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Foto © Andreas H. Hölscher

Familienkonzert der besonderen Art

KAMMERKONZERT
(Siegfried Wagner, Richard Wagner, Franz Liszt)

Besuch am
30. Juli 2025
(Einmalige Aufführung)

 

Stein­graeber-Haus, Bayreuth

Es ist Festspielzeit in Bayreuth, und da gibt es neben den Auffüh­rungen auf dem Grünen Hügel auch abseits des Festspiel­hauses einiges zu entdecken. So steht im Hof des Stein­graeber-Hauses während der Sommerzeit eine Studio­bühne in einem Zelt, in dem seit über drei Jahrzehnten der Regisseur Udo Hoppe die Werke Richard Wagners in einer verkürzten parodis­ti­schen Theater­version mit großem Erfolg aufführt. In diesem Jahr steht Der Ring Rebooted auf dem Spielplan, eine köstliche und zugleich nachdenklich stimmende Kurzfassung von Wagners Monumen­talwerk. Absolut sehenswert!

Während also an diesem Abend im Festspielhaus der Parsifal gegeben wird und in der Studio­bühne der Ring Rebooted läuft, gibt es direkt nebenan im Kammer­mu­siksaal des Stein­graeber-Hauses ein Famili­en­konzert der ganz beson­deren Art. Organi­siert von Achim Bahr, dem Vorsit­zenden der Inter­na­tio­nalen Siegfried-Wagner-Gesell­schaft, erklingen Werke von Siegfried Wagner, seinem Vater Richard Wagner und seinem Großvater Franz Liszt. Vorweg vielleicht noch einige Worte zum Stein­graeber-Haus, einem echten Kleinod am Rande der Altstadt Bayreuths.

Die Klavier­ma­nu­faktur Stein­graeber & Söhne fertigt seit 1852 Pianos und Flügel in der Festspiel­stadt Bayreuth. Stein­graeber-Klaviere werden von bedeu­tenden Künstlern und in den namhaf­testen Konzert­hallen und Musik­hoch­schulen weltweit gespielt. In den 1820-er Jahren beginnt die Geschichte der Piano­forte-Fabrik. Eduard Stein­graeber, aus der zweiten Generation, ließ sich 1852 in Bayreuth nieder und fertigte sein Opus 1, ein revolu­tio­näres Meister­stück. Ab 1867 wurden die Stein­graeber-Klaviere regel­mäßig mit inter­na­tio­nalen Preisen ausge­zeichnet, und 1906 begannen weltbe­kannte Designer die Stein­graeber-Klavier­möbel zu gestalten. Seit 1980 führt Udo Schmidt-Stein­graeber das Unter­nehmen inzwi­schen in der sechsten Generation, während die siebte Generation bereits in den Start­lö­chern steht. Das Stein­graeber-Haus ist eines der wenigen weitgehend original erhal­tenen Bauten des Rokoko in Bayreuth. Der markgräf­liche Camerier von Liebhardt errichtete 1754 das prunk­volle Palais, das Eduard Stein­graeber 1871 kaufte und zum kunst­sin­nigen Ausdruck des erfolg­reichen Klavier­fa­bri­kanten machte.

So wurde der Rokokosaal – er ist bis heute original erhalten – mit einem entspre­chenden Flügel ausge­stattet, heute „Liszt-Flügel“ genannt, denn Liszt war im Salon des Stein­graeber-Hauses oft zu Gast und spielte dort zusammen mit Freunden. Die Zimmer­flucht im Erdge­schoss eignete sich, damals wie heute, hervor­ragend zur Präsen­tation von Pianos, während das ehemalige Gesin­dehaus inzwi­schen als Flügelhaus mit drei Auswahl­sälen fungiert. Zudem finden jährlich rund 70 Konzerte und Veran­stal­tungen mit renom­mierten Künstlern und angehenden Meister­pia­nisten im sogenannten Kammer­mu­siksaal statt. Und in eben jenem Kammer­mu­siksaal findet an diesem Abend vor rund 70 Zuschauern ein Konzert statt.

Foto © Andreas H. Hölscher

Zu Gast sind Musiker des Branden­bur­gi­schen Staats­or­chesters Frankfurt, die Sopra­nistin Nadja Kristi, der Bariton und Kammer­sänger Roman Trekel, sowie der Pianist und Komponist David Robert Coleman, der auch die musika­lische Leitung des Abends innehat. Bevor es losgeht, begrüßt zunächst als Hausherr der Grand­sei­gneur des Stein­graeber-Hauses, Udo Schmidt-Stein­graeber, sehr herzlich die Gäste. Dann ist es an Bahr, inhaltlich in den ersten Teil des Abends einzu­führen und dabei näher auf die gespielten Werke von Siegfried Wagner einzu­gehen, sind sie doch auch den vielen Festspiel­gästen eher nicht bekannt, da bis heute Siegfried Wagner als Komponist im Schatten seines schier übermäch­tigen Vaters steht.

Das erste Werk des Abends trägt zwar seinen Namen, aber es ist wohl eine der schönsten Orches­ter­werke, die Richard Wagner kompo­niert hat, das Siegfried-Idyll, in der Urfassung Tribschener Idyll mit Fidi-Vogel­gesang und Orange-Sonnen­aufgang, als Sympho­ni­scher Geburts­tags­gruss. Seiner Cosima darge­bracht von Ihrem Richard genannt. Richard Wagner kompo­nierte das rund zwanzig­mi­nütige Orches­terwerk heimlich im Jahr 1870. Er schrieb das Werk für seine Frau Cosima zur Erinnerung an die Geburt ihres ersten Sohnes Siegfried, auch Fidi genannt. Urauf­ge­führt wurde es im engsten Famili­en­kreis am Weihnachtstag 1870, der zugleich Cosimas 33. Geburtstag war, durch zwölf Mitglieder des Zürcher Tonhal­le­or­chesters. Die Urauf­führung fand auf einer Treppe in Wagners Landhaus Tribschen bei Luzern statt, wobei die engen Platz­ver­hält­nisse eine Kammer­be­setzung nötig machten. Da die Kompo­sition als Geschenk für Cosima gedacht war, verwei­gerte sie lange die Veröf­fent­li­chung des Werkes.

Der Name der sympho­ni­schen Dichtung hängt nicht nur mit Wagners Sohn zusammen, sondern natürlich auch mit seinem Musik­drama Siegfried, der dritte Teil des Ring des Nibelungen. Wagner verwendet vornehmlich Motive aus diesem Musik­drama. Es handelt sich um seinen einzigen Beitrag zur Gattung der sympho­ni­schen Dichtung. Wagner bezeichnete die Kompo­sition als sein einziges Orches­terwerk, für das er ein vollstän­diges Programm vorlegen könnte. Das Siegfried-Idyll, in E‑Dur kompo­niert, besticht vor allem durch idyllisch-verklärte Klang­farben. Eine Live-Aufführung ist für jeden Wagner-Freund ein beson­deres Erlebnis.

Foto © Andreas H. Hölscher

Das an diesem Abend vorge­tragene Arran­gement für Klavier­quintett stammt von Alfred Pringsheim, einem ganz spezi­ellen Freund Richard Wagners, der vor allem durch eine einzige Anekdote zweifel­hafte Berühmtheit erlangte. Auf dem Grünen Hügel war am 16. August 1876 das neue Festspielhaus einge­weiht worden, zum ersten Mal gab es den kompletten Zyklus  Der Ring des Nibelungen zu sehen und zu hören. Ein paar Tage später saßen in der Bierkneipe Angermann Sänger, Musiker, Bühnen­ar­beiter und die von weit her angereisten Bewun­derer von Richard Wagner. Unter ihnen ein Mann der aller­ersten Stunde. Alfred Pringsheim, 25, Doktor der Mathe­matik, ein ausge­zeich­neter Pianist und Arrangeur. Zudem war er schwer reich, er hatte seinerzeit den Bau des Hauses durch den Kauf von gleich drei Patro­nats­scheinen unter­stützt. Schon Wochen vorher war Pringsheim nach Bayreuth gekommen, Wagner persönlich hatte ihm erlaubt, bei den Proben mit dabei zu sein. An jenem Abend floss das Bier in Strömen, und einer der vielen nicht mehr ganz nüchternen Gäste nannte mit lauter Stimme Wagner einen „neutö­ne­ri­schen Schwindel“, mit einem einzigen Strauß-Walzer könne man die ganze Gesell­schaft vom Hügel herun­ter­holen. Alfred Pringsheim verbot dem Mann die respektlose Rede, worauf sich ein weiterer Streiter zu Wort meldete, der Berliner Professor und Shake­speare-Experte Friedrich August Leo, auch er eigens zur Premiere angereist. Leo fragte Pringsheim, wieviel er denn schon getrunken habe, dass er so einen Unsinn rede, und wenn er nichts vertrüge, solle er es doch lassen. Die Kellnerin hatte gerade frisch gefüllte Bierkrüge auf die Tische gestellt, und als der „Professor Leo“ zum „Doktor Pringsheim“ sagte, er sei ja nicht einmal satis­fak­ti­ons­fähig, griff sich Pringsheim einen Krug und schmiss ihn quer über den Tisch dem Professor Leo an den Kopf, so dass der zu Boden ging und aus der Nase blutete. Während Freunde ihn versorgten, kabelten auch schon die Journa­listen an die Redak­tionen: „In den Straßen von Bayreuth fließt bereits Blut!“ Ein anderer dichtete für sein Blatt den schönen Vers: „Wo sich Aug‘ und Ohren laben, will die Nase auch was haben.“ Und weil der Krug, den Pringsheim geworfen hatte, bei den Einhei­mi­schen „Schoppen“ hieß, nannte man Pringsheim fortan den „Schop­pen­hauer“. Falls Pringsheim geglaubt haben sollte, Wagner würde ihm seinen selbst­losen Einsatz womöglich danken, da lag er falsch. Der Familie Wagner war die Sache peinlich, und Pringsheim wurde nie wieder nach Wahnfried eingeladen.

Nun hat eben jener „Schop­pen­hauer“ Pringsheim das wunderbare Siegfried-Idyll für Klavier­quintett arran­giert. Neben dem Klavier kommen Cello, Geige und Bratsche zum Einsatz, David Robert Coleman leitet das Quintett vom Flügel aus, wunderbar einsehbar durch den Decken­spiegel. Es ist eine zunächst zarte, fast schon schüchtern anmutende Annäherung an Wagner, mit verein­zelten Stakkato-Passagen, die auf dem ersten Blick mit dem Stück fremdeln lassen. Ob da Pringsheim in seinem Arran­gement etwas zu mathe­ma­tisch ans Werk gegangen ist? Am Schluss wird es fast unangenehm laut und ein wenig scharf. Das ist kein Idyll-Klang mehr, eher ein Geschrammel, vielleicht lässt es das Arran­gement oder die Akustik des Saals auch nicht anders zu. Die stärksten Momente hat das Quintett, wenn es im zarten Piano spielt.

Der Schwer­punkt des Kammer­kon­zertes liegt in beiden Teilen bei Arien aus Opern von Siegfried Wagner. Neben seinem Einsatz für die Bayreuther Festspiele als Regisseur und Leiter war er auch kompo­si­to­risch tätig. Er schuf 17 Opern, zu denen er nach dem Vorbild seines Vaters selbst die Libretti schrieb, sowie konzer­tante und sympho­nische Werke. Einen durch­schla­genden Erfolg auf deutschen Bühnen erzielte er jedoch nicht. Schon seine erste Oper Der Bären­häuter wurde 1899 von der Kritik verrissen. Dass Siegfried Wagner als Sohn eines musika­li­schen Genies sich ebenfalls als Komponist betätigte, stieß auf große Skepsis. Dabei hatte er gar nicht vor, den Ring des Nibelungen fortzu­schreiben oder ein zweites „Bühnen­weih­fest­spiel“ vorzu­legen. Klug hatte er sich das Märchen zur Stoff­quelle auser­koren und versuchte mit dem beschei­dener gedachten Format der „Volksoper“ aus dem übermäch­tigen Schatten des Vaters heraus­zu­treten. Dabei sorgten Titel wie An allem ist Hütchen schuld oder Das Märchen vom dicken fetten Pfanne­kuchen nicht nur für Spott und Häme, sondern täuschten auch eine infantile Harmlo­sigkeit vor, die Siegfrieds Libretti gar nicht einlösten. Lediglich seine erste, 1899 in München urauf­ge­führte und sofort im In- und Ausland nachge­spielte Oper Der Bären­häuter entsprach dem selbst­ge­steckten Ziel der Volks­tüm­lichkeit. Statt den erfolg­ver­spre­chenden Kurs weiter­zu­ver­folgen, erzählte Siegfried Wagner immer komplexere Geschichten voll düsterer Symbolik, indem er Märchen­motive zu ganz neuen Zusam­men­hängen verknüpfte. Verstö­rende Themen wie Abtreibung und Kindsmord, Hexen­pro­zesse und soziale Ächtung spiegeln wohl seine Selbst­wahr­nehmung als Außen­seiter in einer moralisch verlo­genen Gesell­schaft wider. Zum Kassen­schlager taugten derartige Opern aller­dings nicht: Siegfried gelangte immer mehr zur Überzeugung, nur noch für „das Schubfach“ zu kompo­nieren. Aller­dings nicht ohne Hoffnung, dass seine Werke einst doch noch gehört würden. Doch dem Kompo­nisten fehlten sowohl die Innova­ti­ons­kraft seines Vaters als auch die Naivität seines Lehrers Humper­dinck. Nun, an diesem Abend gibt es einige Ausschnitte aus seinen zum größten Teil unbekannten Werken.

Als erstes zu hören ist die Arie der Verena aus seiner dritten Oper Der Kobold, op. 3, 1903, Urauf­führung am 29. Januar 1904 in Hamburg. Doch die bedeu­tungs­schwangere wie in ihrer Moral fragwürdige Geschichte, in der die unschuldige Verena, die die umher­ir­rende Seele eines von ihren Vorvätern getöteten Kindes durch den eigenen Opfertod erlöst, weder als Drama noch als Märchen überzeugen. Die wenigen Ansätze zu einer glaub­haften Perso­nen­schil­derung macht die Sprache von Wagners Libretto zunichte. Die Sopra­nistin Nadja Kristi inter­pre­tiert die drama­tische Arie mit großem Gestus und etwas schrill in den Höhen, dafür mit einer schönen warmen Mittellage. Die in Kursk geborene Sopra­nistin absol­vierte ihr Studium im Fach Opern­gesang an der Hochschule für Musik „Hans Eisler“ in Berlin und war darüber hinaus Stipen­diatin der Bayreuther Festspiele. Heute tritt sie vorwiegend als Konzert­sän­gerin in Erscheinung. Am auffäl­ligsten an ihr ist ihr glitzerndes, goldfar­benes Spiegel­kleid, das ihr die Aura einer großen Diva verleiht, deren Anspruch sie sänge­risch aber nicht immer erfüllen kann.

Dann zieht so etwas wie ein Hauch von Bayreuth ins Stein­graeber-Haus. Roman Trekel, einst umjubelter Wolfram von Eschenbach im Tannhäuser und Heerrufer des Königs im Lohengrin, stand von 1996 bis 2007 auf der Bühne des Festspiel­hauses, zunächst als Konrad Nachtigal in den Meister­sänger von Nürnberg, dann in den beiden genannten Rollen. Und noch immer singt Trekel, der jetzt auch vermehrt als Konzert­sänger in Erscheinung tritt, Wagner. Ab September ist er wieder der Donner im Rheingold an der Staatsoper Unter den Linden in Berlin unter Christian Thielemann. Viele CD-Einspie­lungen zeugen vom umfang­reichen Schaffen des großar­tigen Baritons. Trekel eröffnet seinen Reigen mit der Arie des Konrad aus der Oper Bruder Lustig, op. 4, 1904, die nichts mit dem gleich­na­migen Märchen zu tun hat. Es ist Siegfried Wagners vierte Oper, am 13. Oktober 1905 in Hamburg urauf­ge­führt. Trekel singt die Arie wunderbar kraftvoll und ausdrucks­stark. Eine sehr ergrei­fende Arie, die an diesem Abend zum ersten Mal Gänse­haut­gefühl vermittelt. Wiederum in Hamburg, am 21. Januar 1908, wurde die nächste Oper Siegfried Wagners urauf­ge­führt, sein Sternen­gebot  op. 5, 1906. Nadja Kristi singt daraus die Schlussarie der Agathe. Diese Arie liegt Kristi deutlich besser, und sie geht sie sehr lyrisch an. Zum Schluss des ersten Teils erklingt aus der Oper Sternen­gebot das Herzens­gebot in einem Arran­gement für Klaviertrio von Carl Kittel. Das Werk ist wunder­schön elegisch, fast zum Träumen, und in dem Stück präsen­tiert sich Siegfried Wagner als Romantiker.

Zu Beginn des zweiten Teils, der wieder inhaltlich von Achim Bahr einge­führt wird, steht Franz Liszt mit einem kurzen, aber sehr bewegendem Stück auf dem Spielplan: Am Grabe Richard Wagners. Es ist eine einsätzige Kompo­sition für Streich­quartett, die Liszt 1883 zu Ehren seines Schwie­ger­sohns Richard Wagner schrieb. Das Werk wurde aber erst 1951 veröf­fent­licht. Das Stück beginnt mit dem „Excelsior!“-Motiv aus Liszts Werk Die Glocken des Straß­burger Münsters, das Wagner in seinem Parsifal verwendete. Am Ende des Stücks erklingt eine gedämpfte Erinnerung an die Grals­glocken. Liszt widmete das Werk dem Gedenken an Wagner, der am 13. Februar 1883 gestorben war. Und die Musiker um David Robert Coleman spielen es sehr getragen.

Foto © Andreas H. Hölscher

Die nun folgenden Arien entstammen wiederum aus den eher unbekannten Opern Siegfried Wagners. Es beginnt Trekel als Osmund aus der Oper Rainulf und Adelasia. Op. 14, 1922, die erst am 4. Oktober 2003 in Metzingen urauf­ge­führt wurde. Es ist eine Anspielung auf Richard Wagners Oper Tristan und Isolde, aber auch auf Isolde, Richard Wagners erste gemeinsame Tochter mit Cosima, dessen Vater­schaft bis zuletzt verleugnet wurde und Gegen­stand eines aufse­hen­er­re­genden Prozesses war. Auch in dieser Arie zeigt Trekel sein großar­tiges Können als Spezialist für ausdrucks­starke, dekla­ma­to­rische Arien und Lieder.

„Tod, erhabenes Schweigen, geheim­nis­volles Übergehen, vor dem gewal­tigen Tor ehrfurchtsvoll wir stehen“, so der Beginn der Arie, von Trekel mit großer Inbrunst und Dramatik vorge­tragen. Anschließend kommt es zu dem einzigen Duett des Abends. Kristi singt ein trauriges, leicht atonales Lied der Prosti­tu­ierten Autonoë aus der Oper Die heilige Linde, op. 15, 1927. Auch dieses Werk wurde erst lange nach Siegfried Wagners Tod konzertant urauf­ge­führt, nämlich am 17. Oktober 2001 in der Philhar­monie Köln. Kristi und Trekel zeigen in dem ungewöhn­lichen Duett, wie angenehm sich ihre Stimmen ergänzen können.

Die letzte Arie des Abends gehört Trekel als Baumeister Argimund aus der Oper Wahnopfer, op. 16, 1928, die Siegfried Wagner zu Lebzeiten nicht vollendet hat und deren Fragment am 10. Juni 1994 auf Schloss Heidecksburg in Rudol­stadt urauf­ge­führt wurde. Die von Trekel vorge­tragene Schlussarie entstammt nicht im Original aus dieser Oper, sondern wurde erst nach Wagners Tod aus Skizzen­ma­terial ergänzt. Schuld und Sühne, Wahn und Aberglauben bilden auch im Wahnopfer wieder die Grund­pfeiler der Handlung. Trekel singt wieder markant ausdrucks­stark und emotional die Arie, deren Worte einen gefangen nehmen können und in der Diktion an der einen oder anderen Stelle an seinen übermäch­tigen Vater Richard Wagner erinnert:

„Hinter uns liegt das Tor der Tränen, das nie unser Auge mehr erschaut. Vor uns wölbt ein andres sich: dem großen Meister, der es erbaut, dem stürzt es nimmer ein. Ein gewaltig‘ Gewölbe, stern­besät, von stämmigem Unterbau getragen, hierdurch die Wandrung geht. Wer reines Herzens, darf es wagen, es führt in ein gesegnet Land: das Tor der Hoffnung ist es benannt, durch Leiden gereinigt, in Liebe geeinigt!“

Auch eine Urauf­führung darf an diesem Abend nicht fehlen. Der Pianist und Komponist David Robert Coleman, Jahrgang 1969, hat eine Hommage an Siegfried Wagner für Klavier und Horn geschrieben mit dem simplen Titel Prelude for SW. Coleman studierte Klavier, Dirigieren und Kompo­sition am Royal College of Music London sowie Musik­wis­sen­schaft am King’s College Cambridge. Weitere Kompo­si­ti­ons­studien erfolgten bei George Benjamin in London und Wolfgang Rihm in Karlsruhe. Seit 2010 ist er an der Staatsoper Unter den Linden tätig. Im März 2012 wurde seine neue Orchestrierung/​Fassung des dritten Aktes von Alban Bergs Lulu im Rahmen von deren Neupro­duktion an der Staatsoper im Schiller-Theater unter der Leitung von Daniel Barenboim urauf­ge­führt. Prelude for SW ist ein wildes atonales Klavier­stück, schräg, sperrig, mit gegen­sätz­lichen Hornrufen. Man erkennt plötzlich Siegfrieds Hornruf aus Richard Wagners Siegfried und Götter­däm­merung, der dann sofort wieder verfremdet wird, vielleicht eine Anspielung auf die unter­schied­liche Ausrichtung der beiden Kompo­nisten Vater und Sohn. Das Stück ist ein wilder Ritt, virtuos vorge­tragen vom Kompo­nisten David Robert Coleman am Stein­graeber-Flügel und dem Hornisten Falk Höhna, das zurecht viel Applaus vom Publikum erhält.

Zum Schluss des Abends gibt es eine weitere Urauf­führung. Der dritte Satz von Siegfried Wagners C‑Dur-Sinfonie mit dem Beinamen Hans im Glück und Bezug zum gleich­na­migen Märchen, wird hier als Klavier­septett in einem Arran­gement von Coleman gespielt, mit Coleman am Flügel und Musikern des Branden­bur­gi­schen Staats­or­chesters Frankfurt. Das Septett ist ein schöner, roman­ti­scher und beglü­ckender Schluss eines ganz beson­deren Kammer­kon­zertes, das vor allem unbekannte Musik Siegfried Wagners in den Vorder­grund stellt, einge­rahmt von Werken seines Vaters Richard und seines Großvaters Franz Liszt. Ein anspre­chendes Kontrast­pro­gramm zu den Richard-Wagner-Festspielen auf dem benach­barten Grünen Hügel.

Andreas H. Hölscher

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