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Foto © O-Ton

Leidenschaftliche Ambivalenz

DIE WELT MIT WAGNER
(Diverse Komponisten)

Besuch am
25. Mai 2022
(Einmalige Aufführung)

 

Konzert­halle Bamberg

Im Dezember 2020 erschien das Buch von Alex Ross: Die Welt nach Wagner. Auf über 900 Seiten erzählt der angesehene ameri­ka­nische Autor, der seit 1996 Musik­kri­tiker des New Yorker ist, eine deutsche Kultur­ge­schichte des 20. Jahrhun­derts, die durch­zogen ist von dem Erbe Richard Wagners. Der Komponist und sein Wirken ist für Alex Ross ein deutsches Drama, das sich sowohl aus der Realität als auch aus dem Wahn speist und Hitler und Bayreuth in den histo­ri­schen und kultu­rellen Kontext einbettet. „Dies ist ein Buch über den Einfluss eines Musikers auf Nicht-Musiker – Resonanz und Nachklang einer Kunstform in anderen Bereichen. Wagners Wirkung auf die Musik war gewaltig, doch sie war nicht größer als die von Monte­verdi, Bach oder Beethoven. Aber seine Wirkung auf andere Kunst­formen war beispiellos und ist seither nicht wieder erreicht worden, auch nicht im Bereich der populären Kunst. Die größte Faszi­nation übte er auf Vertreter der ‚stummen Künste‘ aus – auf Roman­schrift­steller, Dichter und Maler, die ihn um die kollek­tiven Gefühls­aus­brüche benei­deten, die er im Klang entfesseln konnte.“ So beschreibt Ross selbst sein Mammutwerk, dass einer­seits die Zeit nach Wagner darstellt, anderer­seits aber auch immer wieder retro­spektiv auf das Leben des Kompo­nisten und die Rezep­ti­ons­ge­schichte seiner Werke verweist. Dieses Buch wiederum war Inspi­ration für die Bamberger Sympho­niker unter ihrem Chefdi­rigent Jakub Hrůša und Intendant Marcus Rudolf Axt, unter dem Leitmotiv „Neugier“, das die aktuelle Konzert­saison übertitelt, nach dem künst­le­ri­schen Einfluss zu fragen, den Wagner bei seinen Zeitge­nossen aus Malerei, Schrift­stel­lerei und Archi­tektur besaß. Und so entstand eine dreiteilige Richard-Wagner-Sonder­kon­zert­reihe der Bamberger Sympho­niker unter dem Namen Die Welt mit Wagner in Anlehnung an den Buchtitel von Alex Ross.

Ross ist der Einladung nach Bamberg gefolgt und hat zusammen mit dem Bruderpaar Nick und Clemens Prokop aus Düsseldorf eine einzig­artige multi­me­diale Klang­kollage und Instal­lation zu dieser Thematik erstellt. Wie in einem Klang­labor erklingen Musik­stücke von Wagner, Debussy, Strauss und Mahler, visuell untermalt mit Filmclips, Fotos und Anima­tionen sowie Off-Stimmen, die passende Texte zu den Werken rezitieren. Vor dem Konzert geben Clemens Prokop und Alex Ross in einem Dialog eine Einführung in das Konzert, wobei der Schwer­punkt des Dialoges bei Ross und seinem Buch Die Welt nach Wagner liegt.

Foto © O‑Ton

Ross erzählt von seinen eigenen Wagner-Erfah­rungen, die Musik war ihm zunächst unangenehm, ja, ungesund. Erst später entdeckt er in ihm den Drama­tiker, Psycho­logen, Meister der Nuancen mit einer intimen Stimme. Bis heute sind seine Zweifel geblieben, sein Verhältnis zu Wagner sei eine leiden­schaft­liche Ambivalenz. Und das ist auch quasi der Übertitel für dieses Konzert, das alle Sinne anspricht und sich mit den Instal­la­tionen zu einem einzig­ar­tigen Klang­er­lebnis verwebt. Die Visua­li­sierung wird auf sechs großen trans­pa­renten Bannern sichtbar gemacht. Während der Einführung sieht man die Buchstaben W‑A-G-N-E‑R.

Die Bamberger Sympho­niker stehen seit ihrer Gründung in einer großen Wagner-Tradition, nach ihrem ersten Chefdi­ri­genten Joseph Keilberth, einem der größten Wagner-Dirigenten des 20. Jahrhun­derts, ist der heimische Konzertsaal benannt. Das Vorgänger-Orchester im Deutschen Opernhaus Prag spielte am 1. Januar 1914 die erste Aufführung des Parsifal außerhalb des Bayreuther Festspiel­hauses. Und nun eine Konzer­ter­zählung, die die Musik Wagners in einen Kontext bringt mit Claude Debussy, Richard Strauss, Gustav Mahler und Franz Liszt, die in ihrer Klang­lichkeit einen deutlichen Bezug zur Wagner­schen Ästhetik aufweisen.

Bevor das Vorspiel zum ersten Aufzug Lohengrin erklingt, gibt es eine erste Video­in­stal­lation über den Wagne­rismus mit Zitaten von Alex Ross. Auf den sechs Bannern erscheint der goldfarbene stili­sierte Kopf Richard Wagners. Dann endlich hebt Jakub Hrůša den Taktstock, und wie aus dem Nichts steht der erste Ton, das filigrane Flirren der Violinen, im Raum. Fast kammer­mu­si­ka­lisch ertönt es von der Orches­ter­bühne, zart und innig die Motive Elsas, bis die Spannung immer weiter aufgebaut wird und das Frage­motiv drohend und schick­salhaft sympho­nisch erschallt, um dann wieder in fast sphärische Klänge zu transkri­bieren. Hrůša baut immer wieder die großen sympho­ni­schen Momente auf, bis die Spannung sich explo­si­ons­artig löst. Mit weichen, wellen­för­migen Bewegungen leitet er seine Sympho­niker, ein erster Gänse­haut­moment. Während des Vorspiels geht auf den Bannern der stili­sierte Kopf Wagners über in ein mattes Blau, um dann fast zu zerfließen. Am Schluss bleibt der Taktstock oben, und es ertönt die nächste Instal­lation mit einem Foto von Charles Baude­laire sowie Bildern einer kriegs­zer­störten Stadt. Schnell ist klar, hier ist kein Zwischen­ap­plaus erwünscht, Musik und Instal­la­tionen bilden eine erzäh­le­rische Einheit bis zum Schluss. Wunderbar ergänzt sich das zweite Stück zu dem Vorspiel zum Lohengrin. Es ist Claude Debussys Prélude à l‘après-midi d’un faune, inspi­riert von einem Gedicht von Stépháne Mallarmé. Die Bamberger spielen die fast schon sphärisch anmutenden Klänge wunderbar trans­parent mit einer scheinbar spiele­ri­schen Leich­tigkeit. Eine Projektion bekannter Ölgemälde des 19. Jahrhun­derts unter­malen das Stück, das so zu einem Genuss für Ohren und Augen wird.

Einen musika­li­schen Kontrast bilden die zwei folgenden Stücke. Wagner ist ein „Blaska­pel­lentyp“. Dieses Zitat stammt von John Philip Sousa, dem wohl bekann­testen ameri­ka­ni­schem Marsch­kom­po­nisten und Leiter der United States Marine Band. Seine Kompo­sition The Stars and Stripes Forever wurde vom ameri­ka­ni­schen Kongress zum „National March of the United States“ erklärt. Die auch in den USA vorherr­schende „Wagner-Mania“ wurde durch den Ersten Weltkrieg kurzzeitig unter­drückt. Schon damals war es Tradition, bei Hochzeiten Wagners Brautchor aus dem Lohengrin als „Hochzeits­marsch“ zu spielen, oder auch den gleich­na­migen Marsch aus Mendelssohn-Bartholdys Sommer­nachts­traum. Die deutschen Melodien wollte man nicht mehr hören, und so wurde Sousa gebeten, einen echten ameri­ka­ni­schen Hochzeits­marsch zu kompo­nieren, was der gerne übernahm. Dieser Marsch, mit all seinen klassi­schen Elementen, ist ein gelun­genes Werk, das den Einfluss Wagners nicht verleugnen kann. Doch dem Wedding­march war nur ein kurzer Erfolg beschieden, und er wurde nach Kriegsende von den beiden deutschen Hochzeits­klas­sikern wieder verdrängt. Die Bamberger Sympho­niker spielen den Marsch mit viel Verve. Ein besonders gelun­genes Stück ist der Nibelun­gen­marsch von Gottfried Sonntag. Der Komponist war Stabs­oboist im 7. Bayri­schen Infan­terie-Regiment, kompo­nierte vor allem Märsche, von denen der 1876, dem Jahr der Urauf­führung des Ring des Nibelungen in Bayreuth, kompo­nierte Nibelun­gen­marsch am bekann­testen geworden ist. Er verwendet einige zentrale Motive aus dem Ring, wie etwa Siegfrieds „Hornruf“. Seine Bearbei­tungen für Blasor­chester fanden übrigens Richard Wagners ausdrück­liche Zustimmung. Leider erklingt der Marsch an diesem Abend nur vom Band. Bevor der Marsch gespielt wird, wird der Schrift­steller Thomas Mann zitiert. Anlässlich des 50. Todestags von Richard Wagner am 13. Februar 1933 hielt Mann am 10. Februar seinen berühmten Vortrag Leiden und Größe Richard Wagners im Auditorium Maximum der Univer­sität München, in dem Mann sich kritisch mit dem Kompo­nisten ausein­an­der­setzt. Dieser Vortrag kurz nach der Macht­er­greifung der Natio­nal­so­zia­listen sollte mit dazu beitragen, dass Mann ins Schweizer Exil emigrieren musste.

Nach den beschwingten Märschen wird es wieder ernst und sphärisch auf der Orches­ter­bühne. Das Adagietto, der IV. Satz aus Gustav Mahlers 5. Symphonie, steht auf dem Programm. Die Symphonie entstand in ihren wesent­lichen Teilen in den Jahren 1901 bis 1902. Erste Skizzen notierte Mahler im Sommer 1901 auf seinem Sommersitz in Maiernigg. Hier konzi­pierte Mahler zunächst das an dritter Stelle stehende Scherzo. Weitere Teile der Sinfonie entstanden im Folgenden in Wien. In keiner anderen Sinfonie rang Mahler so lange mit der Instru­men­tierung des Werkes. Noch 1911, im Jahr seines Todes, überar­beitete Mahler die Instru­men­tierung erneut. Die Urauf­führung der Symphonie fand am 18. Oktober 1904 im Gürzenich in Köln unter der Leitung des Kompo­nisten statt. Die bekann­teste Verwendung des Stückes erfolgte 1971, als Luchino Visconti das Adagietto zum bestim­menden musika­li­schen Merkmal seiner Verfilmung von Thomas Manns Tod in Venedig erhob.

Das Adagietto, „sehr langsam“, stellt den Ruhepunkt der Symphonie dar. Im Gegensatz zu anderen Adagio-Sätzen in Mahlers Sinfonien ist er mit gut zehn Minuten Auffüh­rungs­dauer eher kurzge­halten. Die Instru­men­tierung besteht nur aus Strei­chern und Harfe. Eine schwe­bende Metrik und Melodik lässt den Eindruck zerbrech­licher Intimität entstehen. Gerade deshalb wurde der Satz immer wieder als Liebes­er­klärung Mahlers an seine Frau Alma inter­pre­tiert. Markant auch das Einschwingen der Harfen, bevor sich das Thema in den Strei­chern entfaltet. Langsam entwi­ckelt sich im Anschluss eine dynamische Steigerung und geht, wie es für Mahler typisch ist, in mehreren Wellen vor sich und beruhigt sich durch die Wiederkehr des Haupt­themas. Der Satz verklingt nach der Rückkehr des Haupt­themas friedlich und nahezu entrückt in pianissimo. Jakub Hrůša und die Bamberger Sympho­niker spielen die vertonte Zärtlichkeit mit schwel­ge­ri­schem Ausdruck und zartem, trans­pa­rentem Klang und wunder­baren Piano-Tönen, während man im Hinter­grund eine alte verschwommene Aufnahme des Palazzo Vendramin in Venedig, Wagners Sterbeort, erkennt, vor dem der Schatten einer Gondel über den Canale Grande gleitet.

