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Foto © Will van Iersel

Brillantes Musiktheater für die ganze Familie

DER ZAUBERER VON OZ
(Anno Schreier)

Besuch am
8. Dezember 2019
(Urauf­führung)

 

Theater Aachen

Wenn von einer „Famili­enoper“ die Rede ist, die, wie Intendant Michael Schmitz-Aufterbeck in seiner Begrü­ßungs-Ansprache betont, jedes Famili­en­mit­glied vom Säugling bis zur Ur-Oma begeistern soll, dann schlägt das Theater Aachen mit Anno Schreiers neuestem Bühnenwerk, Der Zauberer von Oz, den richtigen Weg ein. Hier darf nicht gekle­ckert, sondern muss geklotzt werden mit allem, was das Theater zu bieten hat. Dazu gehören ein großes Orchester, ein statt­licher Chor, ein vielköp­figes Ensemble, effekt­volle Dekora­tionen und viel techni­scher Bühnenzauber.

Und es bedarf eines Kompo­nisten, der sein Handwerk versteht, keine Berüh­rungs­ängste mit tonalen Tradi­tionen zeigt und ohne schlechtes Gewissen den Unter­hal­tungswert des Theaters hochhält. Dass das eine anspruchs­volle Partitur nicht ausschließen muss, beweist der in Aachen vor 40 Jahren geborene Komponist mit seinem neunten Bühnenwerk auf überzeu­gende Weise. Und zwar noch überzeu­gender und konse­quenter als vor sechs Jahren mit seiner ersten Famili­enoper für Aachen Die Prinzessin im Eis. Zusammen mit dem Libret­tisten Alexander Jansen ist eine Famili­enoper entstanden, die an Fantasie und Kurzweil nicht nur als Weihnachts­märchen Reper­toire­qua­li­täten aufweist.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Und die sind so zwingend, dass sich alle Mitwir­kenden von den Darstellern bis zum techni­schen Personal von dem Drive des Stücks zu besonders liebevoll ausge­führten Leistungen motivieren lassen. Schreier strickte eine Partitur, in der er virtuos mit Zitaten und Stilen aus der gesamten Musik­ge­schichte vom Barock bis zu aktuellen Modetänzen jongliert. Und alles brillant instru­men­tiert und montiert. Gleich der erste Auftritt der drei geflü­gelten Affen klingt wie eine wasch­echte barocke Motette, gefolgt von Anklängen an Schuberts Erlkönig, Wagners Fliegendem Holländer und Reminis­zenzen an Richard Strauss. Gipfelnd im Palast des Zauberers im zweiten Akt, den Schreier wie eine raffi­niert-geist­reiche Parodie auf die Sarastro-Szenen der Zauber­flöte anlegt. Auch vor einfachen Liedern scheut Schreier nicht zurück, wobei das alles schlüssig und keineswegs aufge­setzt oder gar banal wirkt. Man hört eine in tausend Farben schil­lernde, vital pulsie­rende Klang­folie von großem kompo­si­to­ri­schem Raffinement.

Kleine Eingriffe des Libret­tisten in die berühmte Roman-Vorlage von L. Frank Baum stören nicht, auch wenn Jansen eigen­willig die böse Hexe am Leben lässt und etwas arg naiv in eine weise Frau umformt. Verknüpft mit der schlichten Botschaft, dass das Lachen das geeig­netste Mittel ist, böse Menschen in Wohltäter zu wandeln. Franks ursprüng­liche Intention, den Freunden der kecken Dorothy bewusst zu machen, dass alles, was sie vermissen – den Verstand bei der Vogel­scheuche, den Mut beim Löwen und das Herz beim Blechmann – bereits in ihnen vorhanden ist, dieser Appell kommt dagegen zu kurz. Einen Zauberer bedürfen sie im Original eigentlich nicht. In der Oper agiert der Zauberer als Diktator, der sich als Beschützer des Volkes vor der bösen Hexe aufspielt, um es für seine Inter­essen zu versklaven. Eingriffe, über die sich streiten lässt, die den Unter­hal­tungswert des Stücks aber nicht mindern.

Foto © Will van Iersel

Dazu trägt auch die witzige, fein ausge­ar­beitete und in keiner Szene platte Insze­nierung von Ute M. Engel­hardt bei. Bestach die Regis­seurin in Aachen bereits mit einer hochkon­zen­trierten Insze­nierung von Poulencs strenger Oper Dialogues des Carmé­lites, so lässt sie jetzt ihrer reichen Fantasie und ihrem pulsie­renden Spiel­trieb freien Lauf. Ergänzt durch die abwechs­lungs­reichen Dekora­tionen und Kostüme von Jeannine Cleemen. Dabei gelingen beiden mit einfachen, aber origi­nellen Ideen verblüf­fende Effekte. Eine mit Fahrrädern verzierte Waldland­schaft genügt für ein skurriles Märchen-Szenario und mit der Licht­kunst von Eduard Joebges lassen sich selbst mit einfachen textilen Stoffen neue Kosmen zaubern. Und die Techniker lassen die Drehbühne munter rotieren und geizen nicht mit Sturm- und anderen Effekten.

Die leicht­füßige, keineswegs leicht auszu­füh­rende Musik Schreiers setzen General­mu­sik­di­rektor Chris­topher Ward und das Aachener Sinfo­nie­or­chester plastisch und quick­le­bendig um, wobei sie die stilis­ti­schen Wechsel mühelos bewäl­tigen. Und bei der Besetzung der zehn Solo-Rollen zahlt sich der Ensem­ble­geist eines Theaters gewinn­bringend aus.

Die überwiegend jungen, teilweise sehr jungen Solisten singen und agieren auf gleichem Niveau wie aus einem Guss. Die Spiel­freude ist in jeder Sekunde zu spüren und den bewusst nicht extrem zugespitzten vokalen Anfor­de­rungen werden sie allesamt makellos gerecht. An der Spitze begeistert Lisa Ströckens als Dorothy mit ihrer besonders jugend­lichen Ausstrahlung. Vorbild­liche Homoge­nität zeichnet das Trio der drei Freunde mit Patricio Arroyo als Vogel­scheuche, Fabio Lesuisse als Löwe und Hyunhan Hwang als Blechmann aus. Desgleichen das putzmuntere Affen­terzett mit Rosha Fitzhowie, Agata Kornaga und Julie Vercau­teren. Woong-jo Choi adelt die relativ kleine Rolle des Zauberers mit seinem volumi­nösen Bass und Irina Popova bietet eine hinter­gründige Rollen­studie der Hexe. Nicht zu vergessen die effekt­vollen Auftritte des Chors, den die Regis­seurin genauso filigran führt wie die Solisten.

Nach gut zwei Stunden inklusive einer Pause reagiert das Premieren-Publikum mit begeis­tertem Beifall auf das ebenso unter­haltsame wie quali­täts­haltige Werk, das man durchaus der ganzen Familie, wenn auch nicht unbedingt jedem Säugling, empfehlen kann.

Pedro Obiera

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