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Foto © Will van Iersel

Unverstellte Blicke ins Dunkel der Gefühle

WOZZECK
(Alban Berg)

Besuch am
28. Mai 2023
(Premiere)

 

Theater Aachen

Mit Alban Bergs Wozzeck, dem bis heute unüber­trof­fenen Gipfel modernen Musik­theaters, erfüllt sich Michael Schmitz-Aufterbeck zum Abschluss seiner 17-jährigen Amtszeit als Intendant des Aachener Theaters einen Herzens­wunsch. Eine gewaltige Heraus­for­derung, die die Leistungs­fä­higkeit eines Opern­hauses schonungslos auf die Probe stellt. Schmitz-Aufterbeck darf schon ein wenig stolz auf sich sein, wenn er ein Haus zurück­lässt, das in der Lage ist, das schwierige Werk auf einem derart erfreulich hohen Niveau reali­sieren zu können. Eine Leistung, die das Premieren-Publikum im nahezu voll besetzten Theater mit langan­hal­tendem Beifall feiert.

Zurück liegen 90 hoch konzen­trierte, musika­lisch und drama­tur­gisch extrem verdichtete Minuten, die weder Mitwir­kenden noch Besuchern auch nur eine Sekunde Gelegenheit zum entspannten Durch­atmen lassen. Anders als in der vulgären Insze­nierung von Barbara Beyer vor knapp 20 Jahren stellen sich in der aktuellen Produktion vom ersten Takt an die beklem­menden, unter die Haut gehenden Gefühle ein, die Bergs Oper nach über 100 Jahren und Georg Büchners noch 100 Jahre ältere Textgrundlage auch heute noch auslösen können.

Das ist nicht zuletzt der seriösen Insze­nierung durch das dreiköpfige Theater­kol­lektiv Kommando Himmel­fahrt zu verdanken, das den Blick schnör­kellos und unver­stellt in das gestört-zerstörte Seelen­leben der Figuren lenkt. Bühnen­bild­nerin Heike Vollmer belässt die Bühne weitgehend im Dunkeln und begnügt sich mit wenigen, aber ausrei­chenden Versatz­stücken. Die verlorene Stimmung der Schilf­land­schaft, in der Wozzeck und Marie ihr Ende finden, wird ebenso pointiert getroffen wie die Tristesse der „arme Leut‘“. Im Fokus stehen stets die Figuren. Frontal postiert, oft passiv und regungslos, der Eindring­lichkeit der Musik und Büchners konge­nialem Text mit gutem Grund voll vertrauend.

Die prägnant getrof­fenen Charaktere der Figuren bilden die Basis der Insze­nierung. Der schneidige, innerlich unsichere und ängst­liche Hauptmann, der arrogant zynische, von Ehrgeiz zerfressene Doktor, der aufge­blasene Tambour­major, die zwischen Freiheits­drang und Schuld­ge­fühlen zerriebene Marie und nicht zuletzt Wozzeck, der von allen getretene Unter­mensch, die wohl elendste Kreatur der Theater­ge­schichte, die die schlimmsten Demüti­gungen aus Zuneigung zu Marie und seinem unehe­lichen Kind erträgt. Das Kommando Himmel­fahrt überzeichnet die Figuren nicht zu Karika­turen, sondern belässt ihnen mensch­liche Züge.

Foto © Will van Iersel

Nicht weniger wichtig nimmt das Kollektiv um Jan Dvořák, Thomas Fiedler und Julia Warne­münde die gestörten Bezie­hungen zwischen den Menschen. Alle scheinen ihr Dasein in isolierten Eigen­welten zu fristen. Es kommt allen­falls zu zöger­lichen Annähe­rungs­ver­suchen, zu Berüh­rungen nie. Wobei es im Interesse der stimm­lichen Präsenz nicht unpro­ble­ma­tisch ist, die Titel­figur in den Szenen mit dem Hauptmann und dem Doktor so weit in den Hinter­grund zu rücken.

Berüh­rungen, was Wozzecks unsichere Liebko­sungen, aber auch den Mord an seiner Marie und den Umgang mit seinem Kind angeht, lassen sich, wie in einer Scheinwelt, nur stell­ver­tretend an Puppen ausführen. Ein ganzes Arsenal an nahezu lebensecht gestal­teten Puppen ist der Kostüm­bild­nerin Kathi Maurer zu verdanken.

Viel Arbeit hat es General­mu­sik­di­rektor Chris­topher Ward gekostet, die komplexe Partitur der Oper möglichst präzise, aber auch mit der gebotenen emotio­nalen Inten­sität einzu­stu­dieren. Das Aachener Sinfo­nie­or­chester erfüllt seine heiklen Aufgaben vorzüglich. Probleme bereitet freilich die dichte Instru­men­tierung des groß besetzten und stark tönenden und die Sänger bisweilen übertö­nenden Orchesters. Die akusti­schen Bedin­gungen des Theaters lassen aller­dings keine wesent­liche Abfederung der Lautstärke zu.

Hrólfur Sæmundsson in der Titel­rolle merkt man den großen Respekt vor der schwie­rigen Partie an. Er singt und agiert in der Premiere noch etwas verhalten, was der unter­wür­figen Haltung der Figur entge­gen­kommt. Die aufblit­zenden Visionen, Ängste und Ausbrüche könnten freilich noch nachdrück­licher zum Ausdruck kommen. Gleichwohl gelingt dem Sänger ein vortreff­liches Rollendebüt.

Die psychische Zerris­senheit der Marie kann Irina Popova glaubhaft vermitteln, auch wenn ihre Stimme in den Höhen bedenklich harte Schärfen aufweist. Stimmlich makellos und szenisch fein polierte Rollen­profile bietet der Rest des Ensembles. Andreas Joost entpuppt sich in der Rolle des Haupt­manns als Charak­ter­tenor erster Güte. Caleb Yoo bleibt dem Doktor nichts an empathie­loser Arroganz schuldig, Soon-Wook Ka als Tambour­major und Pascal Pittie als Andres erfüllen ihre relativ kleinen Aufgaben überzeugend. Nicht minder der Opern- und Extrachor einschließlich des Kinder- und Jugend­chors Aachen.

Pedro Obiera

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