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DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG
(Richard Wagner)
Besuch am
17. August 2018
(Premiere am 25. Juli 2017)
Vor den ersten Tönen kommt der erste, situationsbedingte Lacher. Mt Projektionen auf einen Gazevorhang wird der Zuschauer in die folgende Situation eingeführt: „Wahnfried.… 13. August 1875 … 12:45 Uhr … Außentemperatur 23 Grad Celsius …“ Schon bei der Premiere 2017 ist – wie das spontan einsetzende Gelächter auf der DVD-Aufzeichnung beweist – diese Temperatur blanker Hohn für all diejenigen, die nun im Festspielhaus ins Schwitzen kommen. Denn auch bei der vierten Aufführung der diesjährigen Reprise herrschen draußen 32 Grad und gefühlt steigt das Quecksilber pro Akt um weitere fünf Grad.
Kaum auszumalen, wie sich die Musiker im Orchestergraben, die Darsteller auf der Bühne fühlen müssen. Denn Klaus Bruns hat wunderbar opulente Kostüme entworfen und in dieser Detailverliebtheit wird man bestimmt gekocht. Für die Zuschauer ist es allerdings ein wahrer Augenschmaus, wie die Meistersinger-Riege in historischen Kostümen und Langhaarperücken aus Wagners Flügel heraus in das Haus Wahnfried steigen. Dort findet eine von Wagners legendären Hausproben statt. Wagner selbst übernimmt dabei die Rolle von Hans Sachs, Hermann Levi wird in die Rolle des Beckmesser genötigt. Logischerweise ist Cosima Wagner das Evchen. Auf diese Art und Weise gelingt Barrie Kosky ein grandioser, verspielter erster Akt und ein mehr als nur interessantes Konzept. Denn mit Hilfe seiner Bühnenbildnerin, der ebenfalls detailverliebten Rebecca Ringst, schlägt er dann noch die Brücke zu den Nationalsozialisten, die Wagners Musik für ihre Zwecke eingesetzt haben: Zu den letzten Tönen des ersten Aktes verschwindet der Saal Wahnfrieds und macht Platz für den Gerichtssaal der Nürnberger Prozesse, wo letztendlich – das ist der dramaturgische Kerngedanke – Richard Wagner vor Gericht steht.
In der leider wieder notwendig gewordenen Antisemitismusdebatte ist es Kosky, dem jüdischen Regisseur, und seinem Dramaturgen Ulrich Lenz hoch anzurechnen, dass sie sich genau diesem Thema stellen: Wagners Verhältnis zu den Juden am Beispiel von Hermann Levi. Der muss als Beckmesser all das verkörpern, was Wagner den Juden in Hinblick auf seine Idealvorstellung von Kunst und Kultur vorwarf und in der Prügelfuge des zweiten Aktes schließlich wird er mit der grotesken, hakennasigen Karikatur eines Juden ausstaffiert. Sieht man das Stück mit den Augen Koskys, so haftet der Komödie ein ekliger Nachgeschmack an.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Allerdings funktioniert das Konzept nicht durchgängig über die Länge der Oper, sondern ab dem zweiten Akt „nur“ zu entscheidenden Schlüsselmomenten. Gerade im dritten Akt, der im fertig eingerichteten Gerichtssaal spielt, weiß sich Kosky nur zu helfen, indem er auf seine wirklich ausgefeilte Personenführung zurückgreift und die Oper einfach weiter erzählt, was aber in der Kulisse Wahnfrieds vermutlich mehr Sinn gemacht hätte. Auch das Tänzchen des David mit einem Bild von Cosima Wagner wirkt eher rätselhaft und erinnert an die verkopfte Vorgänger-Regie von Katharina Wagner. Einiges wird Kosky sicherlich noch ausbessern können, denn vermutlich wird diese Interpretation noch ein paar Jahre auf dem Spielplan stehen. Und das zu Recht. Denn in der Gesamtsumme darf man dieser Produktion endlich mal wieder das Prädikat festspielwürdig verleihen. Unterhaltsam und tiefgängig gleichermaßen und zudem noch die Möglichkeiten des Theaters ausnutzend.
Dazu kommt ein Ensemble, das sich mehr als nur spielfreudig Koskys Personenführung hingibt und sich im zweiten Jahr bis zum letzten Choristen geschlossen als eine Festspielfamilie präsentiert. Das Ganze wird garniert durch ein sehr hohes gesangliches Niveau ohne einen Ausreißer nach unten. Das ist in Bayreuth keine Selbstverständlichkeit. Neben Tobias Kehrers solidem Nachtwächter ist Emily Magee die einzige große Umbesetzung gegenüber dem Premierenjahr. Leider ist sie wie auch ihre Vorgängerin der Rolle der Eva, mit der sie 1997 in Bayreuth erfolgreich debütierte, entwachsen, weiß sich aber dennoch einige schöne Momente zu erarbeiten. So bleibt diese wichtige Frauenfigur in einer Männerdomäne etwas zu blass. Wiebke Lehmkuhl als Magdalene tritt da wesentlich prägnanter in Erscheinung und kann somit an die restliche maskuline Besetzungsliste anschließen.
Man darf sicherlich behaupten, dass die Aufführung im Großteil auf den Schultern von Michael Volle und Johannes Martin Kränzle liegt. Michael Volle steht fast die komplette Dauer der Vorstellung auf der Bühne. Den ersten Akt gestaltet er durchgängig mit, obwohl er nur die Hälfte davon zu singen hat. Auch Kränzles komplexe Charakterstudie ist ein wesentlicher Baustein über weite Strecken der Inszenierung. Dass beide in der besuchten Vorstellung vielleicht nicht 100 Prozent ihrer vokalen Möglichkeiten abrufen können, ist angesichts von Temperatur und körperlichem Einsatz mehr als nur verständlich und wird hier nur der Vollständigkeit halber angesprochen. Das eloquente Spiel mit dem Text, ihre diversen Stimmfarben, die Sicherheit, mit der sie selbst durch tagesformbedingte Unsicherheiten navigieren – das alles spricht für zwei Künstler, die fortan bei den Festspielen Referenzstatus in ihren Rollen genießen dürfen.
In diese vokale Maschinerie greifen auch die anderen Rädchen. Da ist der Prachtbass von Günther Groissbeck, der den Pogner mit großer Autorität und Würde ausstattet. Klaus Florian Vogts Timbre mag vielleicht ein bisschen das virile Element fehlen, aber als strahlender Ritter Stolzing kann er dennoch überzeugen. Aus den engagiert agierenden Sängern der Meistersinger tritt Daniel Schmutzhard als Fritz Kothner hervor. Und wie dicht die Sänger mit der Interpretation von Dirigent Philippe Jordan zusammenkommen, zeigt sich an Daniel Behle. Wie schnell wird die kleine Lehrstunde des David im ersten Akt zu einer langweiligen Wortkette. Behle, der überhaupt eine große Vorstellung abliefert, demonstriert „der Meister Tön und Weisen“ mit so viel Fantasie und Raffinesse und Jordan gibt ihm die Zeit und Grundlage dafür.
Bei aller Hochachtung vor dem raumgreifenden Orchesterrausch, den Jordan mit dem wirklich mehr als nur perfekt spielenden Orchester der Festspiele entfesselt, so sind es eben diese vielen kleinen Details, die diese musikalische Interpretation in der Geschichte der Festspiele zu etwas Besonderem machen. Selten hat man beispielsweise die Einwürfe der Lehrbuben in diesen sauberen Strukturen erlebt. Jordan versteht sich darauf, die Konversationen mit den Instrumenten zu unterstützen, traut sich auch, einige Momente der Inszenierung mit Pausen zu unterstützen anstatt voranzueilen. An sich sind seine Tempi aber sehr lebendig. Die Aussagen des Regieteams aufgreifend, lässt er durch das Orchester den Phrasen Beckmessers eine besondere Farbe geben, was dann in dessen verkorkstem Meisterlied im dritten Akt kulminiert. Das Verhältnis Detailfreudigkeit und Aufführungsfluss ist trotzdem absolut passend.

Es verwundert nicht, dass auch der Chor der Festspiele sich diese Chance nicht entgehen lässt, die Chorphrasen nicht nur laut, sondern ebenso differenziert vorzutragen. Vor allem den dritten Akt auf der Festwiese prägt der Chor in jeder Hinsicht mit. Dass die Prügelfuge doch beachtlich klappert, hätte auch eine bessere Einstudierung von Eberhard Friederich nicht ändern können. Das müssen sich an diesem Abend die Solisten auf ihren Deckel schreiben.
Die Beobachtung eines eher unruhigen Publikums aus den anderen Aufführungen der Festspiele muss man auch in dieser Vorstellung machen. Klingelnde Handys, unverblümte Gespräche, zu Boden klappernde Programmhefte und Operngläser – das ist in der wunderbaren Akustik des Festspielhauses unerträglich. Der Applaus ist immerhin eine gute Entschädigung. Fein differenzierend werden die Beteiligten gefeiert und insbesondere Kränzle, Vogt, Jordan und vor allem Volle mit beachtlichen Lautstärkepegeln bejubelt.
Wenn es ruhig ist auf dem grünen Hügel, abseits des Gewusels der Vorstellungen, lohnt sich nicht nur mit Blick auf diese Interpretation die Ausstellung Verstummte Stimmen – Die Bayreuther Festspiele und die „Juden“ 1876 bis 1945. Hier übernehmen die Festspiele rückblickend Verantwortung an den antisemitischen Vorgängen, die sich von Richard über Cosima Wagner bis zum Zweiten Weltkrieg in Bayreuth gesteigert haben. Die Personalie Kosky und dessen nicht mal übertriebener Fingerzeig auf Richard Wagner sind ein gutes Zeichen für die Aufarbeitung dieser Epoche, die keinesfalls vergessen werden kann und darf. Es ist eine kleine Entschuldigung, aber vor allem ein nötiges Zeichen für aktuelle Strömungen und die Zukunft.
Christoph Broermann