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Schöne neue Holländer-Welt

DER FLIEGENDE HOLLÄNDER
(Richard Wagner)

Besuch am
12. August 2018
(Premiere am 25. Juli 2012)

 

Bayreuther Festspiele, Festspielhaus

Selbst fliegende Unter­tassen mögen in Zeiten, wo Fantasy-Literatur hoch im Kurs steht, gerade noch akzep­tiert werden. Aber ein fliegender Holländer? Mehr als ein müdes Lächeln wird kaum zu erwarten sein. Davon ist offen­sichtlich auch Jan Philipp Gloger überzeugt. Für seine Bayreuther Insze­nierung von Richard Wagners roman­ti­scher Oper Der fliegende Holländer erfindet er den geheim­nis­vollen Holländer neu.

Bei Wagner verflucht, muss der Holländer ohne Rast und Ruhe für jeweils sieben Jahre mit seinem Schiff einsam über die Meere fliegen. Nach Ablauf dieser Frist hat er für einen kurzen Moment die Chance, bei einem Landgang eine ihm in Liebe und Treue verbundene Frau zu finden, die ihn von seinem Schicksal erlöst. Gloger übersetzt den Steuermann der Meere metapho­risch in einen ganz anderen Steuermann. Einen, dem es gelingt, erfolg­reich durch die digitale Welt der Finanz­öko­nomie von heute zu navigieren. Dort sei allein alles Glück zu finden.

Anstelle von wildschäu­mendem Meer blinken Digital­uhren, die bis auf die tausendstel Sekunde genau die ablau­fende Zeit anzeigen. Als Teil einer hyper­mo­dernen, trans­pa­renten Glas-Stahl-Stadt­ar­chi­tektur signa­li­sieren sie eine Welt, in der Raum und Zeit in bishe­riger Verläss­lichkeit nicht mehr funktio­nieren. Der Angelkahn vor dem Gebäu­de­komplex eines gesichts­losen, metro­polen Finanz­di­strikts auf der Bühne von Christof Hetzer ist nichts mehr als eine Wagnersche Platz­halter-Replik in Glogers neuem Navigationsprogramm.

Mit einem Rollkoffer als allge­gen­wär­tigem Gebrauchs­ge­gen­stand der Berater-Inves­toren-Welt rollt der Holländer im Business-Anzug an Land. Einzig die artifi­ziell kurzra­sierte linke Kopfhaar­hälfte irritiert diesen Eindruck. Überflüssig deutlich soll sie offenbar den ganz Anderen, einen als maskierten Punk verklei­deten Menschen hinter dem smarten Geschäftsmann zeigen.

Ohne Pause mutet Glogers angestrengt bildreich erzählte Insze­nierung den Opern­be­su­chern auch eine wohl manchen überfor­dernde 140-minütige Sitzkon­dition zu. Kontras­tierend zu seiner evozierten Diktatur ökono­mi­scher Kennziffern, senkt sich ein steriler Arbeitsraum. Hier werden keine Spindeln mehr von Hand gedreht, sondern Frauen in einem kondi­tio­nierten Einheits-Look in licht­blauen Kostümen, die eher an Flugbe­glei­te­rinnen denken lassen, verpacken Tisch-Venti­la­toren. Erik sorgt hier als Betriebs­hand­werker für Ordnung und vervoll­ständigt das Bild eines funktio­nie­renden Takts der unerbitt­lichen Zeitab­läufe. Zeit ist Geld, multi­pli­ziert in Bitcoins.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Einzig Senta verweigert sich diesem Tun, sitzt auf einem Berg ungetaner Arbeit und schnitzt sich ihren Traummann. Der taucht tatsächlich als verklei­deter Geschäftsmann, als rastlos suchender Holländer-Mensch auf. Schnell erkennen sie ihre jeweilige Chance, durch Liebes­schwüre sowohl seinen Fluch zu überwinden als auch ihrer Sehnsucht Flügel nach einem anderen Leben zu verleihen. Wie er hofft, zur Ruhe, nach Hause zu kommen, will sie sich nicht in den Trott von Arbeit und Häuslichkeit einreihen. Dass sich dazu Senta Flügel überstreift, um wie ein Vogel frei davon zu fliegen, scheint Gloger als vorder­gründige Bild-Assoziation geboten, aller­dings mit den Effekten, wie Rollkoffer und die unentwegt wieder­ho­lende Geste von Daland, seine Brille zurecht zu rücken sowie das demons­trative Geldschein-Verbrennen von Holländer und Senta zum Chorgesang der Seeleute, als reichlich überinszeniert.

Nachdem der Holländer die Treue­schwüre Sentas durch ihre Verlobung mit Erik verraten glaubt und er endgültig Abschied von dieser Welt nimmt – „Ich bin verloren!“ – verdammt auf ewig, unterwegs ohne Hoffnung eines Ankommens in einer Heimat zu sein, sieht Senta ihren Traum vom anderen Leben zerplatzen. Mit der magischen Kraft einer Hexe tötet Senta sich mit einer vergif­teten Pfeil­spitze, während im gleichen Moment auch aus dem Hemd des Holländers Blut tropft. Ihn umarmend, setzt sie ihm die Dornen­krone auf.

Wagners Erlösungs­me­tapher, allein im Tod siege die Liebe, tropft bei Gloger als Blutspritzer durch die Insze­nierung. Als Senta und der Holländer ihre Liebe mit einem bluts­brü­der­schaft­lichen Ritual bekräf­tigen, proji­zieren Martin Eiden­bergers Video-Einblen­dungen Bluts­tropfen auf die weiß sauberen Wände der Venti­la­toren-Logistik-Halle. Sie verdichten sich zu einem die Wände überde­ckenden Fluss, der video-technisch in endlose Wälder überblendet wird. Mit Gloger und Eiden­berger bleibt das Liebes­ver­sprechen von Anfang nur Projektion.

In Glogers Konzeption einer digital gierigen Schnell­laufwelt navigieren Figuren, die wie Daland eher als Karikatur oder wie Senta und der Holländer als Träumer in einer ökono­misch, auf Effizienz getrimmten Gesell­schaft durch die Zeit schlingern. Eine solide Insze­nierung, die aber in ihrer Durch­führung überschaubar bleibt. Willkommen in der schönen neuen Welt, die so neu gar nicht sein kann, als dass sie ihre Versprechen halten könnte.

Ebenso überschaubar, doch handwerklich solide sind die solis­ti­schen Angebote. Peter Roses Daland fällt vor allem durch die gestische Eindi­men­sio­na­lität seines unablässig wieder­holten Brillen-Rückens auf. Ricarda Merbeth findet sich anfangs in den Höhen sichtlich und hörbar angespannt in dieser dispa­raten Senta. Im Fortgang des Geschehens gewinnt ihre Stimme deutlich an Kontur.

Foto © Enrico Nawrath

In Glogers Neuerfindung des Holländers will diesem die Jacke von Karin Juds Business-Anzug nicht richtig passen. In der Anfangs­er­zählung sprech­deutlich artiku­lierend, nimmt er sich bis zu seinem Abgesang zwischen­zeitlich außer­ge­wöhnlich zurück. Es scheint im Rückblick, als hätte John Lundgren sich seine Gestal­tungs­kraft für das schick­sal­hafte Ende aufge­spart. Das Steuer­manns-Outfit von Rainer Trost im leinenen Sommer­anzug mutet leicht und luftig an, er hinkt diesem aller­dings in der schau­spie­le­risch sänge­ri­schen Darstellung nach mit einem biederen Changieren zwischen der Naivität eines Dienst­boten mit erotisch angedeu­tetem Mannsbild-Potenzial, der über eine Träger­funktion in Dalands Diensten nicht hinauskommt.

Solis­tisch überzeugt besonders der Betriebs­hand­werker Erik in einer leben­digen Darstellung durch Tomislav Mužek. Sänge­risch und spiele­risch hat Eberhard Friedrich den Festspielchor auf eine eindrucks­volle Holländer-Tempe­ratur gebracht. Tempe­ra­mentvoll mit unbän­diger Spiellust bildet er das musika­lische Rückgrat einer Insze­nierung, die immer wieder einer Bildtri­via­lität nachläuft.

Das auf einen Fahnen­stoff gezeichnete Segel­schiff, angetrieben von Venti­la­toren, wird einmal in Brand gesetzt, später wird eine weitere Fahne mit einem dornen­be­krönten Liebespaar gehisst. Wagners Vision von der „Erlösung des Nützlich­keits­men­schen“ durch „einen künst­le­ri­schen Menschen der Zukunft“ bleibt insgesamt eine im Programmheft avisierte von Jan Philipp Gloger.

Axel Kober am Pult des Festspiel­or­chesters demons­triert eine doppelte Bayreuth-Manifes­tation. Zu einem macht er mit einer filigran ausba­lan­cierten Ouvertüre deutlich, wie in ihr schon Richard Wagners gesamte Holländer-Erzählung des schnell verglim­menden Hoffnungs­funkens musika­lisch ausge­formt ist. Und zum Weiteren erstaunt, wie es ihm gelingt, dem temporär agierenden Festspiel­or­chester Struktur und Klang zu geben.

Am Ende schwillt der Beifall für Mužek deutlich an, bevor er in routi­nierter, aber wenig selbst­kri­ti­scher Selbst­ver­ständ­lichkeit Lundgren, Merbeth und Rose mit Staccato-Stampfen zujubelt.

Peter E. Rytz

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