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TRISTAN UND ISOLDE
(Richard Wagner)
Besuch am
9. August 2024
(Premiere am 25. Juli 2024)
Bayreuth: Sehnsuchtsort der Wagnerianer seit 1876, Promitreffpunkt bei der Eröffnungspremiere auf dem Grünen Hügel und inzwischen auch wieder Publikumsmagnet für Opernliebhaber – nach einigen zaghaften Jahren sind in diesem Jahr die Vorstellungen wieder fast restlos ausverkauft. Dennoch: Die Zeiten, in denen man sich jahrelang in den undurchsichtigen postalischen Warteschlangen des Kassenbüros immer wieder einreihen musste, um überhaupt eine Chance auf eine der begehrten Karten zu erhalten, scheinen zunächst einmal vorbei zu sein.
Die Zuschauer kommen aus aller Welt, man hört viele Sprachen, Deutsch, Englisch, Amerikanisch natürlich, aber auch Spanisch, Französisch, Russisch, Rumänisch, Polnisch, Japanisch, wenn man etwas umher flaniert oder es sich in den Loungemöbeln bequem macht. Und noch etwas fällt auf: Jeder kommt so, wie er sich wohlfühlt: die Herren im Smoking, im Anzug, aber auch im kreativen Schwarz mit mintgrüner Baseballkappe, in Jeans mit T‑Shirt, wie vom Badesee, und dann auch im Kilt, im traditionellen polynesischen Gewand und so weiter. Die Damen glänzen in Paillettenkleidchen, mehrschichtigen Roben, Kleidern im Fledermausstil, aber auch sie teils im einfachen Sommerkleid, in Jeans und Shirt. Von edel bis einfach – alles da.
Und vielen ist es ins Gesicht geschrieben, dieses: Ich bin in Bayreuth – ich bin dabei. Die Erfahrenen kennen sich aus. Sie machen sich zu Beginn der Pause nach dem ersten Akt so schnell wie in kaum einem anderen Opernhaus auf den Weg zum Sekt und den Festivalbratwürsten, Kult in Bayreuth. Dafür stellt man sich auch in die immense Schlange vor dem Stand und sie werden im Brötchen auf der Hand gegessen, den ein oder anderen Senffleck nimmt man in Kauf, genauso wie das Pflaster am Boden, das in den Ritzen sehr weich ist und den Damen mit den Pfennigabsätzen Probleme bereitet. Am Ende der Pause stehen viele vor dem Balkon, um mit ihren Handys den Auftritt der Blechbläser zum Pausenende nicht zu verpassen. Man stellt das ein in die Social Media, man zeigt, dass man da ist. Bayreuth eben.

Unter Festivalleiterin Katharina Wagner gibt es viele neue Inszenierungen, die auch einem jüngeren Publikum zumindest teilweise gefallen dürften. Im letzten Jahr erst kehrte mit den Augmented-Reality-Brillen in der Inszenierung durch Jay Scheib eine neue, eine digitale Dimension ein. Der Tannhäuser von Tobias Kratzer bringt schon im fünften Jahr lustvolles und beim Publikum sehr gut ankommendes Regietheater in die hehre Halle, und nun der Tristan: Liebestrank ade, man kann sich auch so verlieben, dafür wühlen Tristan und Isolde in der Rumpelkammer ihrer Seelen.
Was kurz vor der Vorstellung seltsam anmutet, ist die Unruhe unmittelbar vor dem Beginn. Zugegeben, die Sitze sind eng und hart, aber da wird noch viel geruckelt, mit dem Ledertäschchen geknarzt und das Handy erst abgeschaltet, wenn die ersten Töne der Ouvertüre vorbei sind, ein paar Worte müssen dann auch noch geflüstert werden. Keine fast schon heilige Ehrfurcht vor dem Werk des großen Meisters wie früher. Aber zumindest klingelt kein Handy während der Aufführung, dafür hat man, wenn man Pech hat, im ersten Aufzug die Schuhspitze des Hintermannes im unteren Rücken. Bis zur Pause kann man das ja nicht kommunizieren. Aber dann kehrt langsam Ruhe ein, kann man sich einlassen auf den Tristanakkord, auf das Schweben und Weben der Musik.
Anfangs sind Schiff und Meer in der Inszenierung von Thorleifur Örn Arnarsson und seinem Bühnenbauer Vytautas Narbutas nur vage angedeutet, mit Seilen, die von der Decke hängen, man befindet sich augenscheinlich auf dem Deck eines Segelschiffes. Kein Nebel an diesem Abend. In der Mitte der Bühne ist ein Loch zu sehen, rundherum zerborstene Planken, eine umgestürzte Laterne. Tristan und Isolde werden am Ende des ersten Aktes vom Deck hinunterschauen, im zweiten Akt wird man oben die Reste des zerschmetterten Decks hängen sehen. Manchmal, wenn aus der Vergangenheit erzählt wird, sieht man aber schon vorher im Halbdunkel hinten das Szenenbild des zweiten Aktes: einen alten, verrosteten Schiffsbauch, der vollgestopft ist mit den verschiedensten Relikten teilweise aus vergangenen Inszenierungen, Maschinenteile, ausgestopfte Tiere, dicke, alte, ledergebundene Bücher, Erinnerungen an ein Heldenleben und vieles mehr. Alles wirkt wie der Dachboden eines Weltforschers.
Das alles hat durchaus seinen Sinn und illustriert die Situation der beiden Liebenden. Arnarsson nimmt mit den heldischen Relikten Bezug auf Tristans bisheriges Leben nach der mittelalterlichen Überlieferung. Dazu liefern Teile von Ritterrüstungen, Heldenreliefs und immer wieder Anspielungen auf die Zeit, die vergeht: hölzerne Räder, Mühlräder und Uhren verweisen auf die Vergänglichkeit des Augenblicks, des Lebens, ein Skelett zeigt, wo alles menschliche Leben endet. Eine Landkarte und ein großer, zentral aufgestellter Globus symbolisieren die weite Welt, ebenso ein alter Rundfunkempfänger. Büsten aus der Mythologie findet man, auch Musikinstrumente, Botschafter eines ephemeren Ausdrucks von Emotion? Ein Bild von Caspar David Friedrich, der Greifswalder Hafen, hängt ebenfalls an der Wand, ein großes Segelschiff als Symbol der gottgewollten Ordnung mit dem übermächtigen Kreuz der Masten in der Mitte, wohl auf die Gefahren und Unbilden des Lebens hinweisend. Auch rechts oben ist ein Segelschiff auf einem Ölgemälde zu sehen, das mit den bewegten Wogen – des Lebens? – kämpft. Alles sehr ikonographisch. Das Ganze formt ein Konglomerat des Diesseits, von dem sich das Liebespaar immer weiter in seine Welt entfernt, hinein in die Nacht, in der die beiden versinken.
Im dritten Aufzug liegt der sterbende Tristan inmitten des Gerümpels, das sich als Berg aufgeschichtet in der Mitte der Bühne befindet. Diejenigen, die sich ihm nähern wollen, müssen darüber hinwegsteigen, recht umständlich alles. Isolde stirbt auf dem Boden vor ihm.
Das alles ist eine Möglichkeit, sich dem Tristan zu nähern, aber bringt es eine wirklich tiefere Erkenntnis des Stückes? Isolde und Tristan trinken den Liebestrank, den ihnen Brangäne kredenzt, nicht. Isolde hat sich schon in dem Augenblick, als Tristan ihr in die Augen sah, in ihn verliebt. Dafür stirbt Tristan später durch den Todestrank aus dem Schatzkästlein von Isoldes Mutter, das flüssige, magische Kostbarkeiten enthält, nicht durch das Schwert Melots. Der bleibt auch am Leben.
Neben der Bühne erstaunen die Kostüme von Sibylle Wallum. Isolde dominiert zu Beginn in einem überdimensionierten Brautkleid die Szene. Es umgibt sie in einem Kreis, Isolde schreibt sich auf ihm Vergangenes mit japanischem Pinsel von der Seele. „Wunde“ ist da zu lesen, „Tantris“, aus der Geschichte um die Ermordung ihres Verlobten Morold. Später sterben Tristan und sie in den Fetzen dieses Kleides. Ansonsten trägt nur König Marke einen mit schwarzem Pelz besetzten, voluminösen, langen Mantel, und der Hirt ist, einem Vogel nicht unähnlich, in ein weißes Gewand mit langen Fellflusen an den Ärmeln gekleidet. Alle anderen tragen graue Anzüge, Tristan einen weinroten. Der Steuermann wird durch Seile auf der Schulter gekennzeichnet, Melots Oberarme stark mit aufgeplustertem Bizeps betont. Plakativ und nicht gerade sehr einfallsreich.
Die Lichtregie von Sascha Zauner lässt vieles im Halbdunkel geschehen, setzt aber auch klare Akzente und nervt die Zuschauer mit einem riesigen Suchscheinwerfer, der mitten ins Publikum leuchtet. Manches wirkt sehr willkürlich oder plump.
Man hat den Eindruck, dass sich die Regie und vor allem die recht statische Personenregie auf die sängerische Haltung der Darsteller auswirkt. Das große Liebesduett der beiden Protagonisten wirkt seltsam distanziert, man wird nicht hineingezogen in den Strudel des inneren Geschehens. Es sind zwei, die in dieser Inszenierung ganz explizit nicht zusammenkommen können, die auch nur kurz in einer Umarmung die körperliche Nähe zum anderen finden, meist knien sie nach vorne singend nebeneinander, immer gut den Dirigenten im Blick.

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass man den Eindruck hat, dass Andreas Schager als Tristan lange nicht so geschmeidig singt, wie in der Premiere – die man sich in der Mediathek von 3sat noch anschauen kann – dass er manchmal Schwierigkeiten mit der exakten Tonhöhe hat und zum Beginn des O sink hernieder, Nacht der Liebe und in den Duetten mit Camilla Nylund als Isolde seltsam derb wirkt. Drei Tage vorher hat er wegen einer Indisposition den dritten Aufzug musikalisch an Tilmann Unger abgeben müssen. Dennoch meistert Schager die Partie sehr anständig.
Nylunds Isolde ist im Lyrischen zuhause, was keinesfalls negativ gemeint ist. Mit großen flutenden Bögen, immer samtigen Ansätzen und herrlich aufblühender Stimme legt sie die Partie sensibler an als manche ihrer Kolleginnen. Dabei gelingen ihr auch die dramatischen Ausbrüche sehr gut. Teilweise kommt sie der Rolle entsprechend fast irrsinnig herüber, pointiert, scharf in den Ausbrüchen. Zu Schagers recht direktem Tenor aber passt sie nicht unbedingt. Leider bekommt man bei ihr sehr wenig vom Text mit – Bayreuth verzichtet zudem auf Übertitel.
Die Brangäne von Christa Mayer ist beeindruckend, intensiv und sehr emotional. Ihre Stimme rund, voll, mit dramatischem Impetus. Im ersten Aufzug ist sie absolut gleichberechtigte Mitgestalterin des Geschehens, später berühren einen die dreifachen „Habet-Acht“-Rufe in der Liebesnacht tief. Sie versteht man auch am besten vom ganzen Ensemble.
Auch Günther Groissböck, der seinen noblen und sahnigen Bass mit großer Fülle und gut artikuliert strömen lässt, ist sehr gut verständlich. Sehr sensibel handhabt er den Text seines großen emotionalen Monologs über seine Enttäuschung durch Tristan und zeigt herrliche Farben.
Olafur Sigurdarson singt mit sehr präsenter und potenter Bassstimme den Kurwenal. Matthew Newlin als junger Seemann, Birger Radde als Melot, Daniel Jenz als Hirt und Lawson Anderson als Steuermann erfüllen die kleinen Rollen alle vier mit Stimmen, die aufhorchen lassen und sich für Weiteres empfehlen.
Der Festspielchor singt aus dem Off sauber und homogen. Das Orchester unter der Leitung von Semyon Bychkov hat große Momente, die solistischen Stellen sind hervorragend besetzt, das Englischhorn bei der Hirtenmelodie ist famos. Insgesamt geht Bychkov den Tristan eher ruhig und fließend an, mit minutiös aufgebauten Steigerungen und intensiven Farben – herrlich die Hörner im zweiten Aufzug! Die Piani des Orchesters werden hinreißend gespielt. Aber auch Bychkov trägt im Liebesduett nicht dazu bei, dass es zu einem wirklichen Höhepunkt in der Musik kommt.
Das Publikum feiert das Ensemble nach jedem Aufzug ausgiebig, am Ende frenetisch. Einige Buhs nach dem ersten und zweiten Akt können nicht zugeordnet werden. Bayreuth geht weiter, Schager singt am nächsten Tag auch noch den Parsifal, weitere Vorstellungen folgen noch bis zum 27. August 2024. Und wie gesagt: In der Mediathek von 3sat gibt’s die Premiere von Tristan und Isolde in voller Länge zum Nachhören und Nachschauen – und hier mit Untertiteln und ganz anderen Perspektiven durch die Nahaufnahmen.
Jutta Schwegler