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Foto © O-Ton

Mutwillige Zerstörung

SELBSTAUSLÖSER
(Johannes Kreidler)

Besuch am
28. September 2019
(Urauf­führung)

 

BAM!, Volks­bühne, Großes Haus

Einmal mehr gibt es eine Urauf­führung im Rahmen des Berliner Festivals für aktuelles Musik­theater. Ein zweistün­diges Werk, das in seiner Monstro­sität für Kopfschütteln beim Publikum sorgt. Im großen Haus der Volks­bühne führt Johannes Kreidler Selbst­aus­löser auf, ein Stück, in dem er selbst mitspielt. Der Text im Programmheft ist eher verwirrend. Aber der Auftakt zum Stück spannend. Da spricht der Flügel mit dem Publikum, erläutert, dass er alles Wissen der Musik gespei­chert habe. Das funktio­niert, indem Arno Lücker an der Tastatur sitzt und Kreidler zu den „Äußerungen“ des Flügels den Deckel öffnet und schließt. Der vorletzte Spaß an diesem Abend, ehe ein Affe auftritt und mit Tönen experi­men­tiert. Anschließend beginnt die Dekonstruktion.

Kreidlers Thema: Der Ton existiert an sich und ist nicht an das Instrument gebunden. Eine gute Idee. Die aller­dings mehr durch langatmige, multi­medial unter­stützte Texte als durch Musik vermittelt wird. Der Chor unter der Leitung von Timo Kreutzer hat in der Mitte des Zuschau­er­saals Platz genommen und kommen­tiert zunächst von dort aus. Erst gegen Ende wird er auf der Bühne erscheinen. Derweil lamen­tiert Kreidler, mittler­weile in roter Trainings­jacke, weiter. Es gibt eine Menge Spezi­al­ef­fekte und Dejana Sekulic hat die Bühne mit allerlei Materialien bestückt, um die Ausfüh­rungen Kreidlers zu unterstützen.

Foto © O‑Ton

Der Abend wird lang und länger. Mittler­weile haben alle verstanden, um was es Kreidler geht. Der aber geht zur „Publi­kums­pro­vo­kation“ über. Instru­mente über Instru­mente werden auf die Bühne geschleppt und zerdeppert. Bitte schön, das kennen wir nun wirklich. Und es war schon im Rock oder Punk langweilig, wenn nicht abstoßend, wenn Gitarren auf der Bühne zerschlagen wurden. Gewalt ist keine Lösung. Nirgendwo. Und sie dient auch nicht der Provo­kation, sondern drückt Macht­lo­sigkeit aus. Glück­li­cher­weise ist es eine einmalige Aufführung. Sonst würde es vermutlich knapp um die Bestände des Zolls, der Plagiate beschlag­nahmt hat. Nein, das wissen wir nicht.

Ist auch egal. Aber während dieses Abends freut man sich, dass auch die Oper zur Gattung des Musik­theaters gehört, in der es Handlung, Kostüme und den Gesang gibt. Menschen, die noch, während sie sterben, über viele Minuten hinweg singen können. All das findet hier nicht statt. Statt­dessen werden Instru­mente über Instru­mente zerstört, um zu verdeut­lichen, dass der Ton der Ton an sich ist. Inzwi­schen werden die Fragen kriti­scher. Was ist falsch daran, dass der Ton an das Instrument gebunden ist? Warum muss er als solcher – isoliert – existieren? Antworten gibt Kreidler darauf nicht. Sondern lässt lieber noch seilchen­springend den Ton durch den Chor produ­zieren. Wobei der Ton an die Körper des Chors gebunden ist. Aber das soll man vielleicht jetzt nicht so eng sehen.

Mit dem Stück hat das Festival seinen Tiefpunkt erreicht. Und nein, Wieder­ho­lungen braucht es nicht. Auch wenn das Drama – immerhin wird nirgendwo so viel gestorben, wie auf der Bühne – zum Musik­theater gehört, bringt die sinnlose Zerstörung von Instru­menten nichts, stellen sie doch auch die Werte des Musik­theaters dar. Schön, dass die Musiker sich durch Flucht von der Bühne dem Applaus entziehen. Dieses Stück braucht kein Mensch.

Michael S. Zerban

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