O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Foto Hofer

Emanzipierte Damenwelt

DER VOGELHÄNDLER
(Carl Zeller)

Besuch am
12. August 2023
(Premiere am 15. Juli 2023)

 

Lehár-Festival Bad Ischl

Wenn die Wiener in ihrem Carl Zeller, neben Franz von Suppè, Johann Strauß Sohn und Carl Millöcker, den vierten ihrer Operet­ten­klas­siker der „Goldenen Ära“ sehen, so hat wohl bis auf den heutigen Tag vor allem seine erfolg­reichste Operette Der Vogel­händler den entschei­denden Anteil an solcher Wertschätzung. Moritz West und Ludwig Held haben die urwüchsige und volks­tüm­liche Handlung in der ersten Hälfte des 18. Jahrhun­derts in der Rhein­pfalz angesiedelt. Urauf­ge­führt am 10. Januar 1891 im Theater an der Wien, ist der Vogel­händler bis heute eine der meist­ge­spielten Operetten. Das liegt natürlich auch am Bekannt­heitsgrad vieler Ohrwürmer wie Grüß euch Gott, alle mitein­ander, Ich bin die Christel von der Post, Schenkt man sich Rosen in Tirol und Wie mein Ahn’l zwanzig Jahr sowie zwei Verfil­mungen. Für das Lehár-Festival in Bad Ischl ist Der Vogel­händler natürlich präde­sti­niert. Eine der bekann­testen Operetten im Mekka der Operette zwischen vielen Operet­ten­lieb­habern und ‑kennern, das weckt eine Erwar­tungs­haltung. Und nachdem die Madame Pompadour beim diesjäh­rigen Festival schon mal so richtig gezündet hat, ist die große Frage, wie Der Vogel­händler beim Publikum ankommen wird. Regis­seurin Anette Leisten­schneider, die schon einige Operetten insze­niert hat, ist das erste Mal in Bad Ischl und hat Respekt vor dem Festival und seinem Publikum. Die größte Heraus­for­derung für sie sei die Zuschau­er­er­wartung, die sie in oberster Priorität erfüllen möchte. Um es vorweg­zu­nehmen, die Erwar­tungs­haltung hat sie nicht nur erfüllt, sondern ganz klar übertroffen. Es ist eine durchweg klassische Insze­nierung mit modernen Elementen, angesiedelt in den 1950-er Jahren, mit einer witzig-komödi­an­ti­schen Dialog­fassung ohne unnötige Längen, mit viel Aktion und Wirbel auf der Bühne, so dass es dem Zuschauer keine einzige Sekunde langweilig oder zu viel wird.

Foto © Foto Hofer

Die Geschichte selbst ist heiter, leicht frivol und etwas banal. In einem pfälzi­schen Dorf am Rhein herrscht große Aufregung: Der Kurfürst hat sich zur Jagd angesagt. Er möchte ein Wildschwein erlegen und eine Jungfrau empfangen. Mit beidem kann die etwas verschlafene Gemeinde nicht dienen. Die Wildschweine sind längst gewildert, und Jungfrauen gibt es auch schon lange nicht mehr.

Deshalb ist Baron Weps, der Wildmeister des Kurfürsten bereit, gegen ein hohes Bestechungsgeld dem Kurfürsten ein zahmes Hausschwein und eine Witwe vorzu­führen. Doch dann wird die Jagd kurzfristig abgesagt, für den Wildmeister fatal, denn Baron Weps speku­lierte auf ein Sümmchen aus der Gemein­de­kasse zur Tilgung der Spiel­schulden seines Neffen Stanislaus. Weps, der das Geld natürlich behalten möchte, lässt deshalb seinen Neffen Stanislaus als Kurfürsten auftreten, da den echten Adels­herrn im Dorfe eh keiner kennt. Während­dessen trifft die Kurfürstin ein, um, als Bauern­mädchen verkleidet, ihren Gatten in flagranti zu erwischen, dessen Jagdlei­den­schaft eher den zweibei­nigen Rehen gilt. Gleich­zeitig kommt der Tiroler Vogel­händler Adam an, um seine Braut Christel, eine burschikose Postbe­amtin, zu besuchen. Die wiederum möchte beim Kurfürsten für Adam eine Stellung als Menagerie-Inspektor erbitten, damit die beiden endlich heiraten können. Es beginnt ein fröhliches Spiel der Verwechs­lungen, Eifer­süch­te­leien und Liebelei. Adam verlässt zunächst seine Christel wegen ihrer vermeint­lichen Liaison mit dem Kurfürsten und dem vermeint­lichen Bauern­mädchen Marie, die in Wirklichkeit die Herzogin ist, und Stanislaus selbst soll die alternde Baronin Adelaide heiraten, natürlich wegen ihres Reichtums. Viel Komik entsteht, wenn die höfisch-aristo­kra­tische Welt der Kurpfalz auf das Milieu eines Bauern­dorfes trifft und jeder die anderen hinters Licht führen oder deren wahre Neigungen und Absichten ergründen möchte. Am Ende wird alles gut, die Paare finden sich, sogar die beiden Prodekane scheinen mehr als nur „Kollega“ zu sein, und die emanzi­pierte Kurfürstin entscheidet sich am Schluss für den Dirigenten der Aufführung.

Leisten­schneider zeichnet vor allem ein Bild von starken und emanzi­pierten Frauen, die das Heft des Handelns jederzeit in der Hand haben, ohne dass die Männer hier als unter­würfige Figuren degra­diert werden. Ihr Adam ist ein stolzer viriler Tiroler Natur­bursch, der etwas hemds­är­melig daher­kommt, in Leder­tracht mit offenem Hemd, durchaus ein Hingucker. Die Christel, die mit einem Fahrrad durch das Theater saust, entpuppt sich, nachdem sie die Uniform abgelegt hat, als fescher Feger, die mit ihrem etwas depperten Adam doch so ihre liebe Mühe hat. Die Kurfürstin erscheint als Frau, die mit beiden Beinen auf dem Boden steht und das Zepter des Handelns in die Hand nimmt.

Foto © Foto Hofer

Leisten­schneider bedient zwar durchaus die gängigen Operet­ten­kli­schees, die aber in dieser Insze­nierung einfach herrlich passen und höchste Unter­haltung garan­tieren. Das Bühnenbild von Sabine Lindner zeigt im ersten Bild eine schon fast düstere Außen­szene, die dem Freischütz entliehen sein könnte, dann wandelt sich das Bild, mit wenigen Requi­siten werden die Räume einfach, aber passend darge­stellt. Und die Kostüme von Sven Bindseil wechseln von edler Opulenz bis hin zur lässigen Tracht. Vielseitig und bunt, auf jeden Fall was fürs Auge. Köstlich auch das Duett der beiden Möchtegern-Profes­soren Süffle und Würmchen im frosch­grünen Ornat, hier werden alle Operet­ten­kli­schees im besten Sinne bedient.

Musika­lisch und sänge­risch ist das einsame Spitze, was das Ensemble des Lehár-Festivals an diesem Abend auf die Bühne bringt. David Sitka gibt den Vogel­händler Adam mit großer Geste, einschließlich tenoralem Glanz und Strahl­kraft in den großen und bekannten Arien, die ein jeder im Ohr hat. Sein Auftrittslied Grüß euch Gott, alle mitein­ander kommt spritzig daher, macht sofort Lust auf mehr. Für das große Duett Schenkt man sich Rosen in Tirol mit Corina Koller gibt es fast einmi­nü­tigen Szenen­ap­plaus, und auch für sein zweites großes Lied, Wie mein Ahn’l zwanzig Jahr, erhält Sitka langan­hal­tenden Beifall. Corina Koller, die in Bad Ischl ihr Rollen­debüt als Kurfürstin gegeben hat, gibt diese Partie mit strah­lendem lyrischem Sopran und großem Ausdruck, ihr Spiel ist von einer natür­lichen Grandezza geprägt. Wunder­schön auch ihre große Arie zu Beginn des dritten Akts, Als geblüht der Kirschenbaum, sehr gefühlvoll vorge­tragen. Besser kann man die Partie kaum noch anlegen. Jenifer Lary als Christl weiß mit hohem Kolora­tur­sopran und kokettem Spiel zu begeistern, ihr Auftrittslied reißt das Publikum mit, und auch im Terzett Kämpfe nie mit Frau‘n mit Stanislaus und Adam setzt Lary die Duftnoten.

Foto © Foto Hofer

Patricia Nessy kann durch ihre physische Präsenz, durch ihren kräftigen Mezzo­sopran und durch ihr burschi­koses Spiel als Baronin Adelaide überzeugen. Gerd Vogel gibt den gelackten Baron Weps mit großer Geste und wohltö­nendem Bariton und ist für diese Rolle einfach eine Bank. Jonathan Hartzendorf als Graf Stanislaus weiß mit schön­ge­färbtem Spiel­tenor und komödi­an­ti­schem Spiel zu gefallen, und Tim Winkel­höfer lässt als Dorfschulze Schneck stimmlich und spiele­risch aufhorchen. Unschlagbar komisch sind Ivo Kovrigar und Tomaz Kovacic im Duett als Süffle und Würmchen. Der verstärkte Chor des Lehár-Festivals ist von Matthias Schober­walter hervor­ragend einstu­diert und zeigt große Spiel­freude. Ein Sonderlob haben sich wieder das Tanzensemble für seine großar­tigen Einlagen und Katharina Glas für die fetzige Choreo­grafie verdient, einschließlich Schuhplattler.

Marius Burkert am Pult des Franz-Lehár-Orchesters lässt einen flotten und spannungs­reichen Zeller spielen, begleitet Sänger wie Chor mit großem Engagement und Gefühl für die beson­deren Momente und zeigt erneut seine beson­deren Quali­täten für dieses Genre. Das Publikum ist am Schluss restlos begeistert, es gibt großen Jubel für das gesamte Ensemble.  Das Lehár-Festival 2023 zeigt, warum es derzeit das Zentrum der Operette ist, mit einer ausge­wo­genen Mischung aus Operet­ten­klas­sikern und Raritäten. Der Vogel­händler von Carl Zeller und die Madame Pompadour von Leo Fall haben voll gezündet, und die wunderbare Operet­ten­kost­barkeit Schön ist die Welt von Franz Lehár war ein musika­li­scher Hochgenuss. Insgesamt ein großar­tiges Erlebnis, mit Vorfreude auf das nächste Festival im kommenden Jahr, wenn mit Carl Millö­ckers Der Bettel­student und Paul Abrahams Märchen im Grand­hotel wieder zwei Operet­ten­klas­siker auf dem Programm stehen, ergänzt durch das so gut wie vergessene Werk Der Stern­gucker von Franz Lehár.

Andreas H. Hölscher

Teilen Sie O-Ton mit anderen: