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Foto © Kristian Kruuser/Kaupo Kikkas

Karfreitagseinstimmung

ADAM’S PASSION
(Arvo Pärt)

Besuch am
29. März 2018
(Premiere am 27. März 2018)

 

Konzerthaus Berlin

Bei einer Audienz beim Papst Benedikt XVI. trafen sie sich 2009 zum ersten Mal: Robert Wilson, der ameri­ka­nische Theater­magier, und Arvo Pärt, der estnische Komponist der medita­tiven Klänge. Diese Begegnung endete mit dem Wunsch zur Zusam­men­arbeit, der sich mit der musik­thea­tra­li­schen Perfor­mance Adam’s Passion erfüllte. Sie wurde 2015 in Estlands Haupt­stadt Tallin in einer ausran­gierten U‑Boot-Halle urauf­ge­führt – mit so großem Erfolg, dass mittler­weile auch eine DVD vorliegt.

Nun gastierte Adam’s Passion für drei Tage im Konzerthaus Berlin, als Nachtrag des Baltikum-Festivals, das im Februar anlässlich der Hundert­jahr­feier der Unabhän­gigkeit Estlands, Litauens und Lettlands veran­staltet wurde.

Robert Wilson gibt in Adam’s Passion dem Sündenfall und seinen Folgen einen szeni­schen Rahmen. Mit seinem bekannten Kosmos an Figuren und Aktionen entwi­ckelt er im großen Saal des Konzert­hauses ein Myste­ri­en­spiel von faszi­nie­render Raum-Klangwirkung.

Die Musik setzt sich aus Pärts beiden Chorwerken Adam’s Lament und Miserere, dem Doppel­konzert Tabula Rasa für zwei Violinen und der eigens hinzu­kom­po­nierten Sequentia zusammen. Ihr meditativ-spiri­tu­eller Klang breitet sich prachtvoll vom Rang des Konzert­hauses aus, wo die von Tönu Kaljuste souverän dirigierten Gesangs- und Instru­men­tal­so­listen, der estnische Philhar­mo­nische Kammerchor und das Konzert­haus­or­chester Berlin postiert sind.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Das gegen­über­lie­gende Orches­ter­podium benutzt Wilson als Bühne. Sie wird hinten von einem Gazevorhang begrenzt, der in einem betörenden Wechsel von weiß-blauen Farben ausge­leuchtet ist. Nebel wabert auf, Wolken bedecken den Boden. Ein Laufsteg in Form eines Kreuzes ragt tief in das Parkett hinein. Zu Beginn steht Adam als nackter Mann, verkörpert von Michalis Theophanous, mit dem Rücken zum Publikum. Erst bewegt er seine Glieder fast unmerklich, dann dreht er sich allmählich um und schreitet in Zeitlu­pen­tempo bis zum Ende des Stegs, wo er einen Zweig mit Blättern auf dem Kopf befestigt. Sein Weg veran­schau­licht treffend die Vertreibung aus dem Paradies und den Eintritt in die mensch­liche Welt.

Nachfolgend schreitet eine würde­volle Hohe Pries­terin, darge­stellt von der Tanzikone Lucinda Childs, durch den Raum. Als weitere Figuren treten auf: ein Junge, der zunächst aus weißen Klötzen ein Gebäude errichtet und sich später mit einem Mädchen in die Silhouette eines Hauses begibt; zwei weitere Kinder mit Schwertern; zwei unförmige Riesen­ge­stalten; zwei Frauen und ein alter Mann; am Ende eine schwarz­ge­kleidete Kompar­sen­gruppe mit Zweigen in den Händen. Dazu spielen mehrere Requi­siten eine Rolle: Von der Oberbühne wird eine kleine Hausat­trappe herab­ge­lassen, später sind es ein Baum mit Riesen­wurzeln und eine Himmelsleiter.

Vieles in diesem 90-minütigen, minima­lis­ti­schen Weihe­spiel ist rätselhaft, unkonkret und offen für eigene Assozia­tionen. Wenn man sich aber auf die Entschleu­nigung, die symbol­träch­tigen Gebärden und Aktionen einlässt, kann man sich der Inten­sität und Sugges­ti­ons­kraft von Adam’s Passion nicht entziehen.

In Berlin war das Interesse an den drei Vorstel­lungen so stark, dass auch die General­probe freige­geben wurde. Das Publikum dankt nach der letzten Aufführung mit anhal­tendem Beifall.

Karin Coper

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