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Überzeugende Schlichtheit

GISEI
(Carl Orff)

Besuch am
8. August 2019
(Premiere)

 

Florian-Stadl, Kloster Andechs

Kaum zu glauben, dass dieses Jugendwerk von Carl Orff – er war gerade mal 18 Jahre alt, als er es fertig kompo­nierte – erst 2010 in Darmstadt zur Urauf­führung kam. Orff selber hatte, nach dem überwäl­ti­genden Erfolg seiner Carmina Burana, dieses Frühwerk zurück­ge­zogen. Heuer ist es das Herzstück des Orff-Festes auf dem Heiligen Berg im pitto­resken bayeri­schen Andechs.

Der vollständige Titel von Orffs Bühnen­erstling lautet: Gisei, das Opfer, Musik­drama, Dichtung von Carl Orff frei nach dem japani­schen Drama Terakoya – Die Dorfschule von Takeda Izumo in der Übersetzung von Karl Florenz, op. 20, 1913.  Aber wie kam es überhaupt, dass der junge Orff gerade diese alte japanische Geschichte auswählte? Schon als kleiner Junge hatte ihn das ferne Land inter­es­siert und er las darüber alles, was ihm unter die Finger kam. Als er 1912 als Weihnachts­ge­schenk Noten japani­scher Lieder erhielt, beflü­gelten diese seine Fantasie. Terakoya ist Teil des epischen Histo­ri­en­dramas Sugawara denju tenarai kagami von Takeda Izumo aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhun­derts. In diesen letzten Szenen des bis zu acht Stunden lang dauernden Bunraku-Figuren­theaters, laufen viele Handlungs­fäden zusammen, was es dem jungen Orff nicht leicht machte, überhaupt Persön­lich­keiten zu einem knapp 50-minütigen Stück zu entwi­ckeln. Unwei­gerlich denkt der heutige Zuschauer an den letzten Akt von Götter­däm­merung, ohne die vorher­ge­henden Werke gehört zu haben.

Zum Inhalt: Im Hause des Lehrers Genzo werden die Kinder des Dorfes unter­richtet. Es wird ein neuer Schüler, Kotaro, in die Schule gebracht. Kotaro ist der Sohn von Matsuo, ehemals Vasall des Fürsten Michizane, und seiner Frau Chiyo.
Da Genzo nicht da ist, übergibt Chiyo ihren Sohn an Tonami, die Frau Genzos.
Als Genzo zurück­kommt, bemerkt er sogleich die erstaun­liche Ähnlichkeit des neuen Schülers mit seinem eigenen Adoptivsohn Kwan Shusai. Der ist eigentlich der Sohn des ermor­deten Fürsten Michizane. Genzo erzählt seiner Frau, dass die Gefolgs­leute des neuen Macht­habers Tokihira den Ort, an dem Kwan Shusai versteckt wird, gefunden haben und jetzt seinen Kopf verlangen. Die Gefolgs­leute erscheinen, unter ihnen Matsuo, der jetzt dem neuen Herren Tokihira dient. Scheinbar folgsam übergibt Genzo einen abgeschla­genen Kopf. Es ist aber der Kopf von Kotaro, Matsuos eigenem Sohn, den er aber nicht erkennt. Seine Frau Chiyo kommt, um Kotaro abzuholen und sieht den Kopf. Sie beschwört Genzo, ihr zu sagen, ob das ihr Sohn ist, was er bejaht. Der drama­tische Höhepunkt ereignet sich aber erst, als Chiyo und Matsuo einsehen, dass sich ihre Vorah­nungen erfüllt haben – sie haben ihren eigenen Sohn in der Absicht, ihn zu opfern, zu Genzo gebracht. So wird Matsuos schuld­haftes Verhalten, seine Untreue gegenüber Fürst Michizane, mit dem Opfertod Kotaros gesühnt.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Die Musik, die Orff für diese tragische Geschichte kompo­niert hat, ist kaum mit seinen späteren Werken zu vergleichen, zeigt aber erstaun­liche Tiefe und Einsichten in mensch­liche Emotionen für einen 17-Jährigen.  Man kann behaupten, dass er von Puccini, Debussy, Wagner und Strauss beein­flusst war, und das ist sicherlich auch nachvoll­ziehbar. Basis ist ein spätro­man­ti­sches Orchester samt Bühnen­musik und Chor. Kammer­mu­si­ka­lische, ja, fast trans­pa­rente Passagen alter­nieren mit komplexen Orches­trie­rungen. Außer einem Gong werden keine typisch asiati­schen Instru­mente einge­setzt, wohl aber solche, die diffe­ren­ziert einge­setzt werden: ein Klavier, drei Saxofone und eine Glashar­monika, die schon die späteren Orffschen Klang­farben erahnen lassen.

Regisseur Florian Zwipf-Zaharia erzählt die kompli­zierte und tragische Geschichte mit überzeu­gender Schlichtheit. Er lässt die Sänger mit angedeu­teter japani­scher Haltung, Bewegung und Gestik die mensch­lichen Emotionen inter­pre­tieren, die im Rahmen der brutalen, feudalen Ausein­an­der­setzung der epischen Handlung sonst leicht verloren gingen. Bühnen­bildner Thomas Bruner baut dafür einen Raum, der mit Scheren­schnitten von Kirsch­blüten eine heile Welt darstellt. Mit der Wendung der Geschichte verschwinden die Blüten und es bleibt die Öde der harschen Realität. Die Kostüme von Tatjana Sanftenberg stellen eine Brücke zwischen Tradition und Moderne dar.

Foto © Marc Gilsdorf

Beide weiblichen Haupt­rollen sind mit Mezzo-Sopran­stimmen besetzt:  Ulrike Malotta, als Mutter Chiyo, die ihren eigenen Sohn opfert, und Ezgi Kutlu als Tonami stechen mit ihrer guten – deutschen – Sprach­ver­ständ­lichkeit und Innigkeit hervor. Die männlichen Haupt­rollen sind von Bariton­stimmen gesungen: Raymond Ayers als Genzo meistert seine Rolle mit Bravour, zumal er kurzfristig einge­sprungen ist. Joachim Goltz bringt den abtrün­nigen Vasallen mit starker Emotio­na­lität. In Anbetracht des völlig unbekannten Textes, wäre seine Verfüg­barkeit eine willkommene Ergänzung im Programmheft gewesen.

Hansjörg Albrecht dirigiert die Münchner Sympho­niker mit Gespür für die Tonsprache des jungen Orff. Zwipf und Albrecht haben sich entschieden, das Werk mit Mozarts Lacrimosa-Chor als Prolog und Epilog zu umrahmen. Ein Überra­schungs­effekt, der aber stilis­tisch überzeugt, zumal von dem Münchener Bach-Chor mit großer Eindring­lichkeit gesungen wird.

Da Gisei nur etwa 50 Minuten lang ist, wird dem Abend das Klavier­konzert d‑Moll, KV 466, voran­ge­stellt. Unter der Leitung von Albrecht spielt Margarita Oganesjan in Begleitung der Münchner Sympho­niker das wohl bekann­teste Klavier­konzert von Mozart mit satten Klang­farben. Unkon­ven­tionell ist die visuelle Ausar­beitung mit sechs Tänzern des Münchner Gärtner­platz­theaters in der Choreo­grafie von Matteo Carvone und Raphael Kurig als Indivi­dualist, so seine Bezeichnung im Programmheft. Unver­ständlich die Break­dance-ähnlichen Abläufe und close-up-Projek­tionen der Tänzer, die in keiner Weise einen Bezug zur Musik von Mozart darstellen.

Der warme Applaus für Gisei am Ende des Abends beweist, dass es doch sinnvoll ist, so manche Anwei­sungen des Kompo­nisten zu ignorieren – dieses Stück verdient, in das Reper­toire aufge­nommen zu werden.

Zenaida des Aubris

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