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DEAD OR ALIVE
(Diverse Künstler)
Besuch am
18. Juli 2018
(Einmalige Aufführung)
Wenn das Asphalt-Festival einen Poetry-Slam, also einen Poesie-Wettstreit, anbietet, darf man blind davon ausgehen, dass sich die Spielregeln ändern. Ursprünglich 1986 in Chicago entstanden, verbreitete sich die Veranstaltungsform weltweit. Die deutschsprachige Szene gilt inzwischen als die größte der Welt, ist in der Zeitung Die Welt zu lesen. Das Prinzip ist so einfach wie publikumswirksam. Die Poeten haben in der Regel fünf Minuten Zeit, einem mehr oder minder gewogenen Publikum einen Text vorzustellen. Die Vorstellung beinhaltet durchaus auch performative Aspekte. Anschließend stimmt das Publikum darüber ab, wer den besten Text am besten vorgetragen hat. Wie so oft, war die Ursprungsidee eine gute, diente der Poetry-Slam doch dazu, eine „Literaturdemokratie“ zu entwickeln und auch für Autoren eine Öffentlichkeit herzustellen, die von Verlagen nicht berücksichtigt wurden. Inzwischen steht häufig nicht mehr der literarische oder poetische Wert im Vordergrund, sondern die Unterhaltung des Publikums.
Wie erwartet, gelten in der gutbesuchten Glashalle im Weltkunstzimmer andere Regeln. Hier „kämpft“ nicht jeder gegen jeden, sondern es gibt zwei Teams. Daraus leitet sich der Titel der Veranstaltung Dead or Alive – tot oder lebendig – ab. Das eine Team besteht aus drei erfahrenen Wettbewerbsteilnehmer, die mehr oder minder aktuelle, eigene Texte vortragen. Dem gegenüber stehen drei Schauspieler aus dem Ensemble des Schauspielhauses Düsseldorf, die Texte bereits verstorbener Autoren vortragen. Während die Poeten lediglich ihre Texte zur Verfügung haben, dürfen die Schauspieler auch auf Kostüme zurückgreifen. Die Redezeit beträgt sechs Minuten. Die beiden Moderatoren – Christine Brinkmann vom Düsseldorfer Kulturzentrum ZAKK, das hier als Kooperationspartner auftritt, und Johannes Floehr, bekannter „Slam Master“ aus Krefeld – sorgen im besten Fall für Unterhaltung, bestimmen die Jury aus dem Publikum und gewährleisten den reibungslosen Ablauf. Letzteres gerät an diesem Abend ordentlich schief. Die angegebene Dauer von 90 Minuten wird lässig um mehr als eine Stunde überzogen, was unter anderem auch daran liegt, dass die Pausenzeit sich nahezu verdreifacht. Offenbar hat da jemand nicht rechnen können. Ärgerlich für Berufstätige bei einer Veranstaltung mitten in der Woche. Aber es bleibt bei diesem Ärgernis. Selbst die Moderation hält sich dankenswerterweise mit ihrer „Lustigkeit“ in Grenzen. Und der luxuriös hinzugefügte Discjockey sorgt für ein bisschen beliebige Musik am Rande des Geschehens.
Aber wie beurteilt man eine solche Veranstaltung? Nach dem Unterhaltungswert für das Publikum? Dann war alles großartig. Oder nimmt man die Veranstaltung ernst? Dann lohnt ein näherer Blick. Luca Swieter ist auf dem Land aufgewachsen, wie sie sagt, hat lange in Köln gelebt und ist nun, nach einer längeren Diaspora in Aachen wieder in die rheinische Heimat zurückgekehrt. In ihrem ersten Vortrag geht es um erfolgreiche Musik, die keiner braucht. Tempo und Intonation des Vortrags ist gleich anzumerken, dass die 23-Jährige, die in Aachen Gesellschaftswissenschaften studiert hat, zu den Profis der Szene gehört. Die frische, unverbrauchte und sehr authentische Sprache sorgt für Spaß und erlaubt Wahrheiten, ohne albern zu werden. Im zweiten Vortrag, den sie nach der Pause auswendig vorträgt, verfällt sie streckenweise in den Rap-Rhythmus, der sich seit vielen Jahren bei solchen Wettbewerben hält, aber im Grunde inzwischen eher langweilt. Dabei ist ihr Liebesgedicht von jugendlicher Schönheit durchzogen.

Geradezu erschreckend ist der Auftritt von Bernhard Schmidt-Hackenberg als Friedrich Schiller. Der Schauspieler sammelte eine Menge Lorbeeren beim Jungen Schauspiel. Schiller war ein hochgebildeter Mann, seiner Zeit weit voraus und modisch absolut auf dem qui vive. Hier tritt er als Finanzbeamter mit Designer-Brille auf. Darüber kann man diskutieren. Die Schauspieler wurden nicht gezwungen, Texte aufzusagen, sondern haben sie selbst ausgewählt. Die Bürgschaft zu verjuxen, ist albern und eines so begabten Schauspielers wie Schmidt-Hackenberg nicht würdig. Auch sein „Schnelldurchlauf“ im zweiten Teil liegt künstlerisch vollkommen daneben. Nein, das ist kein Statement eines verkrusteten Kritikers, der auf Jamben und Rhythmen besteht. Sondern von einem Schauspieler darf man, ähnlich einem Liedsänger, erwarten, dass er das Werk ernstnimmt. In einer Zeit, in der die „Klassiker“ zunehmend in Verruf geraten, wäre es an jemandem wie Schmidt-Hackenberg gewesen, daraus keinen Klamauk zu machen, sondern eine spannende Ballade zu inszenieren.
Perfekt unglücklich verliebt ist Sandra Da Vina im ersten Auftritt. Ungeschminkt und in „basics“ gekleidet, verkauft sie sich unter Wert. Das gleicht sie mit zwei ungemein starken Texten aus. Und kann sich später mit dem Schrebergarten von „Oppa“ noch mal steigern. Da löst sich die berüchtigte Ruhrpott-Nostalgie in Poesie auf, im Vortrag absolut perfekt. Ihr Buch löst keinen Kaufimpuls aus, weil man sie nicht lesen, sondern hören muss. Als nächstes muss also unbedingt ein Hörbuch her.
Das braucht es bei Hanna Werth nicht, die die Texte Die Axt und Ich esse nichts mehr von Ágota Kristóf vorträgt. Aber ihr Vortrag im historischen Kostüm und mit allerlei performativen Einfällen macht Spaß und begeistert Publikum und Kritik.
Schwieriger wird es da bei Jakob Kielgaß. Er bietet keine humorvollen, eingängigen Texte, die in das Unterhaltungsbedürfnis des Publikums passen, sondern eher Pamphlete über Worte oder den Sisyphos in uns allen. Zitternd wie Espenlaub, trägt der hagere Poet (Selbst-)Einsichten vor, die irgendwie stimmen könnten, sich aber wie Blei über das Publikum ergießen. Das Publikum akzeptiert das und reagiert mit freundlichem Applaus. Gefragt sind solche Texte in unserer Zeit nicht. Gratulation gibt es auf jeden Fall für den Vortrag.
Dann tritt Alexej Lochmann als Karl Marx auf. Man muss nicht mögen, dass er übergewichtig im roten Morgenmantel erscheint, diesen aufreißt, um seinen Slip mit Euro-Symbolen zu zeigen und mit der Hand hineinfährt, bloß, weil es um das Geld geht. Aber er kniet sich rein. Trägt den Uralt-Text zum Kapitalismus mit dergleichen Inbrunst vor, wie er später über das Verhältnis von Kommunismus und Proletariat referiert. Ein Vollblut-Schauspieler, der die „Slammer“ in ihre Schranken weist und zeigt, wie viele Möglichkeiten mehr in einem Text stecken. Das erkennt auch Da Vina neidlos an, als er später als Gewinner des Wettstreits in der direkten Abstimmung gegen sie hervortritt.
Dass Lochmann auch gleich die Sektflasche des Siegers köpft, um ihren Inhalt mit allen zu teilen, beweist, dass hier der rechte Mann gewonnen hat. Und das von einer Freundin aus dem Publikum vorgetragene Liebesgedicht von Marx, die von ihm dazu auserkoren wurde, bringt dem Abend den Frieden, um den es Marx ging.
Es gab viel Poesie, viel Spaß und den Geist des Poetry-Slams an diesem Abend. Das haben die Besucher genossen. Was allmählich ein bisschen auf den Geist geht, ist der vorauseilende Gehorsam in Sachen Geschlechtlichkeit. Beim Sprechen noch das Sternchen einbauen zu wollen, ist grotesk. Vielleicht stünde es dem Festival besser an, sich an die allgemeingültigen Regelungen des Dudens zu halten und damit das Ausatmen vor dem „innen“ zu vermeiden. Der Poesie ist es sicher nicht abträglich.
Michael S. Zerban