O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Massenproteste in Minsk © N.N.

Es geht um Gerechtigkeit

INSULTED. BELARUS(SIA)
(Andrei Kureichik)

Gesehen am
17. März 2021
(Premiere am 25. Februar 2021/​Stream)

 

Staats­theater Augsburg

Macht ist eine schreck­liche Krankheit. Wer sich einmal damit infiziert hat, kann sich offenbar nur schwer wieder davon befreien. Und manchmal hilft nur eine Radikalkur von außen, um das Macht­gefüge günstig zu beein­flussen. Ein aktuelles Beispiel dafür ist Alexander Lukaschenko, Staats­prä­sident von Weißrussland. Seit 26 Jahren herrscht der „letzte Diktator Europas“ über Menschen, die das schon lange nicht mehr wollen. Am 4. August vergan­genen Jahres begannen einmal mehr Schein­wahlen. Gegen Lukaschenko tritt an Swetlana Tichanowskaja als Vertretung ihres Ehemannes, der im Vorfeld als Kandidat verhaftet wurde. Ihr fliegen die Wähler­herzen zu. Am 9. August werden die offizi­ellen Wahler­geb­nisse bekannt­ge­geben. 80 Prozent der Stimmen seien für den Macht­haber abgegeben worden, lässt der verlauten. Unabhängige Wahlbe­ob­achter, obwohl sie von den Wahllo­kalen unter faden­schei­nigen Gründen fernge­halten werden, kommen zu einem ganz anderen Ergebnis. Danach ist die Amtszeit Lukaschenkos endgültig beendet, und Tichanowskaja hat die Wahl haushoch gewonnen. In der Folge erlebt das Land eine nie gesehene Protest­welle. Hundert­tau­sende Menschen gehen auf die Straße. Und Lukaschenko lässt auf sein Volk schießen. Es kommt zu Massen­ver­haf­tungen. Das brutale Vorgehen zeigt die ganze Hilflo­sigkeit eines alten Mannes, der von der Macht nicht lassen will.

Andrei Kureichik ist in seiner Heimat ein bekannter Drehbuch­autor, Drama­tiker, Regisseur und Publizist. Bis zum 9. August 2020 arbeitet er für die Unter­haltung. Zehn Tage später wird ihm klar, dass er zu den Gescheh­nissen in Weißrussland nicht länger schweigen kann. Der Mann aus Minsk versteckt sich in einem kleinen Dorf vor den Häschern Lukaschenkos und beginnt, ein Stück zu schreiben. Zwischen­durch setzt er sich in die Ukraine ab, weil der Aufenthalt in Belarus zu gefährlich wird. Das Stück, an dem er arbeitet, schreibt man nicht in einer Diktatur. Denn Kureichik schildert die jüngsten Ereig­nisse aus Sicht persön­licher betrof­fener Personen. Das Stück Insulted. Belarus(sia) wird ein sensa­tio­neller Erfolg in der Welt. Bis heute ist es in 20 Sprachen übersetzt und in 28 Ländern gezeigt worden. Bis Januar war Deutschland nicht dabei. Als Regisseur Andreas Merz-Raykov das Buch vor einiger Zeit in die Hände bekam, bot er es sofort etlichen Theatern an. Das Staats­theater Augsburg schlug zu. Und präsen­tierte am 25. Februar die Deutsch­land­pre­miere als Zoom-Konferenz. Merz-Raykov übernahm die Insze­nierung des inzwi­schen von Georg Dox in die deutsche Sprache übertra­genen Werks.

Jenny Langner als die Neue – Bildschirmfoto

Dem Regisseur gelingt ein großer Wurf, auch deshalb, weil er über ein überzeu­gendes Ensemble verfügt. Auch Bühnen­schau­spielern geht es bei einer Zoom-Konferenz nicht anders als anderen Menschen. Sie sind die Kamera kaum gewöhnt, fühlen sich vor dem kleinen Monitor nicht besonders wohl und müssen erst mal lernen, sich darauf zu konzen­trieren, dass da nicht nur ein Computer-Spiel statt­findet, sondern gerade der Beruf ausgeübt wird. Umso höher ist die Leistung zu bewerten, die Charaktere zu inter­pre­tieren, die Kureichik für sein Stück ausge­wählt hat. Thomas Prazak spielt den Alten, in dem unschwer Lukaschenko zu erkennen ist. Ein belei­digter alter Mann, der immer noch im Glauben verharrt, für „sein“ Volk unent­behrlich zu sein, und nicht versteht, wie man so undankbar wie die Weißrussen sein kann. Der Junge, Lukaschenkos Sohn, ist ebenfalls beleidigt. Florian Gerteis zeigt uns die wahren Probleme eines Dikta­to­ren­sohnes auf. Die ständige Überwa­chung durch die Nanny, Computer-Spiele­verbot und eine mangel­hafte Netzver­bindung können einem das Leben echt vermiesen. Die Neue, das ist Swetlana Ticho­nowskaja, überzeugt in der Schlichtheit ihrer Motive, und Jenny Langner erklärt glaubhaft, warum die junge Frau so gut beim Volk ankommt. Mirjam Birkl bringt kurzfristig frischen Wind in das grausige Spiel, wenn sie die Optimis­tische mit viel guter Laune gibt. Sie scheint auch Grund dazu zu haben, bereitet sie sich doch auf die Hochzeit ihrer Schwester vor, noch nicht wissend, dass daraus nichts wird. Der Zukünftige der Schwester ist Kai Windhövel, der die Mannschaften Lukaschenkos auf der Straße reprä­sen­tiert. Ihm nimmt man die Freuden des einfachen Mannes ab, der mit der Politik nicht viel am Hut hat, aber beim Militär ein gutes Geld verdient, mit dem er sich diese Freuden erfüllen kann. Viel Spaß am einfachen Leben hat auch der Leichnam, der von Patrick Rupar äußerst glaub­würdig vom Hooligan zum Protestler auf der Straße befördert wird. Die Absur­dität der Wahlen wird, wie vom Buch verlangt, ein wenig holzschnitt­artig, fast schon komödi­an­tisch von Andrej Kaminsky als Direk­torin eines linien­treuen Gymna­siums vorgeführt.

Thomas Prazak als der Alte – Bildschirmfoto

Merz-Raykov verwebt das Geschehen zu einem Kammer­schau­spiel, bei dem man schon nach wenigen Minuten vergessen hat, dass es sich um eine Zoom-Konferenz handelt. Noch dazu mischt er Bilder von der Massen­be­wegung in Weißrussland in das letzte Drittel des Stücks, die das Drama auch visuell verstärken. Obwohl die Handlung technik­be­dingt kaum über ein Mindestmaß hinausgeht, verstehen die Schau­spieler es, mit ihren kleinen Gesten das Stück zu beleben. 75 Minuten vergehen hier wie im Fluge, und zurück bleibt ein Zuschauer, der sich von politi­schem Theater so gefangen zeigt wie wohl schon lange nicht mehr.

Mit dem Unwohlsein aber kommen auch die Fragen. Es ist das altbe­kannte Problem. Ein Staat ist autonom. Das gilt für Afgha­nistan, Syrien oder Weißrussland. Wie also soll man sich einmi­schen – außer mit einer Solida­ri­täts­adresse? Aber schon da ist die Frage, ob sie richtig ist. Natürlich gelten die Sympa­thien dem Volk, das friedlich auf Plätzen aufmar­schiert, Fabriken bestreikt und bis in die kleinen Dörfer hinein seinen Unwillen kundtut. Natürlich ist der Schrecken groß über die brutalen Bilder, die über die Monitore flimmern. Aber darf man sich als Deutscher in die Gescheh­nisse eines anderen Landes einmi­schen, noch dazu als Deutscher, der sich gerade selbst hilflos von einem Politi­kerclub herum­schubsen und seiner Grund­rechte berauben lässt? Immerhin hat sich die deutsche Regierung den Staaten angeschlossen, die Lukaschenko nicht mehr als recht­mä­ßigen Herrscher des Landes anerkennen. Aber damit hat es sich auch schon. Sanktionen? Fehlan­zeige. Wenigstens eine angemessene Bericht­erstattung über die aktuellen Gescheh­nisse in Weißrussland? Nichts. Statt­dessen erzählen übereifrige Nachrich­ten­mo­de­ra­toren von Belarus, so wie sie ja sonst auch von France und Italia berichten. Und so bleibt Wut und Unbehagen nach einem tief beein­dru­ckenden Stück, das als großartige schau­spie­le­rische Leistung eigentlich viel Applaus verdient hätte. Aber so ist das mit richtig gutem politi­schem Theater eben.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: