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IL TRIONFO DEL TEMPO E DEL DISINGANNO
(Georg Friedrich Händel)
Besuch am
28. Oktober 2018
(Premiere)
Was Atmosphäre und Erhabenheit angeht, ist das Ambiente des Aachener Doms, in dem das Aachener Theater seine szenische Realisierung von Händels Oratorium Il Trionfo del Tempo e del Disinganno vor einem Monat zeigte, sicherlich nicht zu übertreffen. Kann gerade dieses auf jede äußerliche Handlung und effektvolle Chöre verzichtende Oratorium, in dem lediglich vier allegorische Figuren einen ästhetisch-ethischen Diskurs austragen, im Theater bestehen? Noch dazu, wenn man auf eine um eine gute halbe Stunde längere Fassung zurückgreift?
Man kann, wenn man über ein so wunderbares Solisten-Quartett wie das Aachener Theater verfügt, einen Dirigenten wie Justus Thorau, der die Musik des damals 22-jährigen, vor Energie und Aufbruchstimmung strotzenden Komponisten in voller Frische und Leuchtkraft umsetzen kann, und einen Regisseur wie Ludger Engel, der die Aktualität des Kernthemas so geschickt und klug in Szene zu setzen vermag, dass man die zeitliche Kluft von über 300 Jahren, die das Werk von uns trennt, nicht mehr wahrnimmt.
Im Mittelpunkt steht die „Schönheit“, die durch die gegensätzlichen Einflüsterungen der „Zeit“, der „Ernüchterung“ – oder Erkenntnis – und des „Vergnügens“ in gewaltige Irritationen gestürzt wird. Soll sie auf die Stimme des „Vergnügens“ hören, die das Glück im Augenblick sucht, oder auf die Autorität der „Zeit“, die an die Vergänglichkeit der Schönheit und das dauerhafte Glück in der Ewigkeit erinnert? Eine These, die durch die „Ernüchterung“ unterstützt wird, die rät, die Vergänglichkeit zu akzeptieren und sich auf das Leben in der Ewigkeit vorzubereiten.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Der Titel des Stücks Der Triumph der Zeit und der Ernüchterung nimmt die Entscheidung der „Schönheit“ vorweg, zu der sie sich aber erst nach etlichen inneren Kämpfen durchringen kann, die Händel musikalisch mit genialem Einfühlungsvermögen zum Ausdruck bringt. Die mit der Entscheidung verbundene religiöse Dimension, die im Aachener Dom spürbar wurde, drängt Ludger Engel in seiner „Theater-Version“ zurück. Er sieht in den Allegorien junge Menschen von heute, die in einer Zeit des Schönheits- und Jugendwahns den gleichen Problemen ausgesetzt sind wie Menschen im Barock. Eine Jugend, die sich heute in Selfies, die in Aachen überwiegend live auf Projektionsflächen übertragen werden, nicht an ihrer „Schönheit“ sattsehen kann und wie auf einem „Cat-Walk“ durch das Leben schreitet.
Bühnenbildner Ric Schachtebeck erweitert entsprechend die Spielfläche um einen ins Parkett ragenden Laufsteg, der auch fleißig genutzt wird. Die Bühne wird von mehreren Projektionsflächen und einigen sparsamen Versatzstücken wie einem Sofa beherrscht, was völlig ausreicht. Und es erstaunt, wie sich Engels‘ aktualisierte Werksicht der Musik anpasst, ohne auch nur ansatzweise aufgesetzt oder gar entstellend zu wirken. Selbst die ans Absurde grenzenden Fantasy-Kostüme von Raphael Jacobs, der mit verschiedenen Materialien in bizarren Kombinationen spielt, fügen sich dem Konzept ein.

Geschickt nutzt Engels einen großen Spiegel als Vanitas-Symbol, raffiniert ist die Idee, den Gesang des „Vergnügens“ aufzunehmen und in historischer Tonqualität einzuspielen, um an die Vergänglichkeit des Schönes zu erinnern. Viel Detailarbeit steckt natürlich in der Personenführung, die Engels mit minutiöser Präzision ausarbeitet, wobei ihm die jugendliche Ausstrahlung und vitale Spielfreude der Solisten entgegenkommt. Und gesanglich steigert sich das Quartett noch gegenüber den Aufführungen im Dom. Zur Höchstform läuft diesmal der Countertenor Cameron Shahbazi als „Ernüchterung“ auf, der vor allem die elegischen „Ohrwürmer“ in eindringlicher Schönheit vorträgt. Was auch Fanny Lustaud als „Vergnügen“ mit ihrer eindringlichen Interpretation des berühmten „Lascia la spina“ betrifft. Die wenigen, aber sehr anspruchsvollen Koloraturen ihrer sehr lustvoll gespielten Partie gelingen ihr freilich weniger souverän als ihrer Kollegin Suzanne Jerosme, die als „Schönheit“ die musikalisch fein ausgearbeitete Entwicklung ihrer Rolle vorbildlich und nahezu makellos ausführt. Die etwas steifer angelegte Partie der „Zeit“ ist bei Patricio Arroyo bestens aufgehoben. Und nicht vergessen werden darf der schwierige Orchesterpart mit virtuosen Solo-Einlagen, die zeigen, welche Fortschritte das Aachener Sinfonieorchester im Einsatz für ältere Musik gemacht hat.
Das Publikum reagiert mit berechtigter Begeisterung auf diese ebenso originelle wie brillant ausgeführte Produktion eines Stücks, das nicht unbedingt nach einer Theaterbühne ruft, in der gezeigten Form aber rundum faszinieren kann.
Pedro Obiera