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Der Dreiakter Turandot von Giacomo Puccini ist seine letzte und knapp unvollendete Oper. Hier lassen sich Regisseure immer wieder hinreißen, am Schluss herumzubasteln. 2001 verstieg sich der italienische Komponist Luciano Berio sogar dazu, ein sehr eigenwilliges Finale zu komponieren. Die Variante von Puccini-Zeitgenosse Franco Alfano, die nach Skizzen des Maestros fertiggestellt wurde, gibt es aber auch nicht zu hören im Basel. Regisseur Christof Loy vollendet den dritten Akt mit dem vierten Akt aus Puccinis Frühwerk Manon Lescaut.
Opernkenner mögen sich gewundert haben, dass sie zu Beginn des Opus, das normalerweise mit einem Paukenschlag beginnt, Giacomo Puccinis Streicherorchester Crisantemi zu hören bekommen. Das und der Schlussakt aus Manon Lescaut sollen die Klammern bilden zum veränderten Einstieg und Ausgang der Oper, die zwei Jahre nach Puccinis Tod 1926 an der Mailänder Skala uraufgeführt wurde.
Fans haben mit Turandot schon alles erlebt: Einmal endet die Oper abrupt mit Puccinis letztem Federstrich und dem Tod der Protagonistin Liù oder mit den kongenialen und von Arturo Toscanini zurechtgestutzten Tönen seines Kollegen Franco Alfano. Stardirigent Antonio Pappano nahm 2023 mit den Opernstars Jonas Kaufmann und Sondra Radvanovsky erstmals die ungekürzte Fassung von Alfano auf und dieses Ende macht musikalisch wie inhaltlich eindeutig am meisten Sinn.

Zurück zum Anfang des fast dreistündigen Spektakels. Turandot ist noch ein kleines Mädchen und sie köpft mit Leidenschaft ihre Puppen. Schuld an den Rachegelüsten ist eine überlieferte Geschichte von einer Prinzessin, die einst von Tartaren entführt und ermordet wurde. Das Trauma nimmt sie mit in ihr Erwachsenenleben.
Mit der Bühne und den detailverliebten Kostümen von Herbert Murauer entführt Christof Loy die Zuschauer in ein China um 1900, das von westlichen Mächten und auch von Japan beeinflusst war. Während das Volk von Peking in historisch stilisierten Kostümen auftritt und einen filmischen Charakter zelebriert, erinnern die Protagonisten in ihrer gutbürgerlichen Couture an Besatzer, die die Macht im einstigen Kaiserreich an sich gerissen haben und gnadenlos auskosten.
Puccinis Oper mit dem Libretto von Giuseppe Adami und Renato Simoni wirkt bei Loy nicht nur aus einer vergangenen Zeit, die ausgesprochen ästhetische Lesart mit Elementen aus der Belle Époque hat auch etwas Märchenhaftes. Im Grunde liest sich das Drama wie eine Fabel der Gebrüder Grimm. Mit der männermordenden Turandot, die ihre Anwärter köpfen lässt, wenn sie die drei Rätsel nicht lösen, bietet sie einen ähnlich brutalen Stoff. Besonders tragisch wirkt der persische Prinz, der zu Beginn gefoltert und dann dem Richter vorgeführt wird.
Loy nutzt die große Bühne in Basel souverän und überlässt auch bei den großen Aufzügen mit Chor und Solisten nichts dem Zufall. Hier hat jeder seinen festen Platz im Gefüge. Als eingezogene Ebene schwebt über allem eine zusätzliche Spielfläche, die sich aber mit ihrer in Weiß gehaltenen Kargheit vom mehrheitlich bunten Geschehen im palastähnlichen Salon deutlich abhebt.
Es ist die Ebene der Eindringlinge, dem unbekannten Prinz Calàf mit seinem Vater und der Dienerin Liù. Calàf wird der Letzte sein, der die eiskalte Prinzessin herausfordert und jeder, der die Puccini-Hymne Nessun dorma mit seinem „Vincerò“ im hohen B kennt, weiß, dass der Held erfolgreich sein wird.
Die Umklammerung mit Crisantemi und Manon Lescaut ist dann aber doch ein Bruch, auch wenn die Textzeilen aus dem Sterbeakt der frühen Puccini-Oper von 1893 erstaunlich gut passen. Dazu wird nach Liùs Tod und Puccinis letzter Note die zweite Bühne heruntergefahren, um die veränderte Spiel- und Musikweise auch bildlich zu verdeutlichen. Die satten Farben weichen nüchternem schwarzweiß.
Klar hört man Puccini, aber man hört nicht mehr Turandot. Die Dramaturgie von Meret Kündig kann zudem nicht schlüssig aufzeigen, warum Turandot kurz nach Liù auch ihr eigenes Leben lässt und Calàf zuerst seine Dienerin und dann die Angebetete beweint. Im ungekürzten Schluss von Franco Alfano kämme all das zum Tragen und die Oper würde mit einem donnernden „Vincerò“ vom Chor beendet.

Für die Titelpartie wollte Loy eine Sopranistin, die weniger schroff als üblich klingt. Die Wahl fällt für die Premiere auf Miren Urbieta-Vega, eine lyrische Sängerin, die schon über genug dramatische Intensität verfügt, um eine so anspruchsvolle Rolle zu stemmen. Ihre Stimme hat eine geschmeidige, warme Klangfarbe mit einem fast schon Mezzosopran-artigen Timbre, das ausgesprochen reich und samtig klingt.
Rodrigo Porras Garula ist Calàf und als dieser bringt er das erforderliche Volumen unbedingt mit. Seine Stimme ist kraftvoll und trägt mühelos über das Orchester. Dafür wirkt sein Tenor im Forte manchmal etwas hart und kantig, stellenweise auch spröde. Der Gipfelstürmer Nessun dorma gelingt Garula solide, aber mit wenig geschmeidiger Linienführung, was der Arie die eleganten Bögen nimmt.
Sopranistin Mané Galoyan als Liù nimmt das Publikum von Anfang an für sich ein, auch mit ihrer packenden Darstellung einer Frau, die sich aus purer Liebe opfert. Ihre Stimme hat ein äußerst zartes Piano, emotionale Tiefe und genug vokale Kraft, einem Orchestertutti problemlos Paroli zu bieten.
In Basel sind auch die Nebenrollen bestens besetzt, allen voran die drei „Conférenciers“ Ping, Pang und Pong mit Bariton David Oller und den Tenören Ronan Chaillet sowie Lucas von Lierop. Bassbariton Andrew Murphy brummt sonor als Mandarin, Sam Carl als Calàfs Vater Timur zieht in der gleichen Stimmlage mit, Rolf Romei als Kaiser Altoum hat einen flexiblen, warm fließenden Tenor. Der Chor unter Michael Clark ist großes Kino und geht direkt unter die Haut.
José Miguel Pérez-Sierra am Pult des Sinfonieorchesters Basel bringt Puccinis starke Kontraste zwischen fast schon aggressiven, dissonanten Klangmassen und den lyrisch-leidenschaftlichen Melodien zum Leuchten. Der Dirigent beherrscht den flinken Wechsel zwischen neuromantischen, dissonanten Akkorden und den harten, blockartigen Harmonien mit leichter Hand. Pérez-Sierra gelingt eine beindruckende Synthese, die mit ihrer spätromantischen Harmonik, den impressionistischen Klangfarben und ihren exotischen Elementen das Publikum nach 100 Jahren nach wie vor begeistert.
Das Premierenpublikum honoriert die Gesamtleistung mit standing ovations, es scheint fast so, als wären die Besucher vom Theater Basel etwas ausgehungert. Intendant Benedikt von Peter ist bekannt für seine experimentellen Ansätze und eine sehr unkonventionelle Auswahl der Stücke und deren Inszenierungen, was eine Auslastung um die 65 Prozent in der Sparte Oper zur Folge hat. Das sorgt für Polarisierung und wird in Basel auch politisch diskutiert.
Peter Wäch