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DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG
(Richard Wagner)
Besuch am
11. August 2025
(Premiere am 25. Juli 2018)
Richard Wagners Opern verstehen sich nach dem Komponisten selbstredend als Gesamtkunstwerke aus Dichtung, Musik und Theater. Ein selbstbewusst großmächtiger Anspruch, der der Musikgeschichte viele bis heute nicht beantwortete Fragen hinterlassen hat. Antworten der Kritik und der Musikgeschichte, die diesen gerecht werden wollen, gibt es hingegen viele. Die Meistersinger von Nürnberg sind dafür ein Beispiel par excellence.
Dass Wagner nach Tristan und Isolde, einer Oper, die, die diatonischen Tonstufen chromatisch umfärbend, das Tor weit in die Moderne öffnet, mit den Meistersingern wieder auf C‑Dur-Harmonik zurückfällt, ist für alle Inszenierungen eine künstlerische Herausforderung. Barrie Kosky entdeckte in seiner vielgelobten Inszenierung in Bayreuth 2018 Wagners Alter Ego in dreifacher Prägung. Sein Nachfolger, Matthias Davids, nimmt den Komponisten beim Wort. Nicht in summa drei in einem. Walther von Stolzing, der die neue Musik exemplarisch vorträgt sowie David, der als Hans Sachs‘ Lehrling dem Ritter die Meisterregeln erklärt und letztlich Hans Sachs, der als Handwerker von altem Schrot und Korn ein Plädoyer für die Poesie der geschichtsmächtigen deutschen Kunst hält – nicht sie, sondern der Regisseur erzählt, wie er im Programmbuch titelt: „Eine kolossale Komödie“.
Er folgt nicht nur Wagners romantisch verklärter Selbsterhöhung nach Novalis, dass „alles Poetische märchenhaft sein (muss)“. Mehr noch ist des Komponisten Selbsterklärung, wie jener zur Idee Meistersinger gekommen sei, eine leitende für seine komödiantisch inspirierte Inszenierung: „Wie bei den Ahnen ein heiteres Satyrspiel auf die Tragödie folgte … erschien mir plötzlich das Bild eines komischen Spiels … sich anschließen konnte“. In Davids Übersetzung eine Musical-affine Inszenierung ohne Wenn und Aber, ohne Scheu vor dem riesengroßen Denkmal der Bayreuther Wagnertradition – und ihrer sorgsam kontrollierten Einhaltung.

Die Protagonisten der Oper laden geradezu ein, sie als Komödienfigur zu verstehen und zu behandeln. Das sind zuerst Sixtus Beckmesser, einer, der seine Contenance in der Meistersinger-Sackgasse als Selbstbetrüger zu verlieren scheint und sich letztlich doch treu bleibt. Michael Nagy charakterisiert ihn mit wohl dosiertem Slapstick als auch mit einer pfiffigen Balance. Absturz und Wiederauferstehen, beides vereint er in Spiel und Gesang sehr überzeugend. Nagy wird mit diesem Beckmesser in nahezu kompletter sängerischer und schauspielerischer Überzeugungskraft zu einem Erfolgsgaranten der Inszenierung.
Eva, als Preiskuh von ihrem Vater ausgelobt, lässt potenzielle Gewinner ins Leere laufen. Sie spielt das Spiel allein mit, wohl mehr ahnend als wissend, welche unrühmliche Rolle ihr Vater Veit Pogner ihr zugemessen hat, um den Ritter Stolzing für sich zu gewinnen und mit ihm zu fliehen. So quicksilbrig Christina Nilssons Sopran das Überzeugungs- und Versteckspiel klangmalt, beharrt Jongmin Parks bodenständiger Bass emotionslos auf seinem Pfandspiel. Michael Spyres scheint mit dem ersten Auftritt völlig geblendet von Evas Erscheinung. Noch bevor er sie lyrisch feinsinnig – „Morgenlich leuchtend im rosigem Schein“ – umschmeichelt, blinkern sie sich gegenseitig zu, ohne ein Wort gesprochen zu haben. Es scheint abgemacht, dass diese Meistersingerwelt nicht die ihre sein kann.
Doch um Eva zu gewinnen, muss der stolze, eigensinnige Ritter Stolzing sich mit den Meistersingern vorerst messen. Davids erzählt in der Bühnenarchitektur von Andrew D. Edwards stringent unverstellt die Liebes- und Fluchtgeschichte von Eva und Walter sowie die von David, dem Lehrbuben des Schustermeisters Hans Sachs mit Magdalene. In der Ständegesellschaft der Ritter und Meister gelingt David Matthias Stier mit jugendlich werbendem, klangschönem Tenor, von seinem Meister zum Gesellen ernannt, ein Sprung um eine Stufe höher. Mehr aber nicht. Magdalene, die als Amme von Eva im Hause Pogner ihren Platz hat, will aber gleichfalls mehr. Sie gibt ihren Liebesanspruch nicht auf, auch wenn es ihr nicht leicht gemacht wird. Vorsichtig selbstfürsorgend abtastend, charakterisiert der Mezzosopran von Christa Mayer die liebenswürdige Figur mit viel Empathie.
Edwards‘ Bühnenarchitektur arbeitet mit Bauelementen, die dem Erzählen viel Raum geben. Keine Kirchstuhlbänke, wie in Wagners Szenenbeschreibung des ersten Aktes zu lesen ist. Keine Umwege, allein die Direttissima einer bis beinahe in den Schnürboden ragenden Himmelsleiter mit einer unberechenbaren Fallhöhe muss bewältigt werden. Die Bühnenbilder blättern eine Erzählstruktur auf, vom ersten Bild mit jener hochragenden Treppe, gekrönt von einem Kirchlein, das mit dem Auftritt der Lehrbuben explodiert, über die praktisch solide, inselartig platzierte Schusterwerkstatt bis zum quietschbunten Plastiktableau der Festwiese. Darin eingebettet Hans Sachs‘ poetische Sendung über den Gegensatz von himmlischer und irdischer Liebe.

Final cringely gestimmt, lässt die Festwiese assoziativ an den Zeichentrickfilm Der Lorax nach einem 1971 verfassten Kinderbuch denken. Alles so schön bunt und stimmungsvoll, dass Davids auch noch mit dem von Thomas Eitler de Lint auf Musical getrimmten, rhythmisch klatschenden Festspielchor grelle Klangfarben beimischt. Es hieße allerdings die Lorax-Reflexionsperspektive, die ursprünglich für ein frühes, bitteres Plädoyer gegen die drohende Umweltzerstörung steht – „Ich bin der Lorax, und ich spreche für die Bäume“ – zu überdehnen, darin Hans Sachs‘ Mahnung – „Verachtet mir die Meister nicht!“ – als politischen Appell zu verstehen. Nichtsdestotrotz wähnt sich Davids Inszenierung mit Wagner auf Augenhöhe in der Überzeugung, sich nicht auf die Politik zu verlassen, sondern auf die Kunst.
Meisterlich sich selbst definierender und praktizierender Spießbürgerschaft kommt man, so scheint es mit Davids, mit Humor am besten bei. Sein Versuch reißt wagnereske Grenzlinien auf, ohne die sie arrondierende Musiklandschaft zu desavouieren. Die sowohl hehre wie auch widersprüchliche Figur des Hans Sachs dekliniert der originäre Bassist Georg Zeppenfeld als Bariton mit distinktiven Betonungen. Bis zum letzten Ton ohne Spannungsverlust beeindruckt er mit vollem Atem und fabelhaftem Ausdruck. Das Alte zu bewahren und vor dem Neuen die Augen und Ohren nicht zu verschließen. Eine Botschaft, die ohne Pomp und Bravour mit aller gebotenen Zurückhaltung auskommt.
Ausgehend vom Verdikt der Meistersinger nach Stolzings Gesangsprobe – „Versungen und verthan!“ – lenkt Davids in der Prügelszene den Blick auf Beckmesser, einen plötzlich fremden Nachbarn. Es ist, als würde Goethes Zauberlehrling mahnen: „Die ich rief, die Geister, werd‘ ich nun nicht los“. Davids wird auf der plastikschillernden Festwiese auch den Lorax-Effekt nicht los. Sachs‘ dräuend drohende Aufforderung, die deutschen Meister zu ehren, da ansonsten bald niemand mehr sagen könne, „Was deutsch und ächt wüßt‘ Keiner mehr, lebt’s nicht in deutscher Meister Ehr“ sowie sein Hochruf auf die „heil’ge deutsche Kunst“ verklingt fast ungehört im Festwiesen-Tohuwabohu.
Auf Dauer schimmert durch Daniele Gattis Dirigat ein Hauch von „Versungen und verthan!“. Er bestimmt dem Festspielorchester im Kontrast zu der atmosphärischen Musical-Stimmung der Inszenierung einen auf Dauer immer bedächtigeren, ernüchternden Klang.
Riesiger Jubel mit Fußgetrampel am Ende, dass man Angst um die Statik des Hauses haben könnte.
Peter E. Rytz