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Die Komische Oper Berlin feiert in dieser Spielzeit ihren 70. Geburtstag und bringt als Erinnerung an den Gründer Walter Felsenstein zwei seiner berühmtesten Inszenierungen in Neuproduktionen heraus. Nach dem Musical Anatevka, das in der Regie von Barrie Kosky zum Kassenknüller geworden ist, folgt die Operette Blaubart von Jacques Offenbach. Allerdings mit Hindernissen im Vorfeld. Denn technische Probleme machten eine Verschiebung der Premiere um eine Woche nötig. Dazu wurde der vorgesehene Dirigent Clemens Flick durch Stefan Soltesz ersetzt, „weil die theaterpraktische Realisierung der Partitur einer anderen Art des musikalischen Zugriffs bedarf“, wie es diplomatisch in der Presseerklärung heißt.
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Felsensteins Blaubart-Inszenierung aus dem Jahr 1963 wurde fast 400 Mal gespielt und liegt auch als DVD vor. In die Fußstapfen dieser Regie-Legende tritt Stefan Herheim, dessen opulente Theater-im-Theater-Inszenierung von Händels Xerxes auch noch sechs Jahre nach der Premiere den Spielplan der Komischen Oper schmückt. An den Vielbeschäftigten sind hohe Erwartungen geknüpft, auch weil es seine erste Operettenauseinandersetzung ist. Er hat keinen Aufwand gescheut und gemeinsam mit dem Dramaturgen Alexander Meier-Dörzenbach und Clemens Flick eine eigene Fassung gebastelt, mit neuen deftigen Texten und musikalischen Einschüben von Wagner, Smetana und anderen Offenbach-Werken. Doch damit nicht genug. Zum Original gibt es eine Rahmenhandlung mit zwei erfundenen Figuren: der Liebesgott Cupido und der Gevatter Tod befinden sich im Widerstreit und mischen sich ständig ins Geschehen ein. Der erste Auftritt gehört ihnen: Cupido zieht eine Wanderbühne hinter sich her, angetrieben von dem auf dem Kutschbock sitzenden Tod. Das Thema Eros oder Thanatos ist im Blaubart allgegenwärtig, allerdings satirisch überspitzt. Die sechs Ehefrauen des Ritters und die vermeintlichen Nebenbuhler von König Bobèche werden in beider Auftrag ermordet. Das geschieht jedoch dank der mitleidigen Henker nur zum Schein. Angeführt von der durchsetzungsfähigen Boulotte, Blaubarts letzter Gattin, verbünden sich die Opfer und demaskieren die Täter. Am Ende steht einer Gruppenheirat nichts mehr im Wege. Ob die Liebe gesiegt hat, bleibt allerdings offen. Denn die Reise von Cupido und Thanatos geht weiter.

Aus der von Christoph Hetzer entworfenen Wanderbühne purzeln eine Fülle von magischen Kulissen und Requisiten heraus, die jenen Theaterzauber entfalten, der in der Inszenierung nur bedingt aufblitzt. Weil Herheim zu viel will. Er jongliert zwischen vielschichtigem Welttheater, tiefgründigem Diskurs und konventioneller Posse mit vielen anzüglichen Aktionen und neckisch geführtem Chor. Dazu gibt es Verweise auf andere Operetten und auf Felsensteins Inszenierung, die sich in Esther Bialas‘ Kostümzitaten von Blaubart und König Bobèche niederschlagen. Auch die DDR-Vergangenheit und Berliner Aktualitäten kommen zum Zuge, wenn vom Abriss des Palasts der Republik die Rede ist oder das zum Humboldtforum wiedererbaute Schloss als Vorlage für das Bühnenbild des zweiten Akts dient. Solch intellektueller Überbau bekommt dem Blaubart nicht, zumal es am Wichtigsten fehlt: Tempo und pointiertem Timing.
Die breit ausgewalzte Inszenierung schlägt sich auf die Solisten nieder, zu denen immerhin so kompetente Ensemblemitglieder wie Johannes Dunz und Tom Erik Lie gehören. Wolfgang Ablinger-Sperrhacke ist ein Blaubart ohne besonderes Charisma. Auch Sarah Ferede fehlt es für die Boulotte an Ausdruckskraft und raumfüllender Präsenz, die Anny Schlemm bei Felsenstein so auszeichnete. Sie singt schön, doch das reicht nicht aus für diese Operette. Wie Offenbach klingen sollte, demonstrieren die beiden Veteranen Peter Renz und Christiane Oertel als Königspaar: mit vielen Zwischentönen und messerscharf artikuliert. Die Krone aber gebührt Rüdiger Frank, der neben dem Tod von Wolfgang Häntsch den Cupido gibt. Der als Putte ausstaffierte, kleinwüchsige Darsteller verkörpert einen Liebesgott, der wieselflink und geschunden, gewitzt und zerbrechlich zugleich agiert und spielt sich damit in das Herz des Publikums.
Stimmung will sich auch nicht aus dem Orchestergraben einstellen. Stefan Soltesz hangelt sich uninspiriert und zäh durch Offenbachs Partitur. Vom Esprit und Charme der Melodien und Couplets ist wenig spürbar und mitunter hapert es auch mit der Koordinierung zwischen Bühne und Orchester.
Kurzer Applaus nach langen dreieinhalb Stunden. Bravos branden nur bei beiden Schauspielern auf.
Karin Coper