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Foto © Andrea Kremper

Eine lange Geschichte

LES CONTES D’HOFFMANN
(Jacques Offenbach)

Besuch am
25. November 2018
(Einmalige Aufführung)

 

Festspielhaus Baden-Baden

Les Contes d‘ Hoffmann – eine fantas­tische Oper mit einer Rahmen­handlung und drei Geschichten in drei Akten. Ein Stoff, der passend ist für ein Hörbuch, das eine lange Autofahrt versüßen kann. Dazu ist diese Oper selbst eine Geschichte der Forschung. Grund dafür ist der allzu frühe Tod des Kompo­nisten Jacques Offenbach, der vier Monate vor der Urauf­führung im Februar 1881 an der Opéra comique in Paris einen Flicken­teppich hinter­lässt, der durch den Kompo­nisten Ernest Guiraud zusam­men­gefügt werden muss. Es folgt über das nächste Jahrhundert eine Suche nach den Manuskripten, die bei Erben oder Biblio­theken gefunden werden. Eine Fassung der Oper jagt die nächste. Nach- und Vorteil der diversen Fassungen und Striche ist gleicher­maßen, dass man als Zuhörer nicht weiß, was ihn bei einer Aufführung erwartet. Das kann es sein, dass der beliebte Bariton-Ohrwurm Scintille diamant, der erst 1904 in die Partitur eingefügt worden ist, gar nicht vorkommt. So auch bei der konzer­tanten Aufführung im Festspielhaus Baden-Baden, geleitet von Marc Minkowski. Gespielt wird die sogenannte Kaye/Keck-Fassung, sozusagen der letzte Schrei der Forschung. Minkowski, Spezialist für histo­rische Auffüh­rungs­praxis, hat nahezu alle gängigen Striche geöffnet und präsen­tiert mit seinem Orchester Les Musiciens du Louvre diese zwischen Realität und Fiktion schwan­kende Geschichte in voller Länge und Dichte.

Zusammen gefasst klingt die Rahmen­handlung, Prolog und Epilog, sehr simpel. Der Dichter Hoffmann erzählt in Luthers Weinstube einigen Studenten von seinen drei großen Liebschaften, die allesamt tragisch enden. Als er fertig erzählt hat, ist er so betrunken, dass er nicht verhindern kann, dass sein Wider­sacher Lindorf mit seiner Geliebten Stella davon geht. In Stella manifes­tieren sich die drei großen Liebschaften: Die Puppe Olympia, die von Coppelius zerstört wird. Die Sängern Antonia, die von dem dämoni­schen Dr. Miracle in den Tod getrieben wird. Die Kurtisane Giulietta, die für den zwielich­tigen Daper­tutto Hoffmanns Spiegelbild raubt, indem sie dem Dichter ihre Liebe vorspielt. Begleitet, gelenkt, beobachtet wird Hoffmann in allen Situa­tionen dieser Oper von der Muse, die in die Gestalt seines Freundes Nickl­ausse geschlüpft ist. Sie möchte den Dichter von seinen Liebes­aben­teuern abbringen, so dass er sich fortan nur noch seiner Kunst widmet.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Publikum



Chat-Faktor



Diese unter­schied­lichen Stimmungen einzu­fangen, gelingt dem Orchester Les Musiciens du Louvre ausge­zeichnet. Minkowski und seine Musiker präsen­tieren sich nicht als gemüt­liche Märchen­onkel, sondern als kluge Erzähler eines facet­ten­reichen Romans, der sich bis an die Grenzen eines Thrillers entwi­ckelt. Aber so, wie Genres verschwimmen, so chimä­ren­artig ist auch der Ausdruck in den Instru­menten. Mal ausge­lassen tobend, dann wieder fein und durch­sichtig wie ein Nebel­hauch. Auf zärtliche, liebende Motive folgen drama­tische Ausbrüche, die forsch voran­streben. Ähnlich wandelbar zeigt sich der von Walter Zeh einstu­dierte Philhar­monia-Chor Wien, der von den Geistern des Weins über eine sensa­ti­ons­süchtige Gesell­schaft bis hin zum rachsüch­tigen Pöbel alle Rollen mit sehr guter Gesangs­kultur ausfüllt.

Angekündigt ist eine konzer­tante Aufführung. Tatsächlich aber spielen die Sänger rund um das Orchester, mitunter sogar auf dem Zuschau­er­balkon. Requi­siten wie Stühle, Tische, Messer sind auch vorhanden. Sogar mit dem Licht wird gespielt. Romain Gilbert hat eine drama­tur­gische Einrichtung vorge­nommen, die eine szenische Aufführung mit Bühnenbild nicht vermissen lässt. Aller­dings geht die nicht völlig auf, weil Charles Castronovo und stellen­weise auch Olga Peretyatko noch mit Noten singen. Castronovo ist bei seinem Rollen­debüt noch etwas vorsichtig. Der Blick ist mehr abwärts auf die Noten als nach vorne gerichtet.  Aller­dings zeigt die Aufführung, dass der Tenor mit dem abgedun­kelten Timbre ein großes Potenzial hat, sich den Hoffmann zu eigen zu machen. Er singt die Rolle mit viel Gefühl, und seine Stimme klingt in jedem Takt attraktiv und wohlge­formt. Vielleicht ist das gerade der Nachteil, denn so richtig geht diese dankbare wie schwierige Figur nicht unter die Haut. Ebenfalls noch nicht ganz verin­ner­licht hat Olga Peretyatko die nicht minder anspruchs­volle Aufgabe, den drei Frauen­ge­stalten das richtige Profil zu geben. Der Olympia, hier eher als junges Mädchen darge­stellt, fehlt eben das Puppen­hafte. Sie wirkt trotz sicherer Kolora­turen und glasklaren Tönen dieser Rolle entwachsen. Das kommt dann ihrer Antonia zu Gute, die an Emotio­na­lität und lyrischer Empathie nicht zu überbieten ist. Die Giulietta ist nach dieser Glanz­leistung eine Spur zu gekünstelt. Da kann sie mit ihrer Stimme noch so verfüh­re­risch gurren und in ihrem roten Kleid noch so famos aussehen – die Kurtisane nimmt man ihr nicht ab. Luca Pisaroni darf in diesem Rahmen sein Rollen­debüt als die vier Schurken Lindorf, Coppéllius, Miracle und Daper­tutto mit Erfolg zelebrieren. Aller­dings fehlt es seiner Stimme doch an Resonanz und Kraft, um in den großen Ensembles präsent zu bleiben. Das ist auf der anderen Seite wieder ein Vorteil, denn so feinsinnig menschlich böse, so sorgfältig in der Textbe­handlung hört man diese Figuren auch selten.

Foto © Andrea Kremper

Neben dem Lindorf hinter­lässt er als Miracle den besten Eindruck. Denn in diesem Akt stimmt einfach alles. Zunächst das atmosphä­rische Terzett mit Hoffmann und Antonias Vater Crespel, dem Jean-Vincent Blot starkes Profil gibt. Danach die große Verführung der Antonia durch Miracle, in der der teuflische Doktor sogar die Stimme der toten Mutter instru­men­ta­li­siert. Neben Pisaroni und Peretyatko darf hier Aurélia Legay für Gänsehaut sorgen. Heiteres-skurriles steuert Mathias Vidal als Diener Frantz bei, eine gelungene Mischung aus Gesang, Schau­spiel und Körper­be­herr­schung – ganz gleich, dass er versucht, den Zuhörern genau das Gegenteil weiszu­machen. Auch die weiteren Neben­rollen sind mit Marc Mauillon und Chris­tophe Mortagne würdig besetzt.

Das letzte Wort hat die Mezzo­so­pra­nistin Aude Extrémo als Muse. In einer bewegenden Apotheose weist sie dem gebro­chenen Künstler den Weg: „Groß wirst du durch die Liebe, aber man wächst mit dem Schmerz.“ Sie zieht dieses Fazit mit berüh­render Inten­sität so, wie sie auch zuvor mit großer Präsenz die Aufführung mitge­staltet hat. Bei ihrem in der Tiefe so glutvoll lodernden Mezzo­sopran darf man aber nicht verschwiegen, dass er sich in der Höhe scharf verengt. Trotzdem: eine würdige Leistung in dieser Partie und nicht nur in der Barcarole, auf die natürlich jeder im Saal gewartet hat. Das einset­zende Flüstern in der Pianissimo-Einleitung versucht Minkowski vergeblich, mit erhobener Hand zu stoppen.

Immerhin sind die Zuschauer ebenso schnell bereit, Zwischen­ap­plaus zu geben, wenn sich die Möglichkeit ergibt. Dafür bleibt der Schluss­ap­plaus weitgehend ungenutzt. Einmal werden alle ausgiebig beklatscht, dann ist Ende. Da hat wohl der knapp über vier Stunden dauernde Opern­abend – inklusive zwei Pausen – den Großteil überfordert. Da wurden andere Veran­stal­tungen am gleichen Ort, die nicht so viel Tiefgang zu bieten hatten, mit mehr Jubel bedacht.

Christoph Broermann

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