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Foto © Matthias Thor Brødreskift

Reiz der Gegensätze

PEER GYNT
(Edvard Grieg)

Besuch am
22. Mai 2024
(Premiere)

 

Bergen-Festspiele, Grieg­hallen, Bergen

So wie Goethes Faust zur deutschen Seele gehört, so gehört Ibsens Peer Gynt zur norwe­gi­schen. Oder Hamlet zur engli­schen. Für sein drama­ti­sches Gedicht in fünf Akten bat Henrik Ibsen vor genau 150 Jahren den damals 31-jährigen Kompo­nisten Edvard Grieg, eine passende musika­lische Umrahmung für sein Werk zu schreiben. Die Urauf­führung fand 1876 in Oslo statt, und man kann gewiss behaupten, dass Griegs musika­lische Unter­malung maßgeblich zur Popula­rität und zum anhal­tenden Erfolg von Peer Gynt beitrug. Später stellte Grieg zwei Konzert­suiten zusammen, die auf der Bühnen­musik basieren, und die seitdem ein fester Bestandteil von Konzert­pro­grammen sind.

Ibsen begann die Arbeit an Peer Gynt 1867, während er im Exil in Italien lebte. Sie entstand aus eigenem künst­le­ri­schem Antrieb und seiner Ausein­an­der­setzung mit der norwe­gi­schen Kultur und Mytho­logie. Die Handlung basiert auf norwe­gi­scher Folklore und ist ein Frühwerk, ein Gedicht in Versform. Ibsen schrieb es, um gelesen zu werden. Es zieht sich – und zieht sich – durch Peers Leben von der Jugend bis ins hohe Alter. Die Geschichten sind traumhaft, manchmal surreal und fantas­tisch, vorge­tragen von Peer in langen Monologen, von einigen kleineren Gegen­spielern unter­stützt, kontra­punk­tiert, um die Handlung voran­zu­treiben. Dann, in einer überra­schenden Wendung im zweiten Teil überfällt Peer Gynt den Zuschauer mit philo­so­phi­schen Diskus­sionen über die Torheiten des europäi­schen Kolonia­lismus. Es gibt Szenen der Zärtlichkeit, ein bisschen Varieté, plötz­liche Ausbrüche von häuslichem Realismus, dann Ausbrüche von psyche­de­li­scher Fantasie, ein Vorläufer dessen, was wir heute magischen Realismus nennen würden. Das Stück ist sehr vielschichtig, was einen Teil seines Charmes ausmacht – als ob wir uns in Peers Kopf befänden. Aber all die Stilbrüche machen es von Natur aus schwierig zu insze­nieren. Grieg soll während der Kompo­sition gesagt haben: „Es ist ein furchtbar unhand­liches Thema“.

Foto © Matthias Thor Brødreskift

Die Geschichte beginnt in einem kleinen norwe­gi­schen Dorf, wo Peer, ein junger Mann voller Fantasie und Ehrgeiz, in einer Mischung aus Übermut und Selbst­täu­schung lebt. Seine Abenteuer führen ihn in exotische Länder und durch fantas­tische Erleb­nisse, von einer Begegnung mit dem Troll­könig bis hin zu wirtschaft­lichen Speku­la­tionen im Ausland mit Sklaven­handel. Durch Peers rastlose Suche nach Reichtum und Ruhm werden seine tiefe innere Leere und sein Unver­mögen, echte Bezie­hungen aufzu­bauen, offenbart.

Ibsen zeichnet Peer als Antihelden – ein Mann, der ständig vor sich selbst und den Konse­quenzen seines Handelns davon­läuft. Seine Unfähigkeit, sich den Reali­täten des Lebens zu stellen, macht ihn zu einer tragi­schen Figur. Die Frauen in Peers Leben, insbe­sondere seine aufop­fernde Mutter Åse und seine Freundin Solveig, stehen im scharfen Kontrast zu seiner Rastlo­sigkeit. Beide verkörpern Treue, Liebe und Erlösung. Solveigs bedin­gungslose Liebe und Geduld zeigen einen Hoffnungs­schimmer in Peers ansonsten chaoti­schem und ziellosem Leben.

Ibsens Peer Gynt ist eine tiefgrei­fende Erkundung mensch­licher Schwächen und Sehnsüchte, die sich durch ihre poetische Sprache und reich­haltige Symbolik auszeichnet. Es ist eine bittere, aber gleich­zeitig wunder­schöne Reise in die Abgründe der mensch­lichen Seele, die nachdenklich stimmen und bewegen.

Foto © Matthias Thor Brødreskift

Zur Eröffnung der diesjäh­rigen Festspiele in Bergen hat Johannes Holmen Dahl sich des Meister­werks angenommen. Nia Damerell benutzt die weiträumige, dunkle, leere Bühne der Grieg­hallen und füllt sie im Laufe des Stückes mit nur zwei Requi­siten: ein Gewitter aus vielleicht Seifen­schaum und im zweiten Teil ein echtes kleines Flugzeug, das symbo­lisch für Peers Abenteuer mit ihm einfliegt und auch wieder abfliegt, symbo­lisch für seinen finan­zi­ellen Aufstieg, aber auch seinen Abstieg besonders gut einge­setzt wird. Der kniehohe und nasse Schaum, durch den sich alle Darsteller bewegen, ist auch symbo­lisch für die Nicht­be­stän­digkeit, im wahrsten Sinne „Schaum­schlä­gerei“ von Peers Persön­lichkeit. Regisseur Dahl lässt den Haupt­dar­steller, Herbert Nordrum, seine schlanke, schlaksige Körper­lichkeit voll ausleben. Dieser Peer ist nichts außer wendig, ausdrucksvoll, unglaub­würdig in seinen Ansichten, Fantasien und Plänen – und doch liebenswert. Seine Mutter, Åse, von Ågot Sendstad mit einer beschei­denen und traurigen Selbst­lo­sigkeit darge­stellt, hält resigniert zu ihm bis zu ihrem eigenen ruhigen Tod. Seine Seelen­ver­wandte Solveig, von Frøy Hovland Holtbakk zurück­haltend und hinge­bungsvoll gespielt, setzt ihren wunder­schönen, klaren und lyrischen Sopran ein, besonders mit dem berühmten Solveigs Lied. Sie ist der Gegenpol zu Peers Rastlo­sigkeit und ermög­licht ihm letzt­endlich – in guter protes­tan­ti­scher Tradition – seine seelische Erlösung.

Edvard Grieg kompo­nierte 26 musika­lische Nummern für Peer Gynt. Die meisten sind kurze musika­lische Unter­ma­lungen für die Bühnen­handlung. Thomas Sønder­gaard ist der Dirigent, der das exzellent spielende Bergen Philhar­mo­nische Orchester subtil und harmo­nisch leitet. Ragnhild Hemsing hat die ausgiebige Solopartie auf der für Norwegen typischen Hardanger-Geige – mit acht Saiten anstatt der üblichen vier – und wird drama­tur­gisch als träume­risch wandelnde Solistin auf der Bühne mitein­ge­bunden. Mehrere Chöre, darunter der Bergen Philhar­mo­nische Chor, das Edvard Grieg Vocal Ensemble wie auch der Mädchen- und Knaben-Chor nehmen an dem großen Chorfinale teil, das aus dem fast dunklen Hinterhalt der Bühne die Feier­lichkeit der Musik unterstreicht.

Standing ovations für alle Darsteller und das gesamte Ensemble in den bis auf den letzten Platz ausver­kauften Grieghallen.

Zenaida des Aubris

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