werden solide nachgespielt, wobei angesichts der problematischen Verknüpfungen der Szenen Entwicklungen, Steigerungen und Höhepunkte, die Wagner mit seinem sicheren Bühneninstinkt und seinem blitzgescheiten Intellekt effekt- und sinnvoll steuerte, an Wirksamkeit verlieren oder gänzlich verpuffen.
Schwächen, die die musikalische Qualität der Aachener Produktion kaum auffangen kann. Zumal das Aachener Sinfonieorchester unter Leitung von Kapellmeister Mathis Groß, der Alternativbesetzung von Generalmusikdirektor Christopher Ward, trotz der reduzierten Besetzung sehr kompakt klingt und nicht jedes Bläsersolo so präzise wie gewünscht gelingt. Vor allem die Hörnergruppe hat einen schwarzen Tag.
Mit der Sängerbesetzung hätte sich durchaus ein kompletter Ring auf gediegenem Niveau realisieren lassen. Avtandil Kaspeli stellt mit seinem großen, rabenschwarz timbrierten Bass einen eindrucksvollen Hagen dar, Hrólfur Saemundsson einen nahezu ebenbürtigen Alberich. Sonja Gornik verfügt über ausreichende Kondition für die Brünnhilde, auch wenn sich ihre Stimme in den Höhen stark versteift. Vorzüglich singt und gestaltet Ronan Collett den Gunther, der in dieser Version eine Hauptrolle einnimmt. Dass Woong-jo Choi als Wotan und Tilmann Unger als Siegfried bestehen können, dürfen sie mit ihren kurzen Auftritten im Hagen-Teil nur andeuten. Schade.
Bedauerlich auch, dass das Aachener Publikum dem insgesamt fragwürdigen, vom Theater mit großem Einsatz realisierten Experiment nur mit schwachem Besuch begegnet. Möglicherweise wirkt sich die nicht weit entfernte Deutsche Oper am Rhein mit ihrem kompletten Original-Ring als attraktivere Konkurrenz aus. An verdientem Beifall für die Aachener Akteure sparen die Besucher dennoch nicht.
Pedro Obiera