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PIANO SOLO
(Bojan Z)
Besuch am
20. Monat 2017
(Einmaliges Gastspiel)
Was ist Heimat? Über diesen Begriff wird in Deutschland spätestens seit Einführung eines „Heimatministeriums“ wieder verstärkt diskutiert. Ist es der Geburtsort, der Ort, an dem du aufgewachsen bist oder vielleicht auch der Ort, an dem du die längste Zeit deines Lebens verbracht hast? Dass all diese Orte identisch sind, wird in der Gegenwart immer seltener. Vielleicht ist es auch gar kein Ort, sondern mehr ein Seelenzustand. An diesem Abend kann man beim Asphalt-Festival viel darüber nachdenken, wenn da einer zu Gast ist, der in Jugoslawien, genauer in Belgrad, geboren und damit heute Serbe ist, aber seit 30 Jahren in Paris lebt.
Die Rede ist von Bojan Zulfikarpašić, der sich selbst gern Bojan Z nennt. Mit fünf Jahren begann er in Belgrad damit, das Klavierspiel zu erlernen. 45 Jahre später gilt er als einer der weltbesten Jazz-Pianisten, der sich vor allem durch eigene Kompositionen und Improvisationen verdient gemacht hat. In Frankreich zählt er zu den bekanntesten Persönlichkeiten und ist selbstverständlich neben zahlreichen anderen bedeutenden Auszeichnungen Chevalier des Arts et Lettres, also Ritter vom Orden der Künste und der Literatur. Der Orden wird verliehen an Personen, die „sich durch ihr Schaffen im künstlerischen oder literarischen Bereich oder durch ihren Beitrag zur Ausstrahlung der Künste und der Literatur in Frankreich und in der Welt ausgezeichnet haben“. Der solchermaßen Geehrte tritt entspannt in T‑Shirt, Jeans und Turnschuhen auf, nachdem ihn Bojan V überschwänglich in der Glashalle angekündigt hat. Sein Arbeitsplatz vor der einigermaßen gut besuchten Tribüne besteht aus einem Konzertflügel der gehobenen Klasse und einem Fender Rhodes mitsamt Zusatzgeräten und Lautsprecher.
Das Rhodes Piano ist ein elektromechanisches Instrument mit einem sehr eigenen Klang. Liebhaber der Gruppe The Doors kennen es aus dem Stück Riders on the Storm aus dem Jahr 1971. Ray Manzarek ahmt darin mit einem Fender Rhodes die Regengeräusche nach. Nutzt man das Gerät als reines Tasteninstrument, bietet es einen Klang zwischen Gitarre, Orgel, Glocken und Klavier. Unnachahmlich, würden Fans vermutlich behaupten. Tatsächlich gibt es heute kein Instrument mehr, das dem Klang nahekommt, wenn man vielleicht vom Wurlitzer 200 A absieht, dessen Klangbild aber härter erscheint. Auch digital gibt es bislang keine vergleichbare Lösung. Und so erleben die noch verfügbaren, historischen Instrumente von Harold Rhodes eine Renaissance vor allem im Bereich des Jazz.

Dass Bojan Z ein solches Instrument mitbringt, darf man also schon mal als Geschenk betrachten, auch wenn er es zunächst nicht weiter beachtet. Wort- und grußlos beginnt er, den Flügel zu bearbeiten. Die linke Faust bearbeitet rhythmisch den Hinterdeckel, die rechte greift in die Saiten. Erst allmählich wechselt er zur Tastatur, um das Stück Full Half Moon zu vervollständigen, das er der Stadt Sarajewo widmet. Auch das folgende Werk ist geprägt durch den Rhythmus der linken Hand, zu dem sich minutenlang die rechte Hand in immer neuen Improvisationen erhebt. Dann erst begrüßt er das Publikum. Um es anschließend zwischen den Stücken immer wieder mit Geschichten dazu zu erfreuen. Ob sich der, der seit drei Jahrzehnten sein Zuhause in Paris hat, bewusst ist, dass er über anderthalb Stunden von seiner Jugend, seiner Familie, seinen Eltern und seiner Heimatstadt erzählt? Es gibt ja immer viel über Paris zu erzählen, im Zweifelsfall Nostalgisches. Und es gäbe viel zu erzählen über seine Erlebnisse während seiner Karriere. Aber wir landen immer wieder in Belgrad.
Im dritten Werk wird es, was die Improvisation angeht, schon deutlich stärker. Und im vierten Stück empfindet Bojan eine ungarische Romanze nach – die sein Vater immer gespielt hat. Nein, Heimat ist nicht wehklagende Romantik, sondern kann sich ganz kraftvoll und modern gestalten. Vorerst gibt es noch Solobsessioned.
Nach der wieder einmal überzogenen Pause geht es endlich mit Home Town an den Fender Rhodes. Bojan verfügt über ein wahrhaftes Schmuckstück. Und unglücklicherweise über zahlreiche Zusatzinstrumente, die in erster Linie dazu dienen, für Verzerrungseffekte zu sorgen. Bojan selbst scheint sich hier noch in der Experimentierphase zu befinden. Und lässt das Publikum daran teilhaben. Das wirkt etwas wild und ungelenk. Wie schön, dass er noch die Geschichte dazwischenschiebt, wie seine Mutter eine Raubkopie nach Hause brachte und das als Spitze seiner Karriere empfand. Anschließend brilliert der Pianist mit einer Zigeuner-Weise, die er gänzlich politisch unkorrekt unter dem Titel CD-Rom ankündigt. Erfrischend. Eine Reminiszenz an seine Zusammenarbeit mit Henri Texier bietet Don’t buy ivory anymore.
Eindrucksvoll ist sicher, dass Bojan an beiden Instrumenten gleichzeitig spielt. Dass sich daraus erhebliche Klangdifferenzen ergeben, wird der Jazz-Fan sicher klaglos hinnehmen oder gar als Brüche, Reibungen und gelungene Gegensätze feiern. In den Ohren des Harmoniebedürftigen klingt hier einiges weniger passend.
Mit einer Reminiszenz an Duke Ellington zeigt Bojan Z noch einmal seine ganze Virtuosität. Es ist die einzige Zugabe an diesem Abend. Dass er dem Publikum Einblick in seine Arbeitsweise am Fender Rhodes gewährt, gefällt dem womöglich mehr als all die geschrubbten und fertigen Stücke. Jubel und nachhaltiger Applaus beschließen den Abend. Es ist spät geworden, aber die echten Fans wissen, dass das dazugehört. Und lange wird Bojan Z an diesem Abend noch umlagert. Das Asphalt-Festival darf einen weiteren Höhepunkt verzeichnen – und sich möglicherweise für einen Moment als Heimatort wähnen.
Michael S. Zerban