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Vom Friseur- zum Musiksalon

FRANCK/​FAURÈ/​DEBUSSY
(César Franck, Gabriel Fauré, Claude Debussy)

Besuch am
7. Mai 2022
(Einmalige Aufführung)

 

Sinnge­wimmel, Bergisch Gladbach

Die Linie 1 ist eine der nützlichsten Straßen­bahn­ver­bin­dungen, die es im Rheinland überhaupt gibt. Sie bringt die Menschen aus Bensberg und Refrath, die heute Stadt­teile von Bergisch Gladbach sind, ganz bequem in die Innen­stadt von Köln. Wer an der Halte­stelle Refrath aussteigt, braucht bloß den kleinen, idylli­schen Park zu durch­queren, das sind ein paar Meter, um zur Wilhelm-Klein-Straße 18–20 zu kommen. Ein ruhig gelegenes Eckge­bäude, in dem beim Erstbezug ein Friseur­salon eröffnete. Nicht so ganz passend, fand der Nachfolger und gründete dort die Franz-Liszt-Akademie, ein Institut, das junge Klavier­spieler bei ihrer Entwicklung unter­stützen wollte. Als der Betreiber aufgab, kamen die Eigen­tümer auf die Pianisten Nare Karoyan und Florian Noack zu und fragten sie, ob sie die Räumlich­keiten weiter kulturell nutzen wollten. Das Ehepaar nahm die Heraus­for­derung an, und Karoyan, die fanta­sie­volle Wortneu­schöp­fungen liebt, gab dem Raum den Namen Sinnge­wimmel. Seitdem wird der Raum für Proben oder CD-Aufnahmen vermietet. Aber einmal im Monat veran­stalten Karoyan und Noack im Sinnge­wimmel eine künst­le­rische Aufführung. Egal, ob es sich um eine Lesung oder ein Konzert handelt, wichtig ist, dass die Bürger des Stadt­teils Kultur geboten bekommen.

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Von außen wirkt die Spiel­stätte ein wenig abweisend, weil die Fenster verhängt werden müssen. Sonst wäre der Raum auch an diesem späten Nachmittag sonnen­licht­durch­flutet. Rund 70 Plätze umfasst der Zuschau­erraum. So viele sind heute nicht gekommen, aber die, die kommen, sind überwiegend Stamm­gäste, die sich schon sehr auf das Konzert freuen, wie sie gleich am Eingang bekunden. Und in der Tat haben Karoyan und Noack zwei Musiker einge­laden, die höchstes kammer­mu­si­ka­li­sches Niveau versprechen. Aus Belgien sind Pianistin Eliane Reyes und Cellist Aleksandr Khramouchin angereist. Reyes, im belgi­schen Verviers geboren, gehört der Weltelite der Pianisten an, die mit immensem Fleiß, den besten Lehrern über die großen Bühnen dieser Welt wandeln, Preise einsammeln wie andere Menschen das Laub im Garten – und sie gehört zu den wenigen dieser Oberklasse, in der es verdammt einsam wird, die vollkommen boden­ständig geblieben sind. Heute unter­richtet sie am König­lichen Musik­kon­ser­va­torium in Brüssel und am Natio­nalen Musik­kon­ser­va­torium in Paris. Fast schon überflüssig zu erwähnen, dass sie die erste belgische Pianistin war, die in Frank­reich den Orden Chevalier de l’ordre des Arts et des Lettres erhielt. Khramouchin ist im weißrus­si­schen Minsk in eine Musiker­fa­milie geboren und gradu­ierte im ukrai­ni­schen Kiew. 1992 emigrierte er nach Belgien. Auch er legt eine beacht­liche Karriere hin, wird mit 19 Jahren Solo-Cellist des Philhar­mo­ni­schen Orchesters Luxemburg, wo er bis vor drei Jahren konzertierte.

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Wenn solche Musiker irgendwo auftreten, bekommen die Menschen sie meist von der Ferne zu sehen, ehe sie nach dem Konzert von greisen Freun­des­kreis­vor­sit­zenden und Honora­tioren der Stadt bei viel prickelndem Alkohol umschwärmt werden. Im Sinnge­wimmel ist alles anders. Anzüge und Krawatten sind hier so verpönt wie Abend­roben. Zwar sitzen die Musiker auf einer Art Podium, aber das ist weniger als zwei Meter von der ersten Sitzreihe entfernt. Wer ein wenig früher gekommen ist, hat das Duo noch in bequemen Freizeit­kla­motten gesehen und erlebt, wie sich Noack in Jeans und Turnschuhen rührend um den Säugling der beiden kümmert, weil die Oma an diesem Nachmittag verhindert ist. Da darf sich jeder Besucher glücklich schätzen, Teil dieses einzig­ar­tigen Erleb­nisses zu sein. Sekt und Brezeln gibt es hier nicht. Statt­dessen perlt César Francks Sonate für Violine und Klavier in A‑Dur, opus 120, in die Hirne der Gäste. Nein, dieses Erlebnis bekommst du in keinem subven­tio­nierten Konzertsaal dieser Welt geboten. Hochkon­zen­triert, aber unauf­geregt tragen Reyes und Khramouchin ihre Hörer durch die vier Sätze. Um sie dann nach Strich und Faden mit der Elégie, opus 24, von Gabriel Fauré zu verwöhnen.

Einmal ganz abgesehen davon, dass solche Musik­stücke wirklich nicht oft in deutschen Konzert­sälen zu hören sind, gewinnt man sehr schnell den Eindruck, dass die franzö­sisch­spra­chigen Musiker noch einmal einen ganz anderen Zugang zu „ihren“ Kompo­nisten haben, als es bei einem deutschen Musiker der Fall wäre. Klingt das an diesem Abend nicht selbst­ver­ständ­licher, leiden­schaft­licher vielleicht sogar? Es mag ein subjek­tiver Eindruck sein, aber selbst wenn er täuscht, wäre das in Ordnung, weil er dem Genuss Flügel verleiht. Das ändert sich auch nicht bei Claude Debussys Cello-Sonate L.135. 1915 kompo­niert, antizi­piert Khramouchin im dritten Satz mit seinem Cello den Kontrabass in einem Jazz-Keller. Mehr geht nicht.

Das Publikum ist begeistert. Man glaubt gar nicht, wie viel Applaus in einem solch kleinen Kreis möglich ist. Da darf es dann bei der Zugabe Gabriel Faurés Après un rêve – nach einem Traum – sein. Nach einer Stunde ist dieser Traum dann auch vorüber. Und so mancher Besucher wäre nach diesem Konzert­er­eignis sicher gern noch etwas mit den Künstlern trinken gegangen. Die Möglichkeit gibt es momentan noch nicht. Aber Florian Noack verspricht, dass das die nächste Entwick­lungs­stufe der Veran­stal­tungen im Sinnge­wimmel sein wird. Damit wird dann die klassische Musik, die ja sonst nur in hehrem Rahmen statt­findet, im besten Sinne endgültig auf dem Boden der Realität angekommen sein. Und eines ist klar: Das Sinnge­wimmel an der Halte­stelle Refrath der Straßen­bahn­linie 1 könnte sich schon am 18. Juni zu einem echten Hot Spot entwi­ckeln. Denn dann gibt es gibt es ein Litera­tur­konzert mit dem Pianisten Daniel Borovitzky und dem Schau­spieler Ulrich Marx. Zu den Präludien von Chopin gibt es Textauszüge von Jean-Yves Clément, die sich ebenfalls mit dem Kompo­nisten befassen.

Michael S. Zerban

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