Aus dem Schwelgen des Adagietto wird man durch die nächste Instal­lation unsanft heraus­ge­rissen. Man sieht ein Foto von Adolf Hitler in Bayreuth, an einem Arm Winifred Wagner, die Witwe von Siegfried Wagner und Leiterin der Bayreuther Festspiele, am anderen Arm ihre Tochter Friedelind, die sich vehement gegen das NS-Regime stellte und in die USA emigriert war. Sie wandte sich mit ihrer Ausreise auch gegen ihre Familie, die sich mit dem so genannten Dritten Reich arran­giert hatte und enge Verbin­dungen mit Hitler einge­gangen war. In New York sprach sie sich am 13. Februar 1942, dem 59. Todestag ihres Großvaters Richard,  in der National Broad­casting Company gegen das natio­nal­so­zia­lis­tische Deutschland und dessen Verein­nahmung von Richard Wagner aus. Den Text dazu hatte aller­dings Thomas Manns Tochter Erika Mann geschrieben, und das schwierige Verhältnis zu ihrer Mutter Winifred, die mit Adolf Hitler eng befreundet war, verschlech­terte sich dadurch weiter. Diese Tonauf­zeichnung, die vor einer Tannhäuser-Aufführung an der New Yorker Metro­po­litan Opera entstand, erklingt nun aus dem Off, eine beklem­mende und unter die Haut gehende Rede, die zu einer Toten­stille im Bamberger Auditorium führt. Und in diese Stille erklingt die Eröffnung von Richard Strauss Also sprach Zarathustra, Op. 30. Die 21 Takte der Eröffnung der sinfo­ni­schen Dichtung nach Friedrich Nietzsche, keine zwei Minuten lang, sind wohl der bekann­teste Ausschnitt aus einem Orches­terwerk von Richard Strauss und gelangten durch den Film 2001 – Space Odyssey von Stanley Kubrick zu beson­derer Berühmtheit. Hrůša und die Bamberger Sympho­niker lassen die Töne scheinbar aus dem Nichts entstehen, die sich im Finale zu einer Urgewalt entladen. Fast nahtlos geht das kurze Stück in ein anderes weltbe­kanntes Orches­ter­stück über, das in vielen Kriegs- und Antikriegs-Filmen immer wieder als Unter­malung dient: Der Ritt der Walküren.

Foto © O‑Ton

Die Deutsche Wochen­schau griff zu Berichten über Flieger­an­griffe immer wieder auf das Stück zurück. Die berühm­teste Adaption ist sicher in Francis Ford Coppolas Antikriegsepos Apoca­lypse Now zu hören, wenn die Musik aus riesigen Außen­laut­spre­chern erklingt, während Hubschrauber einen Angriff im Sonnen­aufgang fliegen und ein vietna­me­si­sches Dorf mit Napalm-Bomben zerstören. Und während in der Bamberger Konzert­halle das orches­trale Meister­stück ohne den Hojotoho-Gesang der Walküren erklingt, laufen auf den sechs Bannern viele Video­clips und Filmaus­schnitte. Der bekann­teste davon ist sicher Der große Diktator von und mit Charles Chaplin. Auf die Passage aus Apoca­lypse Now wurde bei der Instal­lation aber bewusst verzichtet. Hrůša und die Bamberger Sympho­niker spielen dieses Orches­terwerk Wagners wuchtig und drama­tisch, und zum Schluss muss man sich zügeln, um nicht vor Begeis­terung loszu­brüllen, aber die Choreo­grafie des Abends lässt an dieser Stelle noch immer keinen Applaus zu. Erneut gibt es einen fast schon nicht mehr ertrag­baren Kontrast, denn nach dem „Walkü­renritt“ erfolgt das Orches­terwerk Atmosphères von György Ligeti aus dem Jahre 1961. Das Werk gilt als Schlüs­selwerk innerhalb der neuen Musik und wurde ebenfalls durch die Verwendung im Film 2001 – Space Odyssey berühmt. Die Gesamt­dauer beträgt ungefähr neun Minuten. Charak­te­ris­tisch für das Werk ist die ausdif­fe­ren­zierte, mikro­po­ly­phone Anlage. Dabei verschmelzen die 87 Instru­men­tal­stimmen zu einem großen, nicht mehr trenn­baren Gesamt­klang, der quasi oszil­liert und sich ständig wandelt. Der Takt ist als Pulsgeber für das Stück nicht ausschlag­gebend, sondern dient allein der Synchro­ni­sation der Einzel­stimmen sowie der zeitlichen Gliederung. Ligeti strebte mit Atmosphères die Abkehr von einer struk­turell gedachten Kompo­si­ti­ons­weise an. Immer wieder folgen an- und abschwel­lende, lang ausge­haltene, sich teils wandelnde Riesen­cluster direkt aufein­ander, die damit Assozia­tionen an eine Weltraum­sze­nerie hervor­rufen. Bald schraubt sich ein Cluster in immer höhere Lagen, bis er von einem tiefen Kontra­basstosen urplötzlich abgelöst wird. Wieder mischen sich helle Nuancen in den Gesamt­klang ein, der sich schließlich vom tiefen Brummen befreit, dann immer wieder wehen­artig stockt, bald schwir­render wird, bis Bläser die Oberhand gewinnen und ein tutend-berstendes Klangbild bieten. Man hat das Gefühl, man höre das Gesumme von überdi­men­sio­nierten Insekten in der Orches­ter­halle. Das Geschehen beruhigt sich, gegen Ende des Stücks führen die Instru­mente nur noch leichte, beinahe schon melodiöse Schwin­gungen aus. Nach einem letzten kleinen Anschwellen verschwindet der Klang gleichsam im Nichts. Neben diesem Klang­er­lebnis auf der Orches­ter­bühne assoziiert die Video­in­stal­lation eine Reise durchs Universum, passend zu der Musik, die fast außer­ir­disch klingt. Inter­essant zu beobachten, wie zwei Musiker mit Bürsten und Pinseln die Saiten des offenen Konzert­flügels „bearbeiten“ und dadurch völlig ungewohnte Töne produ­zieren. Auch die Kombi­nation aus Sound und Optik, wie in einem Space-Labor kreiert, erzeugt eine ganz besondere Atmosphäre, die das Publikum mit schon fast atemloser Stille würdigt.

Der Schluss der Konzer­ter­zählung gebührt zunächst Franz Liszt, Schwie­ger­vater und Freund Richard Wagners. Am Grabe Richard Wagners ist ursprünglich für Klavier geschrieben, es gibt aber auch eine Kammer­or­ches­ter­fassung, die mit einem melan­cho­li­schen Cello-Solo beginnt, bis dann die Streicher und die Harfe einsetzen. Es ist eine Reminiszenz an Wagners Bühnen­weih­fest­spiel Parsifal, der sich bei seinem letzten Werk von Franz Liszts Excelsior hat inspi­rieren lassen. Mit der Widmung verweist Franz Liszt auf die familiären Bande einer­seits und auf die spiri­tuelle Seite Wagners anderer­seits. Das besondere Stück geht dann auch fast nahtlos in die letzte Orches­ter­dar­bietung des Abends über, den „Einzug der Götter in Walhall“ aus Wagners Rheingold. Das Orchester läuft noch einmal zur Höchstform auf, wenn der Schluss des Rheingold in wuchtigem, aber wunderbar diffe­ren­ziertem Orches­ter­klang ertönt. Es ist der letzte von zahlreichen Gänse­haut­mo­menten an diesem einzig­ar­tigen Konzert­abend, während auf den Video-Bannern der stili­sierte Kopf Wagners sich in tausend von Teilchen auflöst, die durch einen unend­lichen Kosmos fliegen.

Nach 90 Minuten senkt sich der Taktstock von Hrůša erstmalig, und nach einem Moment wohltu­ender Stimme bricht das Publikum im nicht vollbe­setzten Joseph-Keilberth-Saal in Jubel aus, der sich zu stehenden Ovationen für Hrůša und seine Bamberger Sympho­niker steigert. Aber auch die Brüder Prokop und Alex Ross, die für die Insze­nierung des Abends verant­wortlich sind, erhalten den verdienten Applaus eines sehr diszi­pli­nierten Publikums. Mit dem ersten Teil der Trilogie der Wagner-Konzerte haben die Bamberger Sympho­niker eine ganz neue Form der Auffüh­rungs­praxis gezeigt, die sicher richtungs- und zukunfts­weisend ist. Die Musik steht im Vorder­grund, aber durch die Instal­la­tionen werden auch alle anderen Sinne angesprochen, so dass das Klang-Erlebnis noch physi­scher wird. Man darf sich jetzt schon auf das zweite Konzert freuen, wenn am 30. Mai Der Ring ohne Worte in der Fassung von Lorin Maazel, angerei­chert mit Wortbe­glei­tungen, in Bamberg auf dem Programm steht.

Andreas H. Hölscher

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