O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Will van Iersel

Händel auf dem Cat-Walk

IL TRIONFO DEL TEMPO E DEL DISINGANNO
(Georg Friedrich Händel)

Besuch am
28. Oktober 2018
(Premiere)

 

Theater Aachen

Was Atmosphäre und Erhabenheit angeht, ist das Ambiente des Aachener Doms, in dem das Aachener Theater seine szenische Reali­sierung von Händels Oratorium Il Trionfo del Tempo e del Disinganno vor einem Monat zeigte, sicherlich nicht zu übertreffen. Kann gerade dieses auf jede äußer­liche Handlung und effekt­volle Chöre verzich­tende Oratorium, in dem lediglich vier allego­rische Figuren einen ästhe­tisch-ethischen Diskurs austragen, im Theater bestehen? Noch dazu, wenn man auf eine um eine gute halbe Stunde längere Fassung zurückgreift?

Man kann, wenn man über ein so wunder­bares Solisten-Quartett wie das Aachener Theater verfügt, einen Dirigenten wie Justus Thorau, der die Musik des damals 22-jährigen, vor Energie und Aufbruch­stimmung strot­zenden Kompo­nisten in voller Frische und Leucht­kraft umsetzen kann, und einen Regisseur wie Ludger Engel, der die Aktua­lität des Kernthemas so geschickt und klug in Szene zu setzen vermag, dass man die zeitliche Kluft von über 300 Jahren, die das Werk von uns trennt, nicht mehr wahrnimmt.

Im Mittel­punkt steht die „Schönheit“, die durch die gegen­sätz­lichen Einflüs­te­rungen der „Zeit“, der „Ernüch­terung“ – oder Erkenntnis – und des „Vergnügens“ in gewaltige Irrita­tionen gestürzt wird. Soll sie auf die Stimme des „Vergnügens“ hören, die das Glück im Augen­blick sucht, oder auf die Autorität der „Zeit“, die an die Vergäng­lichkeit der Schönheit und das dauer­hafte Glück in der Ewigkeit erinnert? Eine These, die durch die „Ernüch­terung“ unter­stützt wird, die rät, die Vergäng­lichkeit zu akzep­tieren und sich auf das Leben in der Ewigkeit vorzubereiten.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Der Titel des Stücks Der Triumph der Zeit und der Ernüch­terung nimmt die Entscheidung der „Schönheit“ vorweg, zu der sie sich aber erst nach etlichen inneren Kämpfen durch­ringen kann, die Händel musika­lisch mit genialem Einfüh­lungs­ver­mögen zum Ausdruck bringt. Die mit der Entscheidung verbundene religiöse Dimension, die im Aachener Dom spürbar wurde, drängt Ludger Engel in seiner „Theater-Version“ zurück. Er sieht in den Allegorien junge Menschen von heute, die in einer Zeit des Schön­heits- und Jugend­wahns den gleichen Problemen ausge­setzt sind wie Menschen im Barock. Eine Jugend, die sich heute in Selfies, die in Aachen überwiegend live auf Projek­ti­ons­flächen übertragen werden, nicht an ihrer „Schönheit“ sattsehen kann und wie auf einem „Cat-Walk“ durch das Leben schreitet.

Bühnen­bildner Ric Schach­tebeck erweitert entspre­chend die Spiel­fläche um einen ins Parkett ragenden Laufsteg, der auch fleißig genutzt wird. Die Bühne wird von mehreren Projek­ti­ons­flächen und einigen sparsamen Versatz­stücken wie einem Sofa beherrscht, was völlig ausreicht. Und es erstaunt, wie sich Engels‘ aktua­li­sierte Werksicht der Musik anpasst, ohne auch nur ansatz­weise aufge­setzt oder gar entstellend zu wirken. Selbst die ans Absurde grenzenden Fantasy-Kostüme von Raphael Jacobs, der mit verschie­denen Materialien in bizarren Kombi­na­tionen spielt, fügen sich dem Konzept ein.

Foto © Will van Iersel

Geschickt nutzt Engels einen großen Spiegel als Vanitas-Symbol, raffi­niert ist die Idee, den Gesang des „Vergnügens“ aufzu­nehmen und in histo­ri­scher Tonqua­lität einzu­spielen, um an die Vergäng­lichkeit des Schönes zu erinnern. Viel Detail­arbeit steckt natürlich in der Perso­nen­führung, die Engels mit minutiöser Präzision ausar­beitet, wobei ihm die jugend­liche Ausstrahlung und vitale Spiel­freude der Solisten entge­gen­kommt. Und gesanglich steigert sich das Quartett noch gegenüber den Auffüh­rungen im Dom. Zur Höchstform läuft diesmal der Counter­tenor Cameron Shahbazi als „Ernüch­terung“ auf, der vor allem die elegi­schen „Ohrwürmer“ in eindring­licher Schönheit vorträgt. Was auch Fanny Lustaud als „Vergnügen“ mit ihrer eindring­lichen Inter­pre­tation des berühmten „Lascia la spina“ betrifft. Die wenigen, aber sehr anspruchs­vollen Kolora­turen ihrer sehr lustvoll gespielten Partie gelingen ihr freilich weniger souverän als ihrer Kollegin Suzanne Jerosme, die als „Schönheit“ die musika­lisch fein ausge­ar­beitete Entwicklung ihrer Rolle vorbildlich und nahezu makellos ausführt. Die etwas steifer angelegte Partie der „Zeit“ ist bei Patricio Arroyo bestens aufge­hoben. Und nicht vergessen werden darf der schwierige Orches­terpart mit virtuosen Solo-Einlagen, die zeigen, welche Fortschritte das Aachener Sinfo­nie­or­chester im Einsatz für ältere Musik gemacht hat.

Das Publikum reagiert mit berech­tigter Begeis­terung auf diese ebenso origi­nelle wie brillant ausge­führte Produktion eines Stücks, das nicht unbedingt nach einer Theater­bühne ruft, in der gezeigten Form aber rundum faszi­nieren kann.

Pedro Obiera

Teilen Sie O-Ton mit anderen: