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KATIA KABANOVA
(Leoš Janáček)
Besuch am
19. November 2017
(Premiere am 12. November 2017)
Mit Leoš Janáčeks Jenufa landete das Aachener Theater vor einigen Jahren einen großen Coup, an dem der damalige Generalmusikdirektor Kazem Abdullah großen Anteil hatte. Mit der Katia Kabanova stellen sich jetzt die Aachener erneut den kniffligen Anforderungen einer Janáček-Oper. Diesmal allerdings, nach dem dubiosen Abgang Abdullahs, unter der Leitung des „kommissarischen“ GMDs Justus Thorau, der größere Probleme mit der spezifischen Tonsprache des mährischen Meisters erkennen lässt. Dass sich die drei für die Nachfolge Abdullahs ausgewählten Kandidaten ausgerechnet mit diesem Werk dem Publikum empfehlen sollen, verwundert ein wenig. Wenn es gut vorbereitet ist, haben die Aspiranten nur wenig Chancen, eigene Akzente zu setzen. Wenn nicht, lässt sich in der Kürze der Zeit nicht mehr viel korrigieren.
Es ist allerdings auch diesmal ein musikalischer Beitrag, der der Produktion besonderen Glanz verleiht. Und zwar die Leistung von Irina Popova in der Titelrolle. Eine Sängerin, die fast alle großen, schweren Sopranpartien in Aachen gesungen hat und mit ihrer Stimme in manchen Rollen an ihre Grenzen geriet. Auch wenn es ihr an darstellerischer Intensität nie mangelte, als Katia Kabanova wächst sie über sich hinaus. Dass ihr nach dem grandiosen Abschiedsgesang beim Schlussbeifall ein paar Tränchen über die Wangen rollen, zeugt davon, wie sehr sie sich mit dem Schicksal der unglücklichen Katia identifiziert. Eine Verschmelzung mit der Rolle, die sie zu stimmlichen Höchstleistungen motiviert.
| Musik | ![]() |
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| Publikum | ![]() |
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Damit ist der Erfolg der Produktion bereits zu einem wesentlichen Teil gesichert. Denn im Unterschied zur Vorlage von Alexander Ostrowskis Drama Gewitter, in dem die sozialen Konflikte und Hintergründe detailreich angesprochen werden, konzentriert sich Janáček in seiner Oper wesentlich intensiver auf die Titelfigur. Der überkommene Bodensatz der alten Machtstrukturen in bäuerlich-konservativen Randregionen des k.u.k.-Reichs bildet für Janáček den Humus für eine Atmosphäre, in der ausnahmslos alle Figuren, auch die scheinbar Mächtigen wie die herrisch auftretende Kabanicha oder der cholerische Onkel Dikoj, von äußeren Zwängen und Ängsten geplagt werden. Es ist ein Reich der Unfreiheit mit starren Verhaltensregeln, die von einem Käfig in den anderen führen, wenn sie übertreten werden.
Katia bricht diese Regeln, indem sie eine Liaison mit dem ebenfalls stark unterdrückten und ungeliebten Boris eingeht. Doch die Verletzung des Verhaltenskodexes führt zu keiner Befreiung, sondern stürzt Katia in noch größere Gewissenszwänge und Schuldgefühle, auf die sie nur durch ihren Freitod reagieren kann.

Das zeigt Tibor Torell in seiner Inszenierung durchaus überzeugend, vor allem in der Personenführung, die nicht nur die emotionalen Wechselbäder der Katia zum Ausdruck bringt. Auch die „unsympathischen“ Figuren, allen voran die Kabanicha und Dikoj, erscheinen nicht als triumphale Diktatoren, sondern selbst als Opfer unsichtbarer Gewalten. Auch sie behalten ihre menschlichen Züge. Die Charakterisierung von Katias schwachem, der Mutter völlig ergebenem Ehemann und des ambivalent und nur bedingt hilfsbereiten Geliebten Boris wird von Janáček so stark vorgegeben, dass wenig Raum für überraschende Lösungen bleibt. Zu den Männern fiel Janáček ohnehin wesentlich weniger ein als zu seinen großen Frauenfiguren, zu denen er sich von seiner platonischen Geliebten Kamilla Stösslova im fortgeschrittenen Alter jenseits der 60-er Grenze inspirieren ließ.
Es ist allerdings schade, dass sich weder der Regisseur noch der Bühnenbildner Piero Vinciguerra darauf verständigten, das dunkle Kolorit der Inszenierung wenigstens an den Stellen aufzuhellen, an denen sich Katia und Boris der Illusion von einem freieren und glücklicheren Leben hingeben. Man sieht transparente Wände, hinter denen schemenhafte Figuren herumgeistern. Zwei Felsbrocken säumen den Vordergrund, in der Mitte zieht ein Laufstall-ähnliches Gitter den Blick auf sich, das einen Zugang in einen imaginären Keller offenhält und in dem die Kabanicha die Ziehtochter Varvara wie ein unmündiges Baby festhält.
Von der Wolga, in der am Ende Katia die Erlösung sucht, ist nichts zu sehen. Damit muss man in vielen Inszenierungen leben. Leider aber auch nicht von den Utopien und den letzten Hoffnungsfetzen, die das Werk immer wieder, wenn auch nur kurz, durchziehen. Dass Katia ihren Arbeitskittel am Ende durch ein grünes Kostüm ersetzt, kann diesen Mangel nicht ausgleichen. Für die Kostüme zeichnet Isabelle Kaiser verantwortlich.
Diese Schwächen gleichen zum Glück die Sänger aus. Nicht nur die überragende Irina Popova, sondern auch das durchweg vorzüglich singende Ensemble. Dazu gehört die ungewöhnlich jugendliche Kabanicha von Katja Starke, die im Vollbesitz ihrer frischen Stimme der Rolle jeden hysterischen Zug nimmt. Auch Pawel Lawreszuk als Dikoj vermag seiner Rolle vokal mehr Substanz abzugewinnen, als man gewohnt ist. Alexey Kosarev als Boris verfügt über den nötigen metallischen Glanz für die Tenor-Partie des Boris, Johan Weigel charakterisiert das Muttersöhnchen Tichon präzise und Rein Saar verkörpert einen verlässlich singenden und agierenden Kuligin.
Die kürzelhafte Tonsprache Janáčeks mit ihren abrupten Tempo‑, Klang‑, Takt- und Stimmungswechseln erfordert über 100 pausenlose Minuten hinweg vom Dirigenten und dem Orchester höchste Konzentration. Hier fehlt es Thorau noch an der nötigen Präzision und an der Profilierung der musikalischen Kontraste. Das ließe sich im Verlauf der Aufführungsserie gewiss verbessern. Doch mit der Vorlage müssen sich zunächst die drei GMD-Kandidaten abfinden.
Viel Beifall für eine trotz einiger Einwände beeindruckende Janáček-Produktion.
Pedro Obiera