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TRISTAN UND ISOLDE
(Richard Wagner)
Besuch am
10. August 2025
(Premiere am 25. Juli 2024)
Das Liebesdrama von Tristan und Isolde findet in der ersten Pause bei den Bayreuther Festspielen eine bedauernswerte Entsprechung. Traditionell erschallt die motivische, dreimalig wiederholte Fanfare des eigens engagierten Blechbläserensembles auf dem Balkon des Festspielhauseses fünf Minuten vor Beginn des nächsten Aktes statt. Alle, die sich der musikalischen Einstimmung hingegeben haben, sind bemüht, schnell ihre Plätze zu erreichen. Eine ältere Dame stolpert und schlägt sich eine blutige Nase. Sanitäter treten auf den Plan.
Die Hilfsaktion ruft metaphorisch hintersinnig die Frage in Erinnerung, was die Intendanz der Festspielleitung bewogen haben mag, die nachhaltig ausdrucksvolle Tristan-Inszenierung von Roland Schwab – insbesondere im Dreiklang von Tristan und Isolde, Parsifal und Tannhäuser 2023 – nach zwei Jahren durch die Neuinszenierung von Thorleifur Örn Arnarsson zu ersetzen. Wäre es mit den Aufführungen dieser Inszenierung nicht genug, um ihre Stolperfallen vorausschauend einzuhegen?
Wagner wäre kaum der Wagner, wenn er nicht mitunter auf geradezu diabolische Art und Weise bereit gewesen wäre, Vertrauen und Liebe zu ihm nahestehenden Menschen seiner Überzeugung vom eigenen Genie zu opfern. Nicht zuletzt aus den damit verbundenen physischen und psychischen Verwundungen, ihren emotionalen Fallhöhen, beziehen seine Opern eine suggestive Transzendenz, der man sich beim Hören kaum entziehen kann. Jede Neu-Inszenierung ist deshalb gefordert, eine Balance zwischen „übersinnlicher Betörung“ in einwilligender „Weltentrückung“ – „Entrückheit unter den Umstehenden“, formuliert Wagner seine Aufführungsanweisung am Schluss der Oper – die die Zuhörer in Trance versetzt, und einer musik-dramatischen Perspektive zu gewinnen, die assoziative Räume für einen Dialog im Heute bietet.
Bei Tristan und Isolde ist die Suche nach einer adäquaten Bühnenpräsenz augenscheinlich besonders dringlich. Optisch spektakulär eröffnet die Inszenierung mit einem überdimensionierten, riesig kreisförmig zerfließenden Stoff des beinahe den gesamten Bühnenboden bedeckenden Kleids von Isolde. Libretto-Fragmente nachbuchstabierend, schreibt Camilla Nylund auf diesem, als würde sie in ihrem Tagebuch lesen. Nylunds Sopran schwimmt in sinnlich nachdenklicher Trennschärfe wie eine kalligrafische Feder über dem Gewand.
Tragisches Liebesscheitern gibt es auch heute noch. Trotz frequenter, medientechnischer Austauschprogramme. Thorleifur Örn Arnarsson scheint in der von Vytautas Narbuta gebauten Raritäten-Wunderkammer alle Bayreuther Tristan-Inszenierungen versammeln zu wollen, sie gleichsam zu hofieren. Von Wanten und Planken gerahmt, werden ab dem zweiten Akt Reste eines Schiffrumpfs sowie eines offenbar betriebsuntüchtigen Maschinenraums von herabhängenden Tauen gerade noch zusammengehalten. Bilder, Spiegel, Stoffe, antikisierende Torsi, eine Holztruhe, in der Isoldes monumental geheimnisvolles Kleid lagert, sind eher suchend zu identifizieren, als eindeutig zu erkennen.
Unmengen von Zeitungen, als sogenannte Nachrichten von gestern, die heute kaum noch interessieren, zerknüllt Andreas Schager als orientierungslos, hilflos liebender Tristan.
„O, süße Nacht! Ew’ge Nacht! Hehr erhab’ne Liebes-Nacht!“ Alles ist in Bewegung, nichts mehr an seinem angestammten Platz, oben und unten vertauscht. Eigentlich alles auf den Kopf gestellt, singen die verzweifelt Liebenden in einer merkwürdigen Distanz. Weit von einem erotisierenden Liebesduett entfernt, hat ihnen die Regie bis auf eine kleine Handbewegung von Schager auf Nylunds Schulter eine Zwangsstarre verordnet. Am rechten Rand wendet sich der gipserne Kopf Wagners von diesem kammerartigen Asservaten-Durcheinander ab.

„Ich war im Winter in meiner Hütte im Hochland von Island. Da wabern ja die Nordlichter, die Wolken zogen auf und als die Sonne durchbrach, sah man am Horizont nicht mehr, wo die Wolken enden und die Erde beginnt. Ich schaute über die Vulkanlandschaft und dachte mir, das ist eigentlich genau das richtige Bild. Einerseits ist die Landschaft real, andererseits ist es ein Seelenzustand“, formuliert Arnarsson in einem Interview seine Inspiration. Aber genau diese Poesie will sich nicht nur in der zentralen Szene kaum einstellen. Wo Wagner Nähe komponiert hat, wird Distanz inszeniert. Im Gleichschritt dirigiert Semyon Bychkov das Orchester der Bayreuther Festspiele im Modus einer programmatischen Verzögerung der Zeit. Es klingt, als klebe die Musik zwischen den Noten fest.
Vielleicht besteht das eigentliche Missverständnis der Inszenierung darin, wie sie Wagners Zeitgenosse, der Philosoph Søren Kierkegaard – beide 1813 geboren – in seinem Tagebuch notiert hat und wie sie vielfach zitiert wird: „Es ist ganz wahr, was die Philosophie sagt, dass das Leben rückwärts verstanden werden muss. Aber darüber vergisst man den andern Satz, dass vorwärts gelebt werden muss.“
So präzis Bychkov über extremes Pianissimo klangfarbig abgemischte Hallräume schafft, vermisst man die für Wagner typischen, kaskadierenden Entladungen. Auch wenn er dem Orchester bis ins Finale zunehmend Temperament gibt, bleibt musikalisch ein offener Klang-Rest. Andererseits wird damit den Solisten viel Platz eingeräumt. Günther Groissböck gestaltet Marke emotional nachdenklich sowie moralisch aufgeklärt, wenn auch bei seinem ersten Auftritt eher zögerlich. Ekaterina Gubanovas Mezzosopran charakterisiert spielerisch agil wie sängerisch feinsinnig Brangänes Spiel. Darauf, dass nicht sie den Liebes-/Todestrank reicht, sondern er von den Liebenden irgendwann fast unbemerkt eingenommen wird, mag man sich mit Arnarssons Regieprinzip – „Leben rückwärts verstehen, vorwärts leben“ – einen Reim machen. Der Bass von Jordan Shanahan charakterisiert Kurwenal mit distinktiver Klarheit.
Camilla Nylund singt die Isolde vor allem pianissimo mit suggestiv differenzierten Arabesken. Trotz der von der Regie ausgebremsten Erotik geht ihre Liebestod-Arie unter die Haut. Schager gibt den Tristan mit aller Kraft ohne Rücksicht auf Verluste. Die Bühne im dritten Aufzug, ein Skelett eines Hochseeseglers, wirkt derart zugemüllt, mit Material verramscht, dass der im Tod halluzinierende Tristan kaum zu vergegenwärtigen ist.
Final versinkt alles in einem golden schimmernden Licht. Als eine Hommage an die heilige christliche Familie? Ein fast zwingender Abschluss als Feier der Langsamkeit eines Lebens mit vielfachen Kehrtwendungen.
Wie nicht anders zu erwarten, erklingt stürmischer Beifall, natürlich besonders für Nyland und Schager. Doch auch Gubanova und Groissböck wird mit mehrfachen Applauswellen gehuldigt.
Peter E. Rytz