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LA BOHÈME
(Giacomo Puccini)
Besuch am
2. Februar 2019
(Premiere am 27. Januar 2019)
Zum Grundrepertoire eines jeden Theaters gehören die „Standardwerke“ Aida, La Bohème, Carmen – das ABC der Oper sozusagen. An der Komischen Oper ist es schon fast Tradition, dass der Intendant, zumal auch gefragter Regisseur, diese Werke neu produziert. Immerhin spielte die letzte Bohème, von Harry Kupfer inszeniert, ganze 357 Mal von 1982 bis 2006. Nun hat sich Barrie Kosky an die beliebte Verismo-Oper in seinem Haus gewagt. Basierend auf die von Henri Murger 1851 geschriebenen Scènes de la vie de Bohème, hat Kosky die Inszenierung des 1896 uraufgeführten Werks von Giacomo Puccini in das Ende des 19. Jahrhunderts gelegt. Hier wird ein Kapitel der Geschichte aus dem Leben sechs junger Leute erzählt, ein Zeitfenster gezeigt, das mit dem gemeinsamen Erleben des Todes von Mimì auch das Ende ihrer Jugend bedeutet. Kosky geht die Geschichte ohne Pathos oder weitere Einsichten in das Gefühlsleben der jungen Protagonisten an, man kann auch behaupten, er erzählt eine ziemlich oberflächliche Geschichte. Es ist eine Zeit des Umbruchs, der Industrialisierung, mit ihren Versprechen, Abenteuern und Neues zu erleben. Marcello hat sich der neu aufkommenden Technologie zugewandt – einen Augenblick auf Glasplatten festzuhalten – der Daguerreotypie.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Es sind auch die frühen Daguerreotypien, die das Bühnenbild von Rufus Didwiszus inspirieren, mit Prospekten von verblichenen Porträts und Straßenzügen. So wird dem Konzept des Regisseurs ein Rahmen für die unausweichliche Trostlosigkeit der Beziehung von Rodolfo und Mimì gegeben. Ein kleines, offenes Podest auf der Bühne stellt die wohngemeinschaftliche Mansarde dar, die die vier Lebenskünstler vermutlich teilen. Der von finanzieller Not geprägte Alltag wird in der Café-Momus-Szene allerdings auf den Kopf gestellt. Immerhin ist es Weihnachten, und die Menschenmenge feiert ausgelassen. Der Zuschauer weiß gar nicht, wo er zuerst hinsehen soll, und viele Details gehen unter – der einzige Eindruck, der bleibt, ist eine überbordende Burlesque, mit einem Parpignol, der eine Fantasiemischung aus bayerischem Wolpertinger und Clown ist, Nonnen, Nutten, schwarz gekleideten Pierrot-Kindern und vielem mehr.
Kostümbildnerin Victoria Behr hat sich die Inspiration für die Kostüme der Hauptdarsteller beim Designer der ersten Bohème-Produktion 1896, Adolfo Hohenstein, geholt: Karomuster überall, eines scheußlicher als das andere. Kontrastierend dazu die Strapse und Federboas der Café-Momus-Gesellschaft, die auch ein Markenzeichen für viele Kosky-Inszenierungen geworden sind. Ein großes Kauderwelsch an Stilen, die leider keinen weiteren Aufschluss zum Konzept fügen.
Ein sehr agiles und unbeschwertes Quartett bilden die Jungs – springen und rollen herum, schwindelig kann es einem werden. Sogar die Rolle des Vermieters Benoit übernehmen sie – hier ist „er“ nur ein Hut, der schlussendlich in der ständig knallenden Luke verschwindet. Zwar ist diese Szene witzig, aber warum man gerade eine Rolle weggelassen hat, die üblicherweise mit einem älteren, geschätzten Ensemblemitglied besetzt wird und der durchaus auch zur Geschichte gehört, erschließt sich nicht.

Die Gruppe der sechs jungen Leute verkörpert die Jugend, die im Hier und Jetzt lebt – was Rodolfo schon zu Beginn bestätigt. Nadja Mchantaf absolviert ihr Rollendebüt als Mimì als selbstbewusste und glaubwürdige Figur, ihr aussagefähiger Sopran passend zu einer jungen Frau, die ihre Selbstständigkeit beweisen, ihren eigenen Weg gehen will, das dann doch nicht schafft. Tenor Gerard Schneider gibt einen schnittigen Rodolfo, etwas selbstverliebt und leider stimmlich in der besuchten Vorstellung nicht auf der Höhe für diese anspruchsvolle Rolle, mit unsicherem Ton und hartem Timbre. Die Rollen des Schaunard mit Dániel Foki und des Colline mit Philipp Meierhöfer werden fachgerecht interpretiert. Herausragend dagegen der Marcello von Günter Papendell, der mit warmem Bariton Menschlichkeit zeigt. Vera-Lotte Böcker als Musetta kann sich mit schönen Koloraturen austoben – und sie hat die schönsten Kostüme.
Unter der Leitung von Jordan de Souza hetzt und saust das Orchester – die Tempi sind flott. Aber wo bleibt der Schmelz, wo bleiben die Emotionen, die Puccini auch bietet? Die feine Gradwanderung zwischen Sentimentalität und echten Gefühlen sucht man hier vergebens. Hier herrscht harter Verismo-Beat, passend zur szenischen Darbietung. Die Sterbeszene mit dem herzzerreißenden Schrei „Mimì“ von Rodolfo lässt oft sogar hartgesottene Opernbesucher eine Träne verdrücken. Hier bleibt das Auge trocken. Alle Darsteller haben sich abgewendet und gehen wieder ihrer Wege ins nächste Abenteuer. Mimì stirbt allein, aufrecht auf einem Stuhl sitzend – im Hintergrund erlischt die Beleuchtung auf einem verblichenen Damenporträt, als Mimì ihren letzten Atemzug aushaucht.
Es war eine heiß erwartete Produktion, denn Kosky-Inszenierungen sorgen immer für Gesprächsstoff in Berlin. Allerdings kann das Konzept in seiner Beliebigkeit nicht überzeugen. Den Zuschauern ist das egal: Sie applaudieren überschäumend.
Zenaida des Aubris