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OTELLO
(Giuseppe Verdi)
Besuch am
16. April 2019
(Premiere am 13. April 2019)
Der Elefant ist seit der Antike ein Symbol für Kraft, Scharfsinn, Souveränität. In Robert Wilsons Neuinszenierung von Verdis Otello bei den Osterfestspielen Baden-Baden ist er ein Mysterium. Vorn am Bühnenrand lagert die massige Gestalt eines sterbenden Elefanten, der Augenkontakt mit dem Publikum zu suchen scheint. Über Lautsprecher zieht aus dem Off ein Orkan auf, um dann allmählich abzuflauen. Die Einstimmung auf das orchestrale Sturmmotiv wenige Minuten später? Das Tier sinkt auf eine Seite. Exakt in dieser Position wird der Elefant per Video visuell eingefroren. Das schwarz-grau-weiße Bild weicht der Dunkelheit. Nach einigen Momenten der Stille setzt mit brausender Wucht die Musik ein. Das Dramma lirico nimmt Fahrt auf. Die Bevölkerung Zyperns und venezianische Soldaten erwarten den Oberbefehlshaber der Flotte Venedigs, der in der Seeschlacht die Türken besiegt hat. Eviva! Eviva, hallt es über den Platz vor dem Schloss. Von der Katastrophe, die sich bald entwickeln soll, ist nichts zu spüren. Allenfalls der treibende Drive aus dem Orchestergraben lässt die Ahnung aufkommen, dass nichts so bleibt, wie es scheint.
Naheliegend lässt sich der Fall des Elefanten als Vorwegnahme des Sturzes deuten, dem der „Löwe Venedigs“ nicht entrinnen wird. Vermutlich liegen die Hintergründe dieses plakativen Illustrativs jedoch tiefer. Spielt Wilson auf den Abschied von der Natur an, die die Menschheit mit destruktiver Besessenheit zerstört? Blickt hier ein Intellektueller auf die schleichende Ausgrenzung alles Exotischen, das im Zeichen von political correctness und überzogener Glorifizierung von Diversity dann aus dem öffentlichen Diskurs verbannt wird, wenn es von einer Meinungselite als anstößig geächtet wird?
Schon Boito und Verdi fahren das Thema der rassistischen Diskriminierung deutlich zurück. In Shakespeares Drama ist es noch sehr präsent und unerlässlich, um die ins Pathologische gesteigerte Verletzlichkeit des „Mohren“ Otello und seinen Persönlichkeitsverfall zu erklären. In seiner vierten Bühnenarbeit für die Osterfestspiele Baden-Baden geht der 78-jährige Regisseur in bester Wilson-Manier einen eigenen Weg. Indem er auf das Stilmittel der Abstraktion setzt, öffnen sich auch Alternativen des Verstehens, der Interpretation. Es muss dabei nicht zwingend Abschied sein, vielleicht auch ein Tasten nach vorn. Musiktheater einmal als Ebene, als Savanne der Optionen. Hier dürfte das Bild des Elefanten auf jeden Fall passen.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Die generösen Dimensionen des Festspielhauses eignen sich exzellent, die Stilmittel jeder Inszenierung des Regiekünstlers – Licht, Skulptur, Architektur, Bewegung – zur Geltung zu bringen. Eine ganze Phalanx an Scheinwerfern bringt in den Akten eins bis drei monochrome Räume changierenden Halbdunkels hervor, durch die ständig wechselnde vertikale Farbverläufe navigieren. Dunkles Blau etwa, durch das Streifen von silbrigem Grau oder Lichthelligkeit wandern. So entstehen bisweilen beeindruckende Raumtableaus, die an die Farbverläufe Mark Rothkos erinnern. In diesen Welten gibt es keine Chance für Individualität und Intimität. Uniform wirken die schwarzen Ritterrüstungen, die das Erscheinungsbild der Edelleute und der Militärs prägen. Für die Kostüme zeichnen Jacques Reynaud und Davide Boni verantwortlich. Monochrom, nämlich einheitlich weiß geschminkt sind alle Gesichter, die der Männer wie die Desdemonas und Emilias. Ebenso standardisiert die Choreografien der Bewegungen. Das ganze Bukett unverkennbar eine Annäherung an Stilformen des Nō-Theaters, mit dem sich Wilson intensiv auseinandergesetzt hat.
Ein Theater der produktiven Widersprüchlichkeit: Wilson bricht mit den gerade in Baden-Baden gepflegten Ingredienzien der Opulenz, Farbe, Ausstattung, Dekor und Luxus. Und dennoch kann auch diese Produktion das Etikett des Opulenten beanspruchen. Einverstanden, gewöhnungsbedürftig, wie aus vereinzelten Reaktionen von Besuchern zu erfahren ist, aber eben Theater, das an der Schwelle zur globalen Totalvernetzung und omnipräsenter künstlicher Intelligenz Fragen nach der Zukunft stellt. Aktuell politische, wie der Umgang mit dem Fremden, auch künstlerische wie die nach seiner eigenen.
„Gerade wenn Verdis Musik besonders expressiv wird, muss man kalt bleiben. Wie Feuer und Eis auf einmal.“ Wilsons Bekenntnis in eigener Sache bringt seine Ideen schon sehr auf den Punkt. Freilich gilt für das Ganze eine eher umgekehrte Rangfolge: Eis und Feuer. „Eis“ sind der Bühnenraum, das Licht und die Videos. Eisig angedeutet ist die Endzeit mit gelegentlich apokalyptischen Elementen: kühl-roter Mond, auf Konturen verkürzte Arkaden, Umrisse von Schwertern, die sich über den Protagonisten bewegen. Sind es Waffen oder Damoklesschwerter? Eine Kugel ist bedrohlich-wuchtig in den Bühnenboden gerammt, mal die Welt verdeutlichend, mal den Klotz am Bein, der sich für Otello zu einem Felsmassiv aufzutürmen scheint, je tiefer er in die Intrige Jagos verstrickt wird. Mit dem „Feuer“ ist es so eine Sache. Es ist schon befremdlich zu erleben, wie Otello und Jago beim Marschduett Si, pel cielo marmoreo giuro! stocksteif ohne Blickkontakt neben einander postiert sind, während sie die höchsten Leidenschaften beschwören. Fast teilnahmslos berichtet Otello, er könne, weil total außer sich, nicht weiter sprechen. Lediglich Desdemona gesteht Wilson eine Sphäre der Intimität zu. So in der Schlussszene im Schlafzimmer, in der sich die verängstigte Frau wie ein junges Mädchen mit dem Lied vom Weidenbaum und dem anrührenden Ave Maria bettet, ein Hotspot der Inszenierung in all der Kälte.
Für „Feuer“ sorgt indes Zubin Mehta am Pult der Berliner Philharmoniker, die mit einer insgesamt brillanten Leistung nahtlos ansetzen an die Ära im Festspielhaus der vergangenen Jahre unter Simon Rattle. Die Feinheiten der Partitur, die als Verdis differenzierteste überhaupt gilt, ziehen mit ihrer bild- und lautmalerischen Intensität und der ihr eigenen Stakkato-Dynamik wie im Rausch vorbei. Mühelos bei sparsamsten Bewegungen schafft es der 82-jährige Mehta, die „Berliner“ immer dann in Höchstform zu treiben, wenn das Musikdrama sich zu sinfonischen Höhen aufschwingt. Die orchestralen Raffinessen, die originelle Melodik in Manier vollendeter Italianità – Mehta zelebriert Verdis Kunst als Hörerlebnis. Prächtig nicht zuletzt haben sich die Philharmoniker auf den bestens aufgelegten Philharmonia Chor Wien in der Einstudierung von Walter Zeh eingestellt. In den leisen Passagen, in denen wie in Aida das spektakuläre Geschehen auf die Formate einer musica di camerata zurückgeführt wird, deutet Mehta an, wie sehr und warum ihm gerade Otello eine Herzensangelegenheit ist.

In den Hauptpartien erreichen die drei Protagonisten ungeachtet der restriktiven Personenführung, der sie unterliegen, Festspielniveau. Allen voran die Desdemona Sonya Yonchevas. In Anmutung und Haartracht entfernt an die ukrainische Politikerin Julia Timoschenko erinnernd, bringt sie die Schönheit und Noblesse dieser Rolle abgesehen von einer merkwürdigen Verhaltenheit zu Beginn grandios zur Entfaltung. Die „Reinheit“ der Frau, die der Humanist Verdi ihr zuschreibt, befreit Yoncheva mit ihrem glockenhellen, wandlungsfähigen Sopran aus dem stereotypen Dasein der Rolle. Stuart Skelton meistert den Otello, die größte und anspruchsvollste Tenorrolle der italienischen Oper, souverän und mit voller Kraft bis zum bitteren Ende. Obwohl über lange Strecken unmittelbar vor dem Orchestergraben postiert und damit dem Parkett „ausgeliefert“, gelingt ihm die Balance zwischen aufbrausender Dominanz und schluchtentiefer Ohnmacht famos. Bei seinem Rollendebüt als Tristan bei den Baden-Badener Osterfestspielen 2017 sieht sich der Australier noch wegen seiner Zurückhaltung in Spiel und Mimik, seiner Introvertiertheit in der Kritik. In Wilsons Inszenierung wandelt sich eben dieser Nachteil nun zum Vorteil.
Vladimir Stojanov gibt den Intriganten Jago mit Spielfreude und einer markanten Baritonstimme, die frösteln lässt. In der Hierarchie des venezianischen Militärs ist der Fähnrich eigentlich ein Niemand. Bei Verdi dagegen ist er Kraftzentrum der Oper und Verkörperung des Dämonischen schlechthin. Stojanov profiliert diese durch und durch machiavellistische Kreatur vorzüglich, nicht nur im bekannten Credo mit seinen diabolischen Intervallsprüngen. Die Mezzosopranistin Anna Malavasi beeindruckt als Emilia, vor allem mit einem couragierten Auftritt im Finale, als sie sich gegen den Feldherrn und gegen Jago, ihren Ehemann, stellt und dessen Schurkenstück offenlegt. Die weiteren Partien, insbesondere Francesco Demuro als Cassio, Gregory Bonfatti als Roderigo, Federico Sacchi als Lodovico, sind anspruchsvoll besetzt.
Das Festspielpublikum platziert seinen Beifall fein nuanciert. Yoncheva, Mehta, damit die Berliner Philharmoniker sowie der Chor werden am stärksten umjubelt, danach mit Abstand Skelton, Stojanov und die übrigen Mitwirkenden, nicht zu vergessen der Kinderchor des Pädagogiums Baden-Baden. Die geheimnisvollen Lichträume Wilsons sind der tiefen Schwärze des Hauptvorhangs gewichen. Doch sie wirken nach, auch in hier und da intensiven Diskussionen unter den Besuchern, nicht wenige davon in französischer Sprache. Schon gut, Oper 2019 im Diskurs, ein Wert an sich.
Ralf Siepmann