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BEAUTIFUL IN THE SUBVERSION OF BEAUTY
(Bojan Vuletić)
Besuch am
19. Juli 2018
(Uraufführung)
In diesen Tagen sieht man Bojan Vuletić ständig in Bewegung. Hier ein Small-Talk, dort eine herzliche Umarmung, zwischendurch noch ein paar Interviews, vor der nächsten Aufführung die Ankündigung und zwischendurch mal schnell mit angepackt, um eine Bierkiste beiseite zu räumen oder Glasscherben aus dem Durchgang zu schieben. Ganz selbstverständlich werden da am Vormittag noch internationale Gäste vom Flughafen abgeholt oder zum Bahnhof gebracht. Halt all das, was so ein engagierter Künstlerischer Leiter während eines Festivals zu erledigen hat. Ja, das Festival ist in seiner Leistungsfähigkeit im positiven Sinne an der oberen Grenze angekommen. Da baden die Verantwortlichen in Adrenalin – vermutlich die einzige Möglichkeit, die elf Festival-Tage mit der gezeigten Gelassenheit zu überstehen.
Und hinter den abwechslungsreichen Kulissen kümmert sich Vuletić darum, dass die nächste Aufführung problemlos über die Bühne geht. Das ist die Uraufführung seiner eigenen Komposition Beautiful in the subversion of beauty – also etwa: schön in der Zerstörung der Schönheit – in der Reihe Recomposing Art der bereits achte Teil. Um die zusätzliche Anforderung zu leisten, vertraut der Komponist auf ein bewährtes Team. Und behält Recht. Schon in den Tagen vor der Aufführung ist ihm die Begeisterung über die Zusammenarbeit mit den Musikern anzumerken, die die Besucher aus dem letzten Jahr schon kennen. Das Mivos Quartet tritt mit Olivia de Prato und Lauren Cauley an der Geige, Victor Lowris an der Bratsche und Mariel Roberts am Cello unverändert an. Auch Matt Moron am Vibraphon und Nate Wooley als Trompeter sind „alte Bekannte“. Nur Anna Kristin Webber ist in diesem Jahr nicht dabei. Stattdessen spielt Jon Irabagon das Saxofon. Konsequent verzichtet Vuletić in der Instrumentierung auf die Querflöte.
Jetzt ist der große Tag gekommen, unmittelbar vor dem finalen Wochenende des Festivals, das noch einmal prall mit Programm gefüllt ist. Vuletić tritt vor das Publikum und versucht, das schwierig zu Verstehende zu erklären. In diesem Jahr hat er Cy Twombly als Inspirations- oder Assoziationsquelle auserkoren. Ein bedeutender Maler des abstrakten Expressionismus, der vor allem mit großformatigen Bildern bekannt wurde und den Komponisten künstlerisch begeistert. Entscheidend dabei ist, dass der Hörer seiner Musik den Ursprung gar nicht kennen muss, weil Vuletić nicht etwa Bilder neu vertont, sondern seine persönlichen Eindrücke und Empfindungen neu zusammen- und in Musik umsetzt.

Und so braucht es auch keine Projektionen vom Werk des Malers während der Aufführung der Musik. Wer das mal verstanden und sich mit den Qualen der Schalensitze in der Glashalle des Weltkunstzimmers abgefunden hat, kann den Abend voll und ganz genießen, indem er sich ausschließlich auf die Musik konzentriert. Wie üblich – es geht um Neue Musik – bleibt auf der Tribüne viel Platz, vor der die Musiker auf einem kleinen Podest platziert sind.
Recomposing Art VIII ist keine Neuerfindung, sondern eher die konsequente Weiterentwicklung einer Reihe. Bekannte Elemente des vergangenen Jahres tauchen wieder auf. Anschwellende Melodien, die abgebrochen werden, Dissonanzen, schöne Klänge vom Vibraphon brechen sich an Reibungen auf dem Cello, die von kurzen Ausflügen mit dem Saxofon in den Jazz abgelöst werden. Die Zweckentfremdung der Instrumente wird besonders deutlich beim Solo des Trompeters, der viel mit der Stimme arbeitet, oder beim Saxofon, das Irabagon ohne Luftstrom bearbeitet. Das Streicherkonzert in langen Bögen wird durch Zupfen unterbunden.
Es lohnt nicht, nach Merkmalen zu suchen, die aus den Bildern Twomblys stammen. Im Gegenteil: Gäbe es sie, wäre es nach Auffassung von Vuletić am Thema vorbei. Und so erleben die Hörer ein sehr eigenes Konzert, das sich aus dem vergangenen Jahr bruchlos weiterentwickelt. Nachdem Musiker und Komponist ihren hochverdienten Applaus empfangen haben, geht es für Vuletić mit dem Festival weiter. Schließlich muss die nächste Aufführung vorbereitet werden.
Michael S. Zerban