O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Es wird kräftig gefeiert. Selbst der Bundespräsident ist anwesend beim 70. Geburtstag der Komischen Oper Berlin. In seiner launigen Eröffnungsrede erinnert er an den Gründer Walter Felsenstein, an seinen revolutionären musiktheatralischen Regiestil und den Ensemblegeist, der bis heute durch das Haus weht. Diese Traditionen zu bewahren, ist ein Anliegen des jetzigen Hausherrn Barrie Kosky, und als schöne Geste hat er in dieser Saison zwei maßgebliche Inszenierungen des Urintendanten als Neuproduktionen angesetzt: Den Anfang macht das Musical Anatevka, das der Komischen Oper 1971 einen ihrer größten und anhaltendsten Erfolge bescherte – im März kommenden Jahres wird Offenbachs Blaubart folgen.
Anatevka wurde 1964 unter dem Namen The Fiddler on the Roof in New York uraufgeführt und trat von dort aus seinen Siegeszug um die Welt an, der auch mehrmals in beiden Teilen Berlins Halt machte. Das Musical von Jerry Bock basiert auf dem Roman Tevje, der Milchmann des jiddischen Schriftstellers Scholem Alejchem. Es führt in ein fiktives russisches Schtetl und beschreibt das Leben der jüdischen Dorfbevölkerung mit ihren alltäglichen Verrichtungen, den Bräuchen und Festen. Hier wohnt der Milchmann Tevje mit seiner Frau Golde und fünf Töchtern, von denen drei im heiratsfähigen Alter sind. Das Ehepaar möchte sie nach jüdischer Tradition mit Hilfe einer Heiratsvermittlerin zu vermählen, doch das Mädchentrio spielt nicht mit und wählt sich den jeweiligen Partner nach Gefühl selbst aus. Worauf Tevje mal wieder Hilfe bei Gott sucht, den er in einseitigen Zwiegesprächen mit den Widrigkeiten und Ungerechtigkeiten der Welt konfrontiert oder bescheidene Wünsche äußert, von denen der berühmteste heißt: Wenn ich einmal reich wär. Anatevka endet mit keinem Happy End, sondern mit dem Einsetzen der Pogrome und der Vertreibung der Dörfler.
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
| Regie | ![]() |
| Bühne | ![]() |
| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Für Kosky hat Anatevka viel mit seiner eigenen Familiengeschichte zu tun, und er verarbeitet auch Erinnerungen in seiner Inszenierung. Der Junge, der anfangs auf einem Roller auf die Bühne fährt, in einem Schrank eine Geige findet und beginnt, die Fiedler-auf-dem-Dach-Melodie zu spielen, mag er selbst sein. Während des Violinsolos wird die Vergangenheit lebendig. Nacheinander purzeln erst Tevje und dann die Dorfbewohner aus Schränken, Kleinmöbeln und Türen, aus denen Rufus Didwiszus das Schtetl, einer verschachtelten Holzinstallation gleich, gebaut hat. Liebevoll ausgepinselt lässt Kosky einen ganzen Dorfkosmos entstehen. Zwar geht es ärmlich in Anatevka zu, das verdeutlicht die von Klaus Bruns entworfene zerschlissene Kleidung in gedeckten Farben, doch die Lebens- und Sinnesfreuden lassen sich die Bewohner nicht nehmen. Atmosphärische Genre- und Familienszenen wechseln ab mit rasanten Showteilen, die Otto Pichler phantasievoll und mit enormem Tempo choreografiert hat. Großartig, wie er den Kontrast zwischen den fröhlich feiernden Juden und den aggressiv auftretenden Russen durch die unterschiedliche Körpersprache sichtbar macht. Nach der Pause verebbt das lebhafte Treiben, die Bühne ist nun leer. Im Hintergrund ist eine verschwommene russische Waldlandschaft mit Birken zu sehen. Es schneit. Die Zeit des Abschiednehmens ist gekommen, und sie mündet in der ohne Widerstand hingenommenen Vertreibung der Dörfler, die der Intendant ohne Pathos inszeniert.

Max Hopp gestaltet den Tevje mit einer berührenden Mischung aus Herzenswärme, Sturheit und Humor. Er trumpft nicht mit einem gestandenen Bass auf, wie viele Interpreten vor ihm, sondern berührt gerade wegen der singdarstellerischen Ausgewogenheit. Dagmar Manzel, sonst die Operettenprimadonna des Hauses, fügt sich nahtlos in das Ensemble ein, und gibt die Golde als resolute Frau, die mit Leib und Seele die Familie zusammenhält. Offene Gefühle sind beider Sache nicht. Als Tevje Golde fragt, ob sie ihn liebt, kann sie mit diesem emotionalen Ausbruch nichts anfangen. Dass diese Ehe aber auf einem festen Fundament steht, das machen Manzel und Hopp in diesem kleinen Dialog mit feinsten Untertönen deutlich und bescheren dem Abend damit einen der bewegendsten Momente. Alle anderen Figuren sind bis in die kleinste Rolle typengerecht besetzt. Die drei Töchter Talya Lieberman, Alma Sadé und Maria Fislelier bezaubern jede auf ihre Art, ihre Verehrer werden von Ezra Jung, Ivan Turšić und Johannes Dunz, der einmal mehr durch seinen schönen Tenor auffällt, treffsicher verkörpert. Bühnenpräsenz haben sie alle, ob Barbara Spitz als jiddelnde Heiratsvermittlerin Jette oder Peter Renz als debiler Rabbi, nicht zu vergessen die Chorsolisten, ohne deren darstellerische Hingabe solche Inszenierung nicht möglich wäre.
Auch musikalisch ist diese Anatevka eine Wucht. Koen Schoots heizt das bestens disponierte Orchester der Komischen Oper ordentlich an und sorgt für eine wohltemperierte Mischung aus Drive, opulentem Breitwandsound und Klezmer-Folklore.
Riesenjubel am Ende. Er steigert sich, als einige Künstler der Felsenstein-Ära auf die Bühne kommen. Anatevka wurde zu DDR-Zeiten über 500 Mal gespielt. Zu so vielen Aufführungen wird es die aktuelle Inszenierung vermutlich nicht bringen. Dass sie aber ein Publikumsrenner wird, daran ist nicht zu zweifeln.
Karin Coper