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CLARA
(Victoria Bond)
Besuch am
14. April 2019
(Uraufführung)
In den Sommermonaten der Jahre 1865 bis 1874 wohnte Johannes Brahms nicht mehr, wie zuvor, im Hotel Bären, sondern bezog eine kleine Dachwohnung im Haus der Witwe Becker. Heute beherbergt das Brahms-Haus im Baden-Badener Stadtteil Lichtental die einzige musikalische Gedenkstätte für den Komponisten in Deutschland und ist Anziehungspunkt für Komponisten, Interpreten, Musikwissenschaftler und Studenten aus aller Welt. 1996 war die Dirigentin, Komponistin und Hochschullehrerin Victoria Bond zum ersten Mal hier. Im Rahmen eines Stipendiums entstand hier die Idee, eine Oper über Clara Schumann zu komponieren. 2010 kehrte sie zurück, um den ersten Akt zu schreiben. Und drei Jahre später vollendete sie ebenfalls in Baden-Baden den zweiten Akt und machte die Oper so zu einem abendfüllenden Werk. Barbara Zinn Krieger steuerte ein Libretto bei, das sich nach amerikanischer Musical-Manier auf die bekanntesten Lebensstationen von Clara Schumann stützt: Den Vater mit seiner „neuen Lehrmethode“, der aus Clara das Wunderkind machte, die Ehe mit Robert Schumann und den Niedergang Robert Schumanns. Einmal mehr wird die zweite Lebenshälfte der Komponistin ausgeblendet, obwohl die nicht nur einen neueren Ansatz geboten hätte als das, was sonst schon üblicherweise über Schumann verfasst wurde, sondern möglicherweise auch die aus Frauensicht viel interessantere ist. Ganz nebenbei wäre auch die Beziehung zu Baden-Baden sehr viel deutlicher geworden, denn erst 1863 siedelte sie für zehn Jahre in die Kurstadt im Schwarzwald um.
Es ist bezeichnend für die aktuelle Opernlandschaft, dass es selbst bei einem erfolgreichen Komponisten einfach mal sechs Jahre dauert, bis eine fertige Oper auf die Bühne kommt. Immerhin schafft es Clara – so hat Bond ihre Oper benannt – noch rechtzeitig zum 200. Geburtstag der gebürtigen Clara Wieck im Theater Baden-Baden auf die Bühne. Das geschieht im Rahmen der Osterfestspiele und damit im Schatten einer Otello-Aufführung, die Robert Wilson inszeniert, Zubin Metha dirigiert und eine Sonya Yoncheva als Desdemona aufbietet. Erfreulich, dass die zeitgenössische Oper trotzdem bis auf den letzten Platz ausverkauft ist.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Das Regie-Team interessiert sich sowieso ausschließlich für das, was da auf der Bühne des Theaters Baden-Baden passieren soll. Das Festspielhaus scheint unendlich weit weg. Für Regisseurin Carmen C. Kruse steht die Psychologie im Vordergrund. Es geht ihr weniger um die äußerlichen Abläufe als vielmehr um die inneren Spannungen der Protagonisten. Deshalb hat sie sich gemeinsam mit Bühnen- und Kostümbildnerin Eleni C. Konstantatou und Dramaturgin Rebekka Meyer für eine naturalistische Bühnenlandschaft entschieden. Die Drehbühne unterscheidet sich bei genauerem Hinsehen in drei Landschaften. Da gibt es ein Birkenwäldchen, eine Gesteinslandschaft und einen Sandstrand. Umgeben ist die Bühne teilweise von einer so genannten Spionagefolie, die je nach Lichteinfall für Lichtdurchlässigkeit oder eine spiegelnde Fläche sorgt. Letzteres ist vor allem aus theatralischer Sicht ein mehr als gelungener Einfall – ermöglicht er doch eine Vervielfältigung der Spielorte genauso wie eine erweiterte Kommunikation und Reflektion der Darsteller.
Die können an diesem aus der Zeit gefallenen Ort im Wortsinn spielen. Also nicht irgendwelche Instrumente bedienen, sondern im Sand Häufchen bauen, auf den Steinen herumspringen oder Nachlaufen zwischen den Bäumen ausprobieren. In diesem Seelenraum könnte sich tatsächliche Tiefe aufbauen – wenn das Libretto sie hergäbe. Hier wäre ja auch Raum für großartigen Gesang. Selbst in der Tiefe der Bühne sind die Sänger noch gut zu verstehen. Aber den bietet die Komponistin nicht an. Immerhin gibt es Duette, Terzette, sogar zum Chor schließen sich die Protagonisten zwischenzeitlich zusammen. Aber eingängige Gesangslinien, anspruchsvolle Ausbrüche oder gar Melodien sind nicht vorgesehen. Und so sind die Rollen gut beherrschbar, zumal Kruse in der Raumaufteilung ein gutes Gespür beweist und die Sänger schauspielerisch nicht überfordert. Für etwas ausgefallenere schauspielerische Einlagen sorgen die Schauspieler Lili Lorenz und Holger Stolz sowie ein Kind, die Kruse der Szene als Allegorien hinzufügt.

In diesem Schonprogramm fühlen die Sänger sich sichtlich wohl und können glänzen, was das Zeug hält. Theresa Immerz zeigte eine begeisternde Clara und vor allem glaubhaft deren Entwicklung. Schumanns Entwicklung liegt bei Johannes Fritzsche in sehr guten Händen. Einen schön störrischen und griesgrämigen Wieck gibt Pascal Zurek zum Besten. Jugendlich frisch und alert, wie es sich für den jungen Brahms gehört, tritt Patrik Hornak auf. Elisabetta Picello gefällt als Clementine, Yingyan Guo als Marianne. Arthur Canguçu rundet das Ensemble als Mendelssohn angenehm ab.
Für die Osterfestspiele hat Bond eigens noch eine Kammerorchester-Fassung geschrieben. Und so tritt die Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker mit zwölf Musikern unter der Leitung von Michael Hasel an, in der Begleitung der Pianistin Olga Wien die erweiterte Partitur zu absolvieren. Das Klavier, das sich vor allem auf Zitate der Schumanns und Brahms‘ konzentriert, wirkt in dem Zusammenhang eher wie ein Fremdkörper. Eine Kommunikation zwischen dem Dirigenten und den Sängern wird nicht ersichtlich, dafür liefern die Musiker ordentliche Begleitmusik zur Bühne ab.
Alles in allem also nette zwei Stunden, die kurzweilig verrinnen. Unterhaltsam, amerikanisch eben. Entsprechend erfreut zeigt sich das Publikum, das sämtliche Akteure ausgiebig feiert. Es wird sicher kein Stück für die Ewigkeit, aber im Mai wird es in das Repertoire des Baden-Badener Theaters übernommen. Und dann könnte sich ein Besuch durchaus lohnen. Denn dann wird die Trio-Fassung mit Olga Wien am Klavier, Alexander Kozarov an der Geige und Oliver Ehrlich am Cello zu hören sein. Ganz abwegig ist die Vorstellung nicht, dass das Werk in dieser Instrumentierung noch einmal deutlich an musikalischer Tiefe gewinnt.
Hören Sie auch den Audiobeitrag mit Carmen C. Kruse.
Michael S. Zerban