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In der besten aller Welten

CANDIDE
(Leonard Bernstein)

Besuch am
24. November 2018
(Premiere)

 

Komische Oper Berlin

Mit Candide hatte Leonard Bernstein kein Glück. Im Gegensatz zum Musical-Hit West Side Story floppte seine Vertonung von Voltaires philo­so­phi­schem Roman 1956 in New York, woran etliche Neufas­sungen nichts änderten. In Berlin gab man dem Stück in den letzten Jahrzehnten gleich vierfach eine Chance. Doch nur die zwei konzer­tanten, prominent besetzten Auffüh­rungen mit den wunder­baren Loriot-Texten ließen erahnen, welch Potenzial in dem Stück steckt, während die Insze­nie­rungen an den beiden großen Opern­häusern nicht zu einer rundum überzeu­genden Form fanden. Genau das ist nun – nachträglich zum 100. Geburtstag des Kompo­nisten – Barrie Kosky in der Komischen Oper gelungen. Er hat aus der großen ameri­ka­ni­schen Operette, wie er sie bezeichnet, ein so intel­li­gentes, mensch­liches und dabei perfekt getimtes Welttheater insze­niert, dass die Spannung in den über drei Stunden in keinem Moment nachlässt.

Voltaires Candide ist ein naiver junger Mann, der die Lehren seines Meisters Dr. Pangloss verin­ner­licht hat und an die beste aller Welten glaubt. Als er wegen seiner Liebe zu Kunigunde, der Tochter seines Stief­onkels aus der Familie verstoßen wird, verschlägt es ihn auf eine abenteu­erlich-aberwitzige Reise durch die Weltge­schichte. Dabei wird er mit Krieg, Mord und Totschlag und Natur­ka­ta­strophen konfron­tiert, überlebt alle Widrig­keiten und bleibt Optimist.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Wie schon in seiner West-Side-Story-Insze­nierung verzichtet Kosky auf Kulissen und setzt statt­dessen auf eine ausge­klü­gelte Beleuchtung. Alessandro Carletti zaubert magische Stimmungen in dem von Rebecca Ringst gestal­teten, leeren Bühnenraum, der je nach Bedarf mit Requi­siten gefüllt wird, beispiels­weise mit einem Henkers­gerüst beim Autodafé oder Schlauch­booten für die Meeres­durch­querung. Zentrale Hingucker aber sind die Kostüme, die Klaus Bruns entworfen hat. Sie sind ein Traum an Fantasie und Farben, bieten auch Kontraste, wenn etwa eine Revuegirl-Reihe während der Inqui­si­ti­ons­szene vor düster-nebligem Hinter­grund in knall­blauem Outfit tanzt. Überhaupt das Ballett. Es ist gleich­be­rechtigt in den Ablauf integriert, was angesichts der Bewegungs­fan­tasie von Otto Pichler und dem Drive der Truppe nur zu begrüßen ist.

In diesem Ambiente entwirft Kosky einen Lebens­kosmos aus zahlreichen Facetten. Er verschachtelt Historie und Gegenwart mitein­ander, zeigt auch Aktua­li­täten wie Frauen­aus­beutung oder Flücht­lings­krise. Dabei hält er immer die Balance zwischen Komik und Ernst, lässt auf die witzige Schul­szene am Anfang einen Aufmarsch der Soldaten folgen, der in Kriegs­ge­tümmel mündet.

Foto © Monika Rittershaus

Der erste Auftritt gehört Voltaire persönlich, der unter einer riesigen Perücke fast versinkt. Er führt in die Geschichte ein, moderiert sie und wird sