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TANNHÄUSER
(Richard Wagner)
Besuch am
17. August 2019
(Premiere am 25. Juli 2019)
Herzerfrischend unbekümmert und mutig geht der junge Regisseur Tobias Kratzer ans Werk. Seine Neuinszenierung von Richard Wagners Tannhäuser bei den diesjährigen Bayreuther Festspielen ist beeindruckend tiefgründig, gesellschaftskritisch berührend und unterhaltsam. Eine durchgängig logisch am Text geführte Regie, die auf bekannte Eindrücke und Vorbilder wie das Roadmovie Priscilla oder Blechtrommel zurückgreift, aber trotzdem vollkommen neuartig wirkt. Die Bildsprache ist direkt, unverblümt und unverkrampft. Er arbeitet das Aufbegehren Tannhäusers gegen das verkrustet Etablierte, gegen das Establishment heraus. Neben dem Konflikt um die wahre Liebe steht der Andersdenkende auch als Außenseiter da. Um Richard Wagners Worte „Frei im Wollen, frei im Thun, frei im Genießen“ wird diese Freiheit der Gedanken und des Verhaltens zum gesellschaftspolitischen Schauspiel auf der Bühne. Liliputaner und Drag Queen, stellvertretend für die Schwulenbewegung, bekommen eine Stimme gegenüber dem herrschenden Rollenbild. Stilistisch trifft Klassik auf Pop, vermischt sich Film mit traditioneller Oper. Das klingt nach viel, aber es gelingt ohne Überfrachtung und Klamauk.
Zur Ouvertüre fliegt stimmungsvoll eine Drohne über die Wartburg und den Thüringer Wald. Ein alter Kastenwagen fährt durch die fränkische Bilderbuchlandschaft, Venus am Steuer, Tannhäuser, den Zwerg Oskar und die Dragqueen Gateau Chocolat unzertrennlich im Schlepptau. Das Publikum erlebt eine Kurzgeschichte zur Einführung, die schlüssig zum Thema und zur Oper führt. Mit Kleinkriminalität hältt sich das Quartett über Wasser, zapft den Tank anderer Autos an, zahlt mit gefälschten Kreditkarten, bis ein Polizist überfahren wird. Tannhäusers Gewissensbisse führen zur Trennung. Vor dem Festspielhaus beginnt treffend das Spiel auf der Bühne. So geht es mit den zündenden Ideen weiter. Auf der Bühne sehen wir den Festsaal, auf einer Leinwand über der Bühne sehen wir das Geschehen backstage. Venus schleicht sich mit ihren Freunden Oscar und Gateau Chocolat im Festspielhaus ein und mischt sich unter den Frauenchor. Die Hausherrin ruft aus ihrem Büro die Polizei, um die Eindringlinge zu entfernen. Fließend verschmilzt das Geschehen auf dem Video mit der Handlung auf der Bühne. Im letzten Akt sucht die wartende Elisabeth Zuflucht bei den Außenseitern im verwitterten Kastenwagen vor den Toren der Stadt, während sie auf die Rückkehr Heinrichs wartet. Elisabeth stirbt in den Armen des erlösten Tannhäusers, nicht ohne selbst endlich die Liebe im Akt mit Wolfram, als Tannhäuser verkleidet, erlebt zu haben.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Natürlich provoziert diese Inszenierung und manches Buh zur Regie kommt durch, aber die Ovationen überwiegen deutlich zu recht. Unverkennbar werden hier auch die Festspiele und die Festspielgesellschaft angegriffen und kritisiert als Symbol für Tradition. Aber charmant, subtil ohne zu beleidigen, mit Handschlag zur freundschaftlichen Vereinigung. Ein Brückenschlag der Generationen? Es darf auch gelacht werden, wenn auch nicht immer Komik erwartet wird.
Misslungen ist das Debüt von Valery Gergiev in Bayreuth. Er kommt mit den speziellen akustischen Verhältnissen nicht zurecht und wirkt sichtlich betroffen und düpiert von der Reaktion des Publikums. Seine vielbeschäftigte, weltweite Tätigkeit und damit verbunden mangelnde Probentätigkeit werden ihm zum Verhängnis. Das zeitversetzte Zusammenspiel von Orchester und Stimmen erfordert Erfahrung mit dem Haus. So treibt er immer wieder das Orchester hinter den Sängern her. Drückt bei der Lautstärke auf die Bremse und nimmt Spannung und Fluss heraus.

Stephen Gould hingegen zählt zu den wenigen Sängern, die bereits alle wichtigen Tenorrollen in Bayreuth gesungen haben. Seine Erfahrung lässt ihn konsequent die Stimme gegenüber dem Orchester führen, ab und an lautstark, um nicht irritiert zu werden. Schmelz und Klangfarbe kommen üppig in seinem Tannhäuser zum Vorschein. Lise Davidsen wird als Elisabeth als große neue Entdeckung gefeiert. Die Norwegerin hat eine mächtige Stimme, die auch feines Piano gestalten kann, einen breiten Spannungsbogen und frischen jugendlichen Klang. Markus Eiche überzeugt als lyrisch edelmütiger Wolfram, der sich dem Abendstern schwermütig hingibt. Die Regie gibt Elena Zhidkova als verlockender Venus viel Gestaltungsraum. Im schwarzen, engen Glitzeranzug ist sie eine freche, junge Wilde ohne Venusberg, aber mit Märchenhaus und Hof. Gutaussehend, schlank und zierlich wirbelt sie herum, da überrascht die Kraft ihrer Stimme sowie die dramatische Färbung. Sonor Stephen Milling als Landgraf Hermann, Daniel Behle mit seinem frischen lyrischen Tenor kommt als Walther von der Vogelweide nicht wirklich zur Geltung.
Wiederum bestens von Eberhard Friedrich vorbereitet ist der Chor der Festspiele, der aber in der Abstimmung mit dem Dirigenten nur mit gebremster Kraft auftritt. Ungebremst ist der Jubelsturm des Publikums für die Sänger, der Dirigent verfolgt mit wenig Begeisterung dem Kampf der Fronten für und gegen seine Leistung.
Helmut Pitsch