O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

In der Rumpelkammer der Seele

TRISTAN UND ISOLDE
(Richard Wagner)

Besuch am
9. August 2024
(Premiere am 25. Juli 2024)

 

Bayreuther Festspiele

Bayreuth: Sehnsuchtsort der Wagne­rianer seit 1876, Promi­treff­punkt bei der Eröff­nungs­pre­miere auf dem Grünen Hügel und inzwi­schen auch wieder Publi­kums­magnet für Opern­lieb­haber – nach einigen zaghaften Jahren sind in diesem Jahr die Vorstel­lungen wieder fast restlos ausver­kauft. Dennoch: Die Zeiten, in denen man sich jahrelang in den undurch­sich­tigen posta­li­schen Warte­schlangen des Kassen­büros immer wieder einreihen musste, um überhaupt eine Chance auf eine der begehrten Karten zu erhalten, scheinen zunächst einmal vorbei zu sein.

Die Zuschauer kommen aus aller Welt, man hört viele Sprachen, Deutsch, Englisch, Ameri­ka­nisch natürlich, aber auch Spanisch, Franzö­sisch, Russisch, Rumänisch, Polnisch, Japanisch, wenn man etwas umher flaniert oder es sich in den Lounge­möbeln bequem macht. Und noch etwas fällt auf: Jeder kommt so, wie er sich wohlfühlt: die Herren im Smoking, im Anzug, aber auch im kreativen Schwarz mit mintgrüner Baseball­kappe, in Jeans mit T‑Shirt, wie vom Badesee, und dann auch im Kilt, im tradi­tio­nellen polyne­si­schen Gewand und so weiter. Die Damen glänzen in Paillet­ten­kleidchen, mehrschich­tigen Roben, Kleidern im Fleder­mausstil, aber auch sie teils im einfachen Sommer­kleid, in Jeans und Shirt. Von edel bis einfach – alles da.

Und vielen ist es ins Gesicht geschrieben, dieses: Ich bin in Bayreuth – ich bin dabei. Die Erfah­renen kennen sich aus. Sie machen sich zu Beginn der Pause nach dem ersten Akt so schnell wie in kaum einem anderen Opernhaus auf den Weg zum Sekt und den Festi­val­brat­würsten, Kult in Bayreuth. Dafür stellt man sich auch in die immense Schlange vor dem Stand und sie werden im Brötchen auf der Hand gegessen, den ein oder anderen Senffleck nimmt man in Kauf, genauso wie das Pflaster am Boden, das in den Ritzen sehr weich ist und den Damen mit den Pfennig­ab­sätzen Probleme bereitet. Am Ende der Pause stehen viele vor dem Balkon, um mit ihren Handys den Auftritt der Blech­bläser zum Pause­nende nicht zu verpassen. Man stellt das ein in die Social Media, man zeigt, dass man da ist. Bayreuth eben.

Foto © Enrico Nawrath

Unter Festi­val­lei­terin Katharina Wagner gibt es viele neue Insze­nie­rungen, die auch einem jüngeren Publikum zumindest teilweise gefallen dürften. Im letzten Jahr erst kehrte mit den Augmented-Reality-Brillen in der Insze­nierung durch Jay Scheib eine neue, eine digitale Dimension ein. Der Tannhäuser von Tobias Kratzer bringt schon im fünften Jahr lustvolles und beim Publikum sehr gut ankom­mendes Regie­theater in die hehre Halle, und nun der Tristan: Liebes­trank ade, man kann sich auch so verlieben, dafür wühlen Tristan und Isolde in der Rumpel­kammer ihrer Seelen.

Was kurz vor der Vorstellung seltsam anmutet, ist die Unruhe unmit­telbar vor dem Beginn. Zugegeben, die Sitze sind eng und hart, aber da wird noch viel geruckelt, mit dem Leder­täschchen geknarzt und das Handy erst abgeschaltet, wenn die ersten Töne der Ouvertüre vorbei sind, ein paar Worte müssen dann auch noch geflüstert werden. Keine fast schon heilige Ehrfurcht vor dem Werk des großen Meisters wie früher. Aber zumindest klingelt kein Handy während der Aufführung, dafür hat man, wenn man Pech hat, im ersten Aufzug die Schuh­spitze des Hinter­mannes im unteren Rücken. Bis zur Pause kann man das ja nicht kommu­ni­zieren. Aber dann kehrt langsam Ruhe ein, kann man sich einlassen auf den Trist­an­akkord, auf das Schweben und Weben der Musik.

Anfangs sind Schiff und Meer in der Insze­nierung von Thorleifur Örn Arnarsson und seinem Bühnen­bauer Vytautas Narbutas nur vage angedeutet, mit Seilen, die von der Decke hängen, man befindet sich augen­scheinlich auf dem Deck eines Segel­schiffes. Kein Nebel an diesem Abend. In der Mitte der Bühne ist ein Loch zu sehen, rundherum zerborstene Planken, eine umgestürzte Laterne. Tristan und Isolde werden am Ende des ersten Aktes vom Deck hinun­ter­schauen, im zweiten Akt wird man oben die Reste des zerschmet­terten Decks hängen sehen. Manchmal, wenn aus der Vergan­genheit erzählt wird, sieht man aber schon vorher im Halbdunkel hinten das Szenenbild des zweiten Aktes: einen alten, verros­teten Schiffs­bauch, der vollge­stopft ist mit den verschie­densten Relikten teilweise aus vergan­genen Insze­nie­rungen, Maschi­nen­teile, ausge­stopfte Tiere, dicke, alte, leder­ge­bundene Bücher, Erinne­rungen an ein Helden­leben und vieles mehr. Alles wirkt wie der Dachboden eines Weltforschers.

Das alles hat durchaus seinen Sinn und illus­triert die Situation der beiden Liebenden. Arnarsson nimmt mit den heldi­schen Relikten Bezug auf Tristans bishe­riges Leben nach der mittel­al­ter­lichen Überlie­ferung. Dazu liefern Teile von Ritter­rüs­tungen, Helden­re­liefs und immer wieder Anspie­lungen auf die Zeit, die vergeht: hölzerne Räder, Mühlräder und Uhren verweisen auf die Vergäng­lichkeit des Augen­blicks, des Lebens, ein Skelett zeigt, wo alles mensch­liche Leben endet. Eine Landkarte und ein großer, zentral aufge­stellter Globus symbo­li­sieren die weite Welt, ebenso ein alter Rundfunk­emp­fänger. Büsten aus der Mytho­logie findet man, auch Musik­in­stru­mente, Botschafter eines ephemeren Ausdrucks von Emotion? Ein Bild von Caspar David Friedrich, der Greifs­walder Hafen, hängt ebenfalls an der Wand, ein großes Segel­schiff als Symbol der gottge­wollten Ordnung mit dem übermäch­tigen Kreuz der Masten in der Mitte, wohl auf die Gefahren und Unbilden des Lebens hinweisend. Auch rechts oben ist ein Segel­schiff auf einem Ölgemälde zu sehen, das mit den bewegten Wogen – des Lebens? – kämpft. Alles sehr ikono­gra­phisch. Das Ganze formt ein Konglo­merat des Diesseits, von dem sich das Liebespaar immer weiter in seine Welt entfernt, hinein in die Nacht, in der die beiden versinken.

Im dritten Aufzug liegt der sterbende Tristan inmitten des Gerümpels, das sich als Berg aufge­schichtet in der Mitte der Bühne befindet. Dieje­nigen, die sich ihm nähern wollen, müssen darüber hinweg­steigen, recht umständlich alles. Isolde stirbt auf dem Boden vor ihm.

Das alles ist eine Möglichkeit, sich dem Tristan zu nähern, aber bringt es eine wirklich tiefere Erkenntnis des Stückes? Isolde und Tristan trinken den Liebes­trank, den ihnen Brangäne kredenzt, nicht. Isolde hat sich schon in dem Augen­blick, als Tristan ihr in die Augen sah, in ihn verliebt. Dafür stirbt Tristan später durch den Todes­trank aus dem Schatz­kästlein von Isoldes Mutter, das flüssige, magische Kostbar­keiten enthält, nicht durch das Schwert Melots. Der bleibt auch am Leben.

Neben der Bühne erstaunen die Kostüme von Sibylle Wallum. Isolde dominiert zu Beginn in einem überdi­men­sio­nierten Braut­kleid die Szene. Es umgibt sie in einem Kreis, Isolde schreibt sich auf ihm Vergan­genes mit japani­schem Pinsel von der Seele. „Wunde“ ist da zu lesen, „Tantris“, aus der Geschichte um die Ermordung ihres Verlobten Morold. Später sterben Tristan und sie in den Fetzen dieses Kleides. Ansonsten trägt nur König Marke einen mit schwarzem Pelz besetzten, volumi­nösen, langen Mantel, und der Hirt ist, einem Vogel nicht unähnlich, in ein weißes Gewand mit langen Fellflusen an den Ärmeln gekleidet. Alle anderen tragen graue Anzüge, Tristan einen weinroten. Der Steuermann wird durch Seile auf der Schulter gekenn­zeichnet, Melots Oberarme stark mit aufge­plus­tertem Bizeps betont. Plakativ und nicht gerade sehr einfallsreich.

Die Licht­regie von Sascha Zauner lässt vieles im Halbdunkel geschehen, setzt aber auch klare Akzente und nervt die Zuschauer mit einem riesigen Suchschein­werfer, der mitten ins Publikum leuchtet. Manches wirkt sehr willkürlich oder plump.

Man hat den Eindruck, dass sich die Regie und vor allem die recht statische Perso­nen­regie auf die sänge­rische Haltung der Darsteller auswirkt. Das große Liebes­duett der beiden Protago­nisten wirkt seltsam distan­ziert, man wird nicht hinein­ge­zogen in den Strudel des inneren Geschehens. Es sind zwei, die in dieser Insze­nierung ganz explizit nicht zusam­men­kommen können, die auch nur kurz in einer Umarmung die körper­liche Nähe zum anderen finden, meist knien sie nach vorne singend neben­ein­ander, immer gut den Dirigenten im Blick.

Foto © Enrico Nawrath

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass man den Eindruck hat, dass Andreas Schager als Tristan lange nicht so geschmeidig singt, wie in der Premiere – die man sich in der Mediathek von 3sat noch anschauen kann – dass er manchmal Schwie­rig­keiten mit der exakten Tonhöhe hat und zum Beginn des O sink hernieder, Nacht der Liebe und in den Duetten mit Camilla Nylund als Isolde seltsam derb wirkt. Drei Tage vorher hat er wegen einer Indis­po­sition den dritten Aufzug musika­lisch an Tilmann Unger abgeben müssen. Dennoch meistert Schager die Partie sehr anständig.

Nylunds Isolde ist im Lyrischen zuhause, was keines­falls negativ gemeint ist. Mit großen flutenden Bögen, immer samtigen Ansätzen und herrlich aufblü­hender Stimme legt sie die Partie sensibler an als manche ihrer Kolle­ginnen. Dabei gelingen ihr auch die drama­ti­schen Ausbrüche sehr gut. Teilweise kommt sie der Rolle entspre­chend fast irrsinnig herüber, pointiert, scharf in den Ausbrüchen. Zu Schagers recht direktem Tenor aber passt sie nicht unbedingt. Leider bekommt man bei ihr sehr wenig vom Text mit – Bayreuth verzichtet zudem auf Übertitel.

Die Brangäne von Christa Mayer ist beein­dru­ckend, intensiv und sehr emotional. Ihre Stimme rund, voll, mit drama­ti­schem Impetus. Im ersten Aufzug ist sie absolut gleich­be­rech­tigte Mitge­stal­terin des Geschehens, später berühren einen die dreifachen „Habet-Acht“-Rufe in der Liebes­nacht tief. Sie versteht man auch am besten vom ganzen Ensemble.

Auch Günther Groissböck, der seinen noblen und sahnigen Bass mit großer Fülle und gut artiku­liert strömen lässt, ist sehr gut verständlich. Sehr sensibel handhabt er den Text seines großen emotio­nalen Monologs über seine Enttäu­schung durch Tristan und zeigt herrliche Farben.

Olafur Sigur­darson singt mit sehr präsenter und potenter Bassstimme den Kurwenal. Matthew Newlin als junger Seemann, Birger Radde als Melot, Daniel Jenz als Hirt und Lawson Anderson als Steuermann erfüllen die kleinen Rollen alle vier mit Stimmen, die aufhorchen lassen und sich für Weiteres empfehlen.

Der Festspielchor singt aus dem Off sauber und homogen. Das Orchester unter der Leitung von Semyon Bychkov hat große Momente, die solis­ti­schen Stellen sind hervor­ragend besetzt, das Englischhorn bei der Hirten­me­lodie ist famos. Insgesamt geht Bychkov den Tristan eher ruhig und fließend an, mit minutiös aufge­bauten Steige­rungen und inten­siven Farben – herrlich die Hörner im zweiten Aufzug! Die Piani des Orchesters werden hinreißend gespielt. Aber auch Bychkov trägt im Liebes­duett nicht dazu bei, dass es zu einem wirklichen Höhepunkt in der Musik kommt.

Das Publikum feiert das Ensemble nach jedem Aufzug ausgiebig, am Ende frene­tisch. Einige Buhs nach dem ersten und zweiten Akt können nicht zugeordnet werden. Bayreuth geht weiter, Schager singt am nächsten Tag auch noch den Parsifal, weitere Vorstel­lungen folgen noch bis zum 27. August 2024. Und wie gesagt: In der Mediathek von 3sat gibt’s die Premiere von Tristan und Isolde in voller Länge zum Nachhören und Nachschauen – und hier mit Unter­titeln und ganz anderen Perspek­tiven durch die Nahaufnahmen.

Jutta Schwegler

Teilen Sie O-Ton mit anderen: