O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Serghei Gherciu

Emma im Mittelpunkt

BOVARY
(Christian Spuck)

Besuch am
8. September 2024
(Premiere am 20. Oktober 2023)

 

Staats­ballett Berlin

Bovary, nachdem seit der Premiere zur Saison-Eröffnung 202324 ein Jahr vergangen ist, wirkt in der Insze­nierung von Christian Spuck im September dieses Jahres nachhaltig sehr überzeugend. Spuck ist als Intendant des Staats­bal­letts Berlin mit Bovary am Ballett-Hot-Spot der Haupt­stadt angekommen. Vielen, die ihn vor diesem Moloch gewarnt hatten, konnte er in seinem ersten Jahr zeigen, dass seine choreo­gra­fische Arbeits­weise so kreativ und wider­ständig ist, wie sich seine Intendanz wider allen Stürmen manifest zeigt. Die Ehrung durch die Zeitschrift Tanz als „Kompanie des Jahres“ spricht für sich.

Der Choreo­grafie und Insze­nierung des Tanzstücks Bovary nach dem Roman Madame Bovary von Gustave Flaubert ist die in zehn Jahren in Zürich entwi­ckelte und verfei­nerte Handschrift Spucks einge­schrieben. Von Messa da Requiem – große Musik, große Stille vom Januar 2017 in Zürich bis Mysterien des Todes vom 8. Mai vergan­genen Jahres in Berlin – bis heute wird sie mit Bovary fortgeschrieben.

Foto © Serghei Gherciu

Spuck kreiert mit dem Tanzstück ein Erzähl­ballett, das Flauberts Roman nicht litera­risch reflek­tiert nacher­zählt, und dass das, wie er bemerkt, mit den Mitteln des Tanzes auch gar nicht möglich sei. Er reduziert und fokus­siert auf die Figur der Emma Bovary. Ein Schicksal voller Facetten, das Spucks Insze­nierung wie ein Palim­psest überzeichnet. So mittel­mäßig die Welt, wie sie für die meisten Menschen Realität ist, so regen sich immer auch, mitunter unbewusst Wünsche und Gefühle von unbedingtem Leben und Lieben. Die Sehnsucht, geliebt zu werden, an der ihr innewoh­nenden Lust teilzu­haben, führt Emma Bovary in eine Sackgasse. Traum­welten, gebaut aus billigen, roman­tisch verzeh­renden Liebes­ro­manen, die bis heute, noch befeuert durch Online-Dating-Foren sowie weiteren Spiel­formen in den sozialen Medien, aktueller denn je zu sein scheinen. Illusi­ons­welten, aus denen es irgendwann keinen Ausweg mehr gibt.

Weronika Frodymadie für ihre Darstellung der Madame Bovary zur „Tänzerin des Jahres 2024“ ausge­zeichnet ist, überzeugt mit poetisch gestimmter Präzision. Jede noch so klein nuancierte Geste ist von einer umfas­senden Überzeu­gungs­kraft getragen. Spucks Choreo­grafie übersetzt sie bis in die Zehen­spitzen kraftvoll und elegant, ebenso nonchalant wie in somnam­buler Anmutung. Wie Flaubert von einer außen betrach­tenden Position erzählt und doch gleich­zeitig der Person ganz nahe ist, so kongenial tanzt Frodyma ihre Bovary. Emma ist das Zentrum der Insze­nierung. In ihr spiegeln sich hinter­gründig Emotionen und seelische Nöte.

Spucks Bovary-Choreo­grafie wechselt die Erzähl­ebenen wie in einem musika­li­schen Kalei­doskop. Werke von Toru Takemitsu und György Ligeti sowie Charles Ives arron­dieren tänze­risch abstrakte Erzähl­ebenen im düster morbiden, verwel­kenden Bühnenbild von Rufus Didwizus. Sie kreieren variabel tönende Klang­räume. In den Szenen choreo­gra­fierter Gruppen­bilder der Compagnie sind Sequenzen aus dem Klavier­konzert Nr 3 E‑Dur von Camille Saint-Saëns zu hören, die Alina Pronina intoniert.

Zeitweise werden auf die hintere, mobil sich öffnende und schlie­ßende Bühnenwand Filmse­quenzen vom ländlichen Leben mit Ackern, Melken und Schlachten vom Beginn des 20. Jahrhun­derts als Video von Tienie Burkhalter proji­ziert. Bei einer Bauern­hochzeit ist zu sehen, wie der Schuh der Braut im Unrat des Hofes stecken bleibt. Marina Frenks liest aus dem Off ausge­wählte Textpas­sagen aus Flauberts Roman. Mit ihnen erhält die Erzählung auch für jene, die den Roman nicht gelesen haben, einen metapho­risch kompri­mierten Subtext.

Solche metapho­ri­schen, wie nebenbei einge­blen­deten Signa­turen charak­te­ri­sieren die Ballett-Szenen­folgen von Prolog sowie erstem – Die Hochzeit, Der Ball auf Schloss Vauby­essard, Eine schüch­terne Liebe, Die Landwirt­schafts­aus­stellung in Yonville – und zweitem Akt – Der Rausch von Rouen, Die Rückkehr von Yonville, Das Gift. Der Tod. Diese Drama­turgie assoziiert unwill­kürlich einen Marcel-Proust-Kosmos. Emmas andere, naive Suche nach der verlo­renen Zeit, von der sie wenig mehr als eine Ahnung hat.

Foto © Serghei Gherciu

Die fokus­sierten Nahauf­nahmen, gleichsam Ausleuch­tungen des Innen­lebens von Emma, breiten mit den enigma­ti­schen Tintin­nabuli-Kompo­si­tionen von Arvo Pärt der Solo-Ballerina Frodyma einen Klang­teppich aus. Ihre Tanzkunst tastet mit sensi­bi­li­sierter Unmit­tel­barkeit die enttäuschten Hoffnungen Emmas Schritt für Schritt bis in das finale Desaster ab.

Im Pas de deux mit den Frauen­helden Leon, darge­stellt von Cohen Aitchison-Dugas, und Rodolphe, getanzt von David Soares – von Emma als Liebhaber verkannt – sowie im Finale mit Alexei Orlenco als Charles Bovary steigert sich die Choreo­grafie in einen erotisch tödlichen Höhen­rausch. Ein dadais­tisch konno­tiertes Totentanz-Quintett – Matthew Knight, Dominik White Slavkovský, Ross Martinson, Wolf Hoeyberghs, Dominic Whitbrook und Erick Swolkin – das an den Horrorfilm Das Cabinet des Dr. Caligari aus den 1920-er Jahren erinnert, bedrängt Emma mit gemeiner Nieder­tracht. Eine choreo­gra­fierte Maskerade, die als eines der starken Bilder des Tanzstücks in Erinnerung bleibt.

Emmas Todes­taumel, begleitet von Auszügen aus L’Oiseau innumé­rable, concerto pour piano von Thierry Pécou und einer Passa­caglia von Pärt, steigert sich zu einem Memento mori. Bestäubt mit weißem Gift, windet sie sich, einge­sperrt in ihren Körper, als umschlänge der griechische Todesgott Thanatos sie. Die szenische Archi­tektur – Emma sitzt ihr Leben ausatmend auf einem Stuhl – von Charles‘ und Emmas Dienst­mädchen Félicité, die Vivian Assal Koohnavard mit stupidem Stoizismus darstellt, mit Schrecken wahrge­nommen, erinnert an das grafische Der Tod im Kranken­zimmer von Edvard Munch.

Umflirrt von dem schmach­tenden Pop-Sound She was von Camillewird alles wieder auf Anfang gesetzt. „Go Go Go away When she was young She was a cow” Wie zu Beginn stehen klagende Weiber mit schwarz umflorten Gesichtern, scheinbar dem antiken Theater entstiegen, erneut auf Podesten. Das Warten auf ein gewisses anderes Lebens­glück beginnt kreis­lauf­artig wieder von vorn.

Jonathan Stock­hammer am Pult des Orchesters der Deutschen Oper Berlin serviert dem Staats­ballett Berlin die unter­schied­lichen, unter­ein­ander kontras­tie­renden Kompo­si­tionen auf einem klang­sil­bernen Tablett. Allein der Choreo­grafie verpflichtet und trotzdem, wie schon 2023 gehabt, mehr als nur ein Back-up-Service.

Peter E. Rytz

Teilen Sie O-Ton mit anderen: