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ALLES SCHWINDEL
(Mischa Spoliansky)
Besuch am
26. Dezember 2017
(Premiere am 17. Dezember 2017)
Wer hätte das gedacht? Die Komische Oper Berlin bekommt Konkurrenz vom Maxim-Gorki-Theater, jenem von Intendantin Shermin Langhoff entwickelten postmigrantischen Sprechtheater, das wie kein zweites in der Hauptstadt aktuelle gesellschaftliche und politisch relevante Themen auf die Bühne bringt, Stellung bezieht und Konflikte nicht scheut. Und in dem die Erfahrungen und künstlerische Ideen von nach Deutschland eingewanderten Bürgern den Spielplan mitbestimmen und das Ensemble infolgedessen aus vielen Nationen stammt.
Zu einem solchen Ansatz passt eine Kabarettrevue wie Alles Schwindel von Marcellus Schiffer und Mischa Spoliansky aus dem Jahr 1931 eigentlich nicht. Oder doch? Denn einerseits war der Komponist Spoliansky, neben Friedrich Hollaender und Rudolf Nelson, einer der besten Musiker der Berliner Kleinkunstszene, aufgrund seiner jüdischen Herkunft selbst Emigrant – er musste 1933 nach England auswandern. Andererseits spiegelt Alles Schwindel, so wie auch das Gorki, die schräge, schillernde und queere Vielfalt der Berliner Bevölkerung wider.
| Musik | ![]() |
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Im Mittelpunkt des Stücks steht ein Paar, das sich per Kontaktanzeige kennenlernt. Beide behaupten, gut betucht zu sein, was ein irrwitziges Verwirrspiel inklusive einer Jagd nach einer gestohlenen Halskette auslöst und in einem rasanten Streifzug durch das Berlin der 1920-er Jahre mündet. Dabei treffen sie auf so satirisch überspitzte Personen wie Ratten-Else, Tresor-Paule oder Generaldirektor Panke. Der Weg des Paares führt erst in eine Spelunke, in der die Kellner als Gauner auftreten, um den betuchten Gästen Nervenkitzel zu bieten, und dann zu einer Feier der reichen Gesellschaft, wo Heuchelei zum guten Ton gehört. Wessen Identität tatsächlich der Realität entspricht, wer arm, wer reich ist, bleibt bis zum Ende in der Schwebe.
Regisseur Christian Weise aktualisiert Alles Schwindel nicht, sondern belässt die Burleske in der Entstehungszeit, kongenial unterstützt durch die milieutypischen Kostüme von Julia Oschatz, die vor Erfindungsgabe nur so strotzen. Eine Kameralinsenattrappe wirft Prospekte auf die Hinterwand, die berühmte Berliner Plätze oder Gemälde der Zeit zeigen. Davor zaubert Weise ein Kabinett von Figuren auf die Bühne, jede eine treffend entwickelte Type für sich. Seine Fantasie kennt keine Grenzen: Papprequisiten erwachen zum Leben, Bäume bewegen sich und formen sich zu einem Wald, beim Trinken aus einem überdimensionalen Bierglas sind Schlürfgeräusche aus dem Off zu hören. Am Ende legen die Darsteller ihre Verkleidung ab. Alles Schwindel?

Die Schauspieler des Maxim-Gorki-Theaters sind bisher wenig vertraut mit dem Kabarettgenre. Was man in keinem Moment merkt. Nicht nur, dass alle absolut professionell singen und tanzen, sie beherrschen auch das Metier der Kleinkunst: Es sitzt jede Pointe und jeder Schritt. Vidina Popov und Jonas Dassler verkörpern mit viel Witz das junge Paar, Dassler verblüfft zusätzlich mit einer akrobatischen Nummer. Die anderen schlüpfen in mehrere Rollen und zeigen dabei eine enorme Wandlungsfähigkeit. Svenja Liesau, beispielsweise, als halbseidene Ratten-Else und als kesse Zofe. Oder Catherine Stoyan, die direkt einem Grosz-Gemälde entsprungen zu sein scheint und einen verruchten Tango à la Anita Berber hinlegt. Köstlich auch, wie Oscar Olivo immer mal wieder privat wird und dem Publikum seine Unzufriedenheit mit diesem Engagement anvertraut. Er hat eigentlich keine Lust als Uhr, Bär oder Chausseebaum aufzutreten.
Spolianskys Songs tun das ihre dazu, dass dieser Abend dermaßen einschlägt. Jens Dohle hat die nur als Klavierauszug vorliegende Musik so geschickt für eine Dreiercombo arrangiert, dass Melodien wie Mit dir möchte ich mal auf der Avus Tango tanzen oder Mir ist so nach dir auch im reduzierten Orchestergewand zünden.
Großer Beifall nach der ausverkauften Vorstellung am zweiten Weihnachtstag. Und auch für die weiteren Aufführungen gibt es nur noch Restkarten. Berlin hat einen neuen Theaterhit.
Karin Coper