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PARSIFAL
(Richard Wagner)
Besuch am
25. Juli 2018
(Premiere am 26. Juli 2016)
In der dritten Auflage erscheint und erklingt der derzeit aktuelle Bayreuther Parsifal deutlich anders als in den Vorjahren. Das kommt der insgesamt umstrittenen Produktion freilich nur teilweise zugute, musikalisch wirkt sich der Wechsel am Dirigentenpult sogar eher nachteilig aus. In Klartext: Während Regisseur Uwe Eric Laufenberg seine Inszenierung stark entschlackte, allzu rätselhafte symbolische Anspielungen reduzierte, sich auf eine präzisere Personenführung konzentrierte und damit den immer noch recht faden Gesamteindruck wenigstens ein wenig aufpolieren kann, hinterlässt Maestro Semyon Bychkov als Nachfolger von Hartmut Haenchen noch zwiespältigere Eindrücke.
Laufenbergs Inszenierung hat seit der Premiere vor zwei Jahren nach den optisch und konzeptionell beeindruckenden, aber auch überfrachteten Inszenierungen von Christoph Schlingensief und Stefan Herheim keinen leichten Stand. Wobei man nicht vergessen sollte, dass sowohl Schlingensief als auch Herheim mit ihren eigenwilligen Produktionen mehr über sich selbst oder über die Rezeptionsgeschichte des Stücks mitteilten als über die inhaltlichen Botschaften des Werks.
Das wollte Laufenberg mit seiner Neuinszenierung ändern. Gut gemeint, wenn auch mit bescheidenem Ergebnis. Zugutehalten muss man Laufenberg, dass er den Aspekt des „Mitleids“ in den Mittelpunkt gerückt hat, was Wagners religionskritischer Haltung gegenüber einem Christentum entspricht. Einem Christentum, das in der Vorstellung Wagners den Menschen vor allem als Sünder sieht und sich selbst als strafende, einschüchternde Instanz, die das „Mitleid“, die Empathie, aus den Augen verloren hat. Indem sich Wagner im unmenschlich verhärteten Christentum nicht aufgehoben fühlte, entwickelte er eine Art Kunstreligion, in der nur das „Mitleid“ eine erlösende Wirkung ausüben kann.
Die Botschaft Wagners hat Laufenberg verstanden und aus zwei Perspektiven zu verdeutlichen versucht. Wir sehen im ersten Akt die Gralsritter als frömmelnde Betbruderschaft, die jedoch nur an ihr Weiterleben denkt und die Leiden ihres mit Dornenkrone und Wundmalen geschundenen Königs Amfortas brutal verschärft, indem sie seine Wunde gewaltsam öffnet und ein Blutbad auf einem Opferstein anrichtet. Vom Gral und seiner himmlischen Erleuchtung ist nichts zu sehen. Der Blutrausch wird zum Lebenselixier.
Das Ganze siedelt Laufenberg jedoch in ein islamisches Umfeld an samt Moschee-Kuppel und dampfendem Hamam. Das stiftet Verwirrung, weil die Stoßrichtung dieser Vermischung nicht klar wird. Wir sehen Flüchtlinge, im dritten Jahr auch einige betende Juden über die Bühne wuseln. Ein Hinweis auf die politischen und menschenfeindlichen Katastrophen, die aus dem Verlust an Empathie erwachsen können und immer noch kräftig gedeihen. Allerdings bleiben diese Menschen Staffage. Was am Ende mit ihnen geschieht, bleibt so unklar wie das weitere Schicksal der Gralsgesellschaft.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Die Flüchtlingsscharen bevölkern die Bühne in diesem Jahr freilich erheblich dezenter. Im langen ersten Akt wirkt die Bühne dadurch über lange Strecken erstaunlich leer. Stattdessen konzentriert sich Laufenberg erheblich dezidierter auf die Personenführung der Solisten und kümmert sich um den zweiten Aspekt der Kritik an der verlorenen Empathie des Christentums: Den brutalen und egoistischen Umgang der Rittergesellschaft mit Amfortas, der bei den Gralsenthüllungen wie Jesus am Kreuz regelrecht dahingeschlachtet wird. Eine drastische Präzisierung, die aber ein Grundproblem der Inszenierung nicht löst: Was bewirkt denn Parsifals „Mitleidsgeste“ und Erlösungshandlung bei Laufenberg? Offenbar keine Reinigung der Religionen, sondern die Menschen distanzieren sich von ihnen, werfen Kreuze, Kelche und andere Insignien in den Sarg Titurels und wandeln einer ungewissen, von Religionen befreiten Zukunft entgegen. Ist damit ein Gewinn an Empathie gesichert? Dieser Frage entzieht sich Laufenberg, so dass Wagners verklärende Schlussmusik eine hoffnungsvolle Antwort gibt, die szenisch nicht eingelöst wird. Dass die Kirchen-Moschee im dritten Akt von Wildwuchs überwuchert wird und den Blick auf eine Dschungellandschaft freigibt mit einem Wasserfall, in dem sich hübsche, junge, nackte Damen und diesmal auch Herren erfrischen, wirkt so plakativ und willkürlich wie vieles andere in der Inszenierung. Dass Klingsor in seinem Schloss Kruzifixe sammelt und sich kasteit, bleibt unerklärt. Und dass das Saallicht während der überhöhten Schlussklänge bewusst eingeschaltet wird und das Bühnenlicht überstrahlt, lässt Wagners Vision unverbindlich verpuffen.
Hartmut Haenchen, dem Dirigenten der ersten beiden Parsifal-Jahre, ist eine recht geschickte Symbiose aus dramatischer Vitalität und weihevoller Inspiration gelungen. Zwar war auch er weit davon entfernt, wie einst James Levine die Musik wie erleuchtende Offenbarungen zu zelebrieren und die Zeit anzuhalten. Aber der spirituelle Gehalt kam bei Haenchen nicht zu kurz. Das lässt sich von Semyon Bychkov nicht sagen. Er drängt auch im Vorspiel und den Gralsszenen nach vorne, gibt der Musik wenig Gelegenheit zum Atmen. Lange, nahtlos gespannte Phrasen bleiben die Ausnahme, bereits das Vorspiel zerfällt in eine Ansammlung aufdringlich zur Schau gestellter und hektisch abgehandelter Leitmotive. Auch wenn diese Haltung dem dramatischen zweiten Akt erheblich weniger schadet, muss Bychkov noch unbedingt zu einem ausgewogeneren Dirigat finden.

Zumal ihm in Andreas Schager, der immer überzeugender in die Rolle des Parsifal hineinwächst, und der emphatisch singenden Elena Pankratova als Kundry zwei starke Sängerpersönlichkeiten zur Seite stehen. Günther Groissböck, der in diesem Jahr den Gurnemanz übernimmt, singt zwar textverständlich und verfügt über eine voluminöse, sonore Bassstimme, bleibt stimmlich aber einfarbiger als sein Vorgänger Georg Zeppenfeld. Ein Manko, das auch den Bariton von Thomas J. Mayer betrifft, der den Amfortas immerhin mit großem Leidensdruck singt. Derek Welton als schillernder, ungewöhnlich jugendlicher Klingsor gehört dagegen zu den besten Vertretern der Rolle seit dem legendären Franz Mazura.
Die Chöre zeigen sich wie gewohnt von ihrer besten Seite. Warum freilich die überwältigende Wirkung der Höhenchöre im Schlussbild diesmal blass ausfällt, lässt sich schwer nachvollziehen. Auch wenn man Semyon Bychkov natürlich ein wenig Zeit lassen muss, um sich auf die Besonderheiten der Bayreuther Akustik einzustellen.
Begeisterter Beifall für alle musikalischen Akteure, in die sich einige lautstarke Proteste gegen das szenische Team mischten. Allerdings lassen auch die Manieren im Publikum nach. Rücksichtsloses Gerede, auch wenn die Musik schon längst eingesetzt hat, klingende Handys und aufdringliches Gefächer mit dem Besetzungszettel gehören heuer zum Alltag der Festspiele.
Pedro Obiera