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Was so schlicht aussieht – ein hellhölzener Aufbau mit vierzehn Stufen, umrahmt von hohen Mauern, dazu eine Passarelle über dem Orchestergraben und umgebaute Proszenium-Logen im zweiten Rang – und an ein antikes griechisches Amphitheater erinnert, ist die Bühne für ein Musikdrama in einem Akt, wie es der Komponist Hans Werner Henze genannt hat. Es ist die Bühne für das erschütternde Drama der Gegensätze zwischen Kontrolle und Freiheit, Vernunft und Triebhaftigkeit, personifiziert durch den jungen König Pentheus und den Gott Dionysos, der eigentlich sein Cousin ist.
Die Handlung basiert auf Die Bakchen von Euripides aus dem 5. Jahrhundert vor Christus: Der alte Herrscher von Theben, Cadmus, gibt die Krone weiter an seinen Enkel, Pentheus, der das Königreich mit Vernunft und Raison führen will. Ein Fremder kündet an, dass Dionysos samt seinem Gefolge – den Bassariden – auf dem Weg zum Berg Cytheon ist. Das Volk eilt dorthin und begibt sich in rituelle und ekstatische Orgien. Trotz der Warnungen von Cadmus und der Amme Beroe begeben sich sogar der alte Seher Tiresias, Agave, die Mutter von Pentheus, und ihre junge Schwester, die flippige Autonoe, auf den Berg. Vergeblich versucht Pentheus die Anbetung dieses Gottes und auch den Kult rund um die Mutter von Dionysos, Semele, zu verbieten. Er lässt den Fremden verhaften, fällt aber auch unter seinen Einfluss. Letztendlich will er persönlich nachsehen, was dort geschieht. Er verkleidet sich als Frau und mischt sich unter die Menge. In einer vom Rausch benebelten orgiastischen Nacht tötet Agave Pentheus, weil sie ihn nicht erkennt. Erst am nächsten Morgen wird ihr klar, dass sie die schrecklichste aller Taten begangen und ihren eigenen Sohn getötet hat. Mittlerweile gibt sich der Fremde als Dionysos zu erkennen und fordert bedingungslose Anbetung. Er verbannt die königliche Familie und lässt den Palast niederbrennen, wobei er die Götter beschwört, seine Mutter Semele aus dem Reich von Hades freizugeben, damit sie ihren Platz bei den unsterblichen Göttern einnehmen kann.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
1966 bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt, wurde das Werk vom Komponisten einige Male adaptiert und umgearbeitet. Barrie Kosky und Wladimir Jurowski benutzen weitgehend die revidierte und reduzierte Fassung von 1992 mit dem originalen Libretto von W. H. Auden und Chester Kallman auf Englisch. Kosky folgt dem Grundprinzip eines griechischen Dramas – der Chor kommentiert das Geschehen, die Aktionen finden großenteils auf den Stufen statt. Diese Strenge fokussiert das Drama ganz auf die Figuren, mutet semi-konzertant an. Sogar die Saalbeleuchtung bleibt an wie bei einem Konzert. Leider hat diese zusätzliche Lichtquelle den Nachteil, dass man das Libretto – in der Komischen Oper im Vordersitz eingebaut – so gut wie nicht nachverfolgen kann. Dazu kommt die schlechte Diktion von fast allen Teilnehmern – somit ist die Verständlichkeit stark eingeschränkt.
Die Monochromatik des Bühnenbildes führt Katrin Lea Tag auch in den Kostümen weiter – in schlichten schwarzen, modernen Kleidern und Anzügen tritt der Chor auf. Nur die königliche Familie leistet sich weiß oder grau, und die tanzenden Apollon-Priester präsentieren sich in Schwarzweiß. Auch ohne diese Merkmale erkennt man die Handschrift von Otto Pichler in den exzessiven, schweißtreibenden und geometrischen Tanzeinlagen. Koskys Personenregie ist ebenso plastisch wie choreografisch synchron. Das orgiastische Gezappele ist oft übertrieben, unterstreicht aber so die vermeintliche Ekstase des Volkes unter dem Einfluss von Dionysos. Dennoch bleibt die Charakterzeichnung kühl. Nur wenn Agave, die Mutter von Pentheus, die spärlichen Überreste ihres Sohnes in einer Plastiktüte tragend, die Grausamkeit ihrer eigenen Aktion begreift, geht es unter die Haut. Diese letzten 30 Minuten sind der Inbegriff von Musikdrama.

An der Besetzung der Sänger kann man nichts aussetzen: Ensemble-Mitglied Günter Papendell brilliert abermals mit seinem schlanken und kraftvollen Bariton als Pentheus. Als sein Gegenspieler wirkt Tenor Sean Panikkar, der diese Partie schon im vergangenen Sommer bei den Salzburger Festspielen gesungen hat. Auch er, schlank und mit einer sehr erotischen Ausstrahlung, ein idealer Dionysos, mit schönem Timbre und sicherer Höhe. Beide Männer in ihren Aktionen könnten in jeder Gesellschaft der Gegenwart glänzen. Und das ist auch die Intention von Kosky – die unterliegenden Werte, die diese Figuren darstellen, sind ebenso heute wie vor 2500 Jahren aktuell. Mezzo Tanja Ariane Baumgartner ist eine königliche Erscheinung in ihrem weißen Abendkleid. Der Bogen ihrer Interpretation – von dem anfänglichen hoheitlichen, kühlen Ton zu den herzzerreisenden, quälenden Aussagen einer Mutter, die sich langsam bewusst wird, was sie im Rausch angerichtet hat – ist überwältigend. Jens Larsen als der abdankende Herrscher von Theben und Großvater von Pentheus, setzt seinen klangvollen Bass als vergebliche Stimme der Vernunft ein. Tenor Ivan Turšić in der Rolle des blinden Sehers Tiresias darf sich austoben mit seinen Vorhersagungen. Auch Margarita Nekrasova als resolute Amme kommentiert die Entwicklungen mit kantigem Mezzo. Autonoe, Schwester von Agave, wird von Vera-Lotte Boecker als lebenslustige Soubrette und Nesthäkchen dargestellt, die sich gerne den Prinzipien von Dionysos hingibt.
Auch in der reduzierten Fassung ist das Orchesterinstrumentarium so groß, dass die Holz- und Blechbläser auf den Stufen positioniert sind. Zusätzlich noch Trompeten in den Logen im zweiten Rang; Vibraphon, Celesta und Klavier außerhalb des Grabens. Vladimir Jurowski, der sich das Sück gewünscht hat, herrscht souverän über diesem riesigen Apparat. Er entlockt ihm so viel rhythmische Präzisionsarbeit – lässt der atonalen und verschwenderisch aufreizenden Melodik freien Lauf, lässt zu, dass die weichen Pianissimi sich voll entfalten ebenso wie rauschende und orgiastische Passagen. Der von David Cavelius einstudierte, exzellent agierende und singende Chor ist deutlich auch als Protagonist einzureihen.
Nach einer Schrecksekunde des Schweigens nach dem Ende und plötzlicher Dunkelheit – der große Lüster im Zuschauerraum war während der gesamten Dauer der Oper an – rauschender und langanhaltender Applaus für alle Beteiligten.
Zenaida des Aubris