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Wenn von einer „Familienoper“ die Rede ist, die, wie Intendant Michael Schmitz-Aufterbeck in seiner Begrüßungs-Ansprache betont, jedes Familienmitglied vom Säugling bis zur Ur-Oma begeistern soll, dann schlägt das Theater Aachen mit Anno Schreiers neuestem Bühnenwerk, Der Zauberer von Oz, den richtigen Weg ein. Hier darf nicht gekleckert, sondern muss geklotzt werden mit allem, was das Theater zu bieten hat. Dazu gehören ein großes Orchester, ein stattlicher Chor, ein vielköpfiges Ensemble, effektvolle Dekorationen und viel technischer Bühnenzauber.
Und es bedarf eines Komponisten, der sein Handwerk versteht, keine Berührungsängste mit tonalen Traditionen zeigt und ohne schlechtes Gewissen den Unterhaltungswert des Theaters hochhält. Dass das eine anspruchsvolle Partitur nicht ausschließen muss, beweist der in Aachen vor 40 Jahren geborene Komponist mit seinem neunten Bühnenwerk auf überzeugende Weise. Und zwar noch überzeugender und konsequenter als vor sechs Jahren mit seiner ersten Familienoper für Aachen Die Prinzessin im Eis. Zusammen mit dem Librettisten Alexander Jansen ist eine Familienoper entstanden, die an Fantasie und Kurzweil nicht nur als Weihnachtsmärchen Repertoirequalitäten aufweist.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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Und die sind so zwingend, dass sich alle Mitwirkenden von den Darstellern bis zum technischen Personal von dem Drive des Stücks zu besonders liebevoll ausgeführten Leistungen motivieren lassen. Schreier strickte eine Partitur, in der er virtuos mit Zitaten und Stilen aus der gesamten Musikgeschichte vom Barock bis zu aktuellen Modetänzen jongliert. Und alles brillant instrumentiert und montiert. Gleich der erste Auftritt der drei geflügelten Affen klingt wie eine waschechte barocke Motette, gefolgt von Anklängen an Schuberts Erlkönig, Wagners Fliegendem Holländer und Reminiszenzen an Richard Strauss. Gipfelnd im Palast des Zauberers im zweiten Akt, den Schreier wie eine raffiniert-geistreiche Parodie auf die Sarastro-Szenen der Zauberflöte anlegt. Auch vor einfachen Liedern scheut Schreier nicht zurück, wobei das alles schlüssig und keineswegs aufgesetzt oder gar banal wirkt. Man hört eine in tausend Farben schillernde, vital pulsierende Klangfolie von großem kompositorischem Raffinement.
Kleine Eingriffe des Librettisten in die berühmte Roman-Vorlage von L. Frank Baum stören nicht, auch wenn Jansen eigenwillig die böse Hexe am Leben lässt und etwas arg naiv in eine weise Frau umformt. Verknüpft mit der schlichten Botschaft, dass das Lachen das geeignetste Mittel ist, böse Menschen in Wohltäter zu wandeln. Franks ursprüngliche Intention, den Freunden der kecken Dorothy bewusst zu machen, dass alles, was sie vermissen – den Verstand bei der Vogelscheuche, den Mut beim Löwen und das Herz beim Blechmann – bereits in ihnen vorhanden ist, dieser Appell kommt dagegen zu kurz. Einen Zauberer bedürfen sie im Original eigentlich nicht. In der Oper agiert der Zauberer als Diktator, der sich als Beschützer des Volkes vor der bösen Hexe aufspielt, um es für seine Interessen zu versklaven. Eingriffe, über die sich streiten lässt, die den Unterhaltungswert des Stücks aber nicht mindern.

Dazu trägt auch die witzige, fein ausgearbeitete und in keiner Szene platte Inszenierung von Ute M. Engelhardt bei. Bestach die Regisseurin in Aachen bereits mit einer hochkonzentrierten Inszenierung von Poulencs strenger Oper Dialogues des Carmélites, so lässt sie jetzt ihrer reichen Fantasie und ihrem pulsierenden Spieltrieb freien Lauf. Ergänzt durch die abwechslungsreichen Dekorationen und Kostüme von Jeannine Cleemen. Dabei gelingen beiden mit einfachen, aber originellen Ideen verblüffende Effekte. Eine mit Fahrrädern verzierte Waldlandschaft genügt für ein skurriles Märchen-Szenario und mit der Lichtkunst von Eduard Joebges lassen sich selbst mit einfachen textilen Stoffen neue Kosmen zaubern. Und die Techniker lassen die Drehbühne munter rotieren und geizen nicht mit Sturm- und anderen Effekten.
Die leichtfüßige, keineswegs leicht auszuführende Musik Schreiers setzen Generalmusikdirektor Christopher Ward und das Aachener Sinfonieorchester plastisch und quicklebendig um, wobei sie die stilistischen Wechsel mühelos bewältigen. Und bei der Besetzung der zehn Solo-Rollen zahlt sich der Ensemblegeist eines Theaters gewinnbringend aus.
Die überwiegend jungen, teilweise sehr jungen Solisten singen und agieren auf gleichem Niveau wie aus einem Guss. Die Spielfreude ist in jeder Sekunde zu spüren und den bewusst nicht extrem zugespitzten vokalen Anforderungen werden sie allesamt makellos gerecht. An der Spitze begeistert Lisa Ströckens als Dorothy mit ihrer besonders jugendlichen Ausstrahlung. Vorbildliche Homogenität zeichnet das Trio der drei Freunde mit Patricio Arroyo als Vogelscheuche, Fabio Lesuisse als Löwe und Hyunhan Hwang als Blechmann aus. Desgleichen das putzmuntere Affenterzett mit Rosha Fitzhowie, Agata Kornaga und Julie Vercauteren. Woong-jo Choi adelt die relativ kleine Rolle des Zauberers mit seinem voluminösen Bass und Irina Popova bietet eine hintergründige Rollenstudie der Hexe. Nicht zu vergessen die effektvollen Auftritte des Chors, den die Regisseurin genauso filigran führt wie die Solisten.
Nach gut zwei Stunden inklusive einer Pause reagiert das Premieren-Publikum mit begeistertem Beifall auf das ebenso unterhaltsame wie qualitätshaltige Werk, das man durchaus der ganzen Familie, wenn auch nicht unbedingt jedem Säugling, empfehlen kann.
Pedro Obiera