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Foto © Bowie Verschuuren

Kunstvolles Stöhnen

DE PORNOPERA
(Huba de Graaff)

Besuch am
29. September 2019
(Deutsche Erstaufführung)

 

BAM!, Volks­bühne, Unteres Foyer

Nun findet es also zum zweiten Mal statt – das Berliner Festival für aktuelles Musik­theater, künst­le­risch zu einem BAM! verwandelt und von den Veran­staltern gern englisch ausge­sprochen. Das BAM! stellt sich einem Problem entgegen, das in den herkömm­lichen Kultur­in­sti­tu­tionen erst allmählich verge­gen­wärtigt wird. Auch wenn Carmen, Salome und Aida noch die heiligen Hallen der Opern­häuser füllen, wird das größer werdende Missver­hältnis zwischen solch alter Musik und neuen Entwick­lungen immer augen­fäl­liger. Offenbar scheinen die Opern­häuser die Schieflage nicht in den Griff zu bekommen. Urauf­füh­rungen werden eher seltener als häufiger, Kompo­nis­tinnen kommen so gut wie gar nicht vor. Und wenn es mal eine „neue“ Oper gibt, ist der Komponist vor wenigen Jahren verstorben oder weit über 80 Jahre alt. Ausnahmen bestä­tigen hier die Regel. Also wirft sich die so genannte Freie Szene – wenn auch mit geradezu unbedeu­tenden Etats im Vergleich zu den großen Häusern – in die Nische. In Berlin versucht das Festival, mit einer Mischung aus Urauf­füh­rungen, Wieder­auf­nahmen und Gastspielen eine Konzen­tration in der Entwicklung des aktuellen Musik­theaters zumindest für die Bundes­haupt­stadt herbei­zu­führen. Dass hier keine Fortführung der altehr­wür­digen Oper statt­findet, sondern die Veran­stalter nach völlig neuen Wegen des Musik­theaters suchen, ist um so ehrenwerter.

Soetkin Demey – Foto © Bowie Verschuuren

Und so ist es kaum verwun­derlich, dass am Eröff­nungs­abend weder Kostüme noch Bühnen­tech­niker eine Rolle spielen. Auch die Maske bleibt unter­be­schäftigt. Huba de Graaff präsen­tiert in deutscher Erstauf­führung ihre Pornopera. Handeln so viele alte Opern­stoffe von Liebe, Lust und Sex, will auch de Graaff das nicht ändern. Ihr reicht eine Änderung des Blick­winkels. Sie hat das Stöhnen von Frauen in Porno-Filmen analy­siert, um es für ihr neues Werk zu verar­beiten. Was anfangs unseriös klingt, ist eine überaus ernst­hafte Arbeit, die zu weiteren Erkennt­nissen führt. Nachdem sie nämlich ausge­ar­beitet hat, in welchen Stimm­fre­quenzen und ‑verläufen dieses Stöhnen erfolgt, hat sie diese Erkennt­nisse in eine rund dreivier­tel­stündige Aufführung umgesetzt. Wer sich an diesem Abend als „Peeping Tom“ in die Volks­bühne verirrt, wird enttäuscht. Denn de Graaff hat nicht nur das Stöhnen künst­le­risch verar­beitet, sondern auch Mitstrei­te­rinnen auf der Bühne gefunden, die ihre Ergeb­nisse kongenial umsetzen.

Drei Frauen betreten die Bühne im unteren Seiten­foyer der Volks­bühne. Die drei Stuhl­reihen sind knapp besetzt. Davor ist ein Podium aufgebaut, auf dem zwei Harfen neben einem weiteren Aufsatz aufge­stellt sind. Ein paar Schein­werfer und Lautsprecher umrahmen den Bühnen­aufbau. Die innere Spannung ist spürbar. Die beiden Harfe­nis­tinnen Eva Tebbe und Ekaterina Levental treten auch als Duo Bilitis auf. Zwischen sie tritt Soelkin Demey als Stimme. Das Licht­design von Floriaan Ganze­voort bleibt allzu häufig hinter den Erwar­tungen zurück. Ein, zwei drama­ti­schen Einstel­lungen stehen mehrfache Blendungen der Zuschauer gegenüber. Das ist mager und mehr störend als die Aufführung unter­stützend. Davon lassen sich die Musike­rinnen nicht ablenken.

Konzen­triert liefern die Harfe­nis­tinnen eine anspruchs­volle Partitur ab, die von virtuosen hohen Tonlagen bis Schlägen auf die Saitenlage reichen, in Basslagen herum­wildern, um daraus Dialoge zwischen den Harfen zu entwi­ckeln. Das klingt gut und abwechs­lungs­reich, sehr modern, ohne zu abstrakt zu werden. Derweil liefert Demey das erste Stöhnen ab. Ihre Gesichtszüge gleichen denen Charlotte Ramplings in dazuge­hö­rigen Situa­tionen. Die Laute, die vielfältig von ihr, später auch von Tebbe und von Levental gar als Gesang zu hören sind, sind weniger spekta­kulär als vielmehr sänge­risch oder vokalis­tisch ganz wunderbar umgesetzt. Auf eine Handlung verzichtet de Graaff, sie baut ganz auf die Wirkung des Kopfkinos beim Hörer. Erst zum Finale hin steigert sich die Entwicklung ins Drama­tische. Da kann Demey zeigen, warum sie es war, die für diese Rolle auser­koren wurde. Dass postkoital Möwen­ge­schrei zu hören ist, na gut. Hätte man darauf verzichtet, hätte niemand etwas vermisst. Sehr schön aller­dings gelingt dann der Schluss, wenn Orches­ter­klänge zugespielt werden.

Das Publikum ist ganz hinge­rissen von den Leistungen der drei Damen, feiert aber auch ausgiebig die Kompo­nistin. Aber auch an dieses Stück ist die Frage zu stellen, an denen in den nächsten Tagen alle Auffüh­rungen zu messen sein werden. War das nun ein schönes Konzert oder tatsächlich aktuelles Musik­theater? Das nach neuen Formen und Wegen sucht, selbst­ver­ständlich. Auch wenn hier klassische Elemente wie Kostüme fehlen, ist die Aufführung von solch inten­siver Dichte, dass es neben einer Kammeroper ohne Schwie­rig­keiten bestehen kann. Ein wahrhaft gelun­gener Auftakt, dem hoffentlich bis Sonntag­abend noch viele weitere auf solch hohem Niveau folgen werden.

Michael S. Zerban

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