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Abschied vom Adel

VIVALDI – DANGEROUS LIAISONS
(Antonio Vivaldi, Vanni Moretto)

Besuch am
23. Januar 2019
(Urauf­führung am 17. Januar 2019)

 

Opera2day, Stads­theater Arnhem

In den Nieder­landen, genauer in Den Haag, gibt es eine Musik­theater-Compagnie, die seit mehr als einem Jahrzehnt von sich reden macht und den insti­tu­tio­nellen Opern langsam, aber sicher den Rang abläuft. Einen Meilen­stein in dieser Richtung dürfte die neue Produktion Vivaldi – Dangerous Liaisons setzen. Mit dieser „brand­neuen Barock-Oper“ gehen Serge van Veggel und seine Truppe einen Schritt weiter. Setzte sich das Team bislang mit vorhan­denen Opern­stoffen in sehr eigener Inter­pre­tation ausein­ander, gibt es jetzt eine echte Urauf­führung. Gemeinsam mit Stefano Simone Pintor hat van Veggel ein Libretto auf der Grundlage des Brief­romans Les Liaisons Dange­reuses von Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos verfasst. Vanni Moretto hat dazu eine Musik gefunden, die in großen Teilen auf den Kompo­si­tionen Antonio Vivaldis fußt, aber einen eigen­stän­digen Charakter entwi­ckelt. Kunstvoll und absolut spannend sind die kompo­si­to­ri­schen Anteile Morettos, die der Oper erst den eigent­lichen Pfiff verleihen.

Der Brief­roman, der in der deutschen Übersetzung den Titel Gefähr­liche Liebschaften erhielt, erschien bereits 1782, also sieben Jahre vor Ausbruch der Franzö­si­schen Revolution, und fällt damit unter das Kapitel: Große Ereig­nisse werfen ihre Schatten voraus. Choderlos de Laclos nimmt hier den Untergang des Adels in 175 Briefen vorweg. So langweilig uns heute Brief­romane als Gattung erschienen mögen, so aufregend ist die Lösung, die Regisseur van Veggel dafür gefunden hat. In der Ausgangs­si­tuation verlangt Marquise de Merteuil von ihrem verflos­senen Liebhaber Vicomte de Valmont, dass er die treu verhei­ratete Madame de Tourvel und die 15-jährige Cécile Volange verführt. Im Falle des Erfolgs steht dem „Edelmann“ eine erneute Liebschaft mit der Marquise in Aussicht. Ob und wie eine solches Vorhaben erfolg­reich ist, ist Gegen­stand der zahlreichen folgenden Verwick­lungen, spielt aber im Grunde kaum eine Rolle, weil Spiel und Spaß der beiden Adligen beständig ins Verderben führen. Wichtig ist die Erkenntnis der Marquise, dass das Ende einer Epoche angebrochen ist. Nicht länger dreht sich die Welt um die Vergnü­gungen nie erwachsen werdender Adliger, die sich allein um Spaß und Abwechslung bekümmern, statt­dessen beginnt die Zeit, in der Vernunft und Ernst­haf­tigkeit der „unteren Klassen“ in die Zukunft führen. Den Bruch setzt van Veggel bewusst drama­tisch, ja, als Schock-Effekt. Die Handlung wechselt plötzlich von der barocken Oper in die Gegenwart. Nehmen die Mächtigen ihre Verant­wortung nicht mehr wahr, ist das Volk für die Zukunft zuständig. Wir befinden uns also im Nullkom­ma­nichts in der Gegenwart.

Rückbli­ckend wird damit die voran­ge­gangene liebe­volle, einfalls­reiche und bisweilen komische Insze­nierung unwichtig. Am Ende tanzt der Schwarze Schwan, ehe er vom Volk ebenso wie alle anderen Mächtigen vertrieben wird. Die Revolution kann beginnen. Bei van Veggel beginnt sie mit der Plünderung der Paläste. Einige der ganz wenigen Schwach­stellen des Abends oder der Wirklichkeit, ganz, wie man will.

Die Opera2day versucht, bei ihrer Arbeit auch die Stadt der jewei­ligen Aufführung mitein­zu­be­ziehen. Und so werden 25 Bürger der Stadt als Statisten mit einge­bunden. Dass sie überwiegend mit „niederen Tätig­keiten“ beauf­tragt werden, ist vielleicht nicht ganz so gelungen, wie es der Idee entspricht. Aber alle „Parti­zi­panten“ sind mit Feuer­eifer dabei.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Herbert Janse hat die Bühne entwi­ckelt. Dabei waren die Beson­der­heiten einer Tournee-Bühne zu berück­sich­tigen. Heraus­ge­kommen ist eine detail­reiche, klein­teilige Bühne, auf der die Darsteller zu Bühnen­ar­beitern werden und so blitz­schnell immer wieder für ein szenen­be­zo­genes Bild sorgen. Das sorgt nicht nur für Trans­parenz, sondern auch für Bewegung und damit Abwechslung auf der Bühne im ansonsten recht handlungs­armen Geschehen, das von Marc Heinz in stimmungs­volles Licht gesetzt wird. Und während beim Mobiliar viel Wert auf das barocke Umfeld gelegt wird, finden sich bei den Kostümen von Miriam Pater allen­falls Anklänge, wo sie notwendig sind, und ansonsten viel Fantasie. Das ist hübsch anzusehen und wirkt wie „richtige Oper“, eben nur nicht plüschig. Entspre­chend der Vorlage werden hier viele Briefe geschrieben, gesprochen und gesungen. Pintor und van Veggel haben das Libretto in italie­ni­scher Sprache verfasst, englische und nieder­län­dische Übertitel geben aller­dings Verständnishilfe.

Foto © Marco Borggreve

Wer aller­dings des Italie­ni­schen mächtig ist, wird an dem Abend umso mehr Spaß haben, denn die Sänger­dar­steller singen – und sprechen – ausge­sprochen textver­ständlich. Was der Altistin Candia Guida keine Schwie­rig­keiten bereiten kann, darf sie doch in ihrer Mutter­sprache singen respektive sprechen. Ihre Marquise de Merteuil wartet mit wunder­baren tiefen Registern auf, was bei den Kolora­turen erst mal etwas gewöh­nungs­be­dürftig klingt. Überhaupt ist es ein Abend der ungewöhn­lichen Stimmen. Als scheinbar großer Verführer Vicomte de Valmort tritt der Counter­tenor Yosemeh Adjei mit blonder Löwen­mähne und immer wieder gern entblößtem Oberkörper in Erscheinung. Seiner Stimme werden nicht die ganz großen Höhen abver­langt, was angesichts einer zweiein­halb­stün­digen Aufführung sehr angenehm ist. In der Höhe glänzen kann und darf hier der zweite Counter­tenor des Abends, Maayan Licht. Als Chevalier Danceny entzückt er mit lupen­reinem Sopran – und einem kurzen Nackt­auf­tritt. Sopra­nistin Stefanie True überzeugt voll und ganz als 15-jährige Cécile Volange mit jugend­licher Stimme und nicht-kindlichem Auftritt.

Das Ensemble der Nieder­län­di­schen Bachver­ei­nigung begeistert unter der Leitung eines außer­or­dentlich entspannt wirkenden Hernán Schvartzman. Das ausba­lan­cierte und gut akzen­tu­ierte Spiel lässt den Sängern immer ausrei­chend Raum auch für die leisen Stellen. Die moderne Musik Vanni Morettos wird fein in die Antonio Vivaldis verwoben, so dass der Hörer sich wie auf einem fliegenden Teppich durch die Täler und Höhen der Musik fortbe­wegen kann, ohne auch nur einen Moment der Lange­weile zu verfallen.

Insgesamt ein wunder­barer Abend mit viel Gefühl und bei aller Nachdenk­lichkeit auch Komik, der die Menschen bewegt. Hier wird Musik­theater wirklich das, was es eigentlich sein soll: Mehr als die Summe aller Bestand­teile. Das sehr diszi­pli­nierte Publikum aller Alters­klassen springt, kaum, dass die letzten Töne verklungen sind, auf, um den Akteuren mit inten­sivem Applaus und auch ein paar Bravo-Rufen zu danken. Dafür fährt man gern mal in eine Stadt, in der statt der Bürger­steige die Fahrradwege von Schnee und Eis befreit sind.

Michael S. Zerban

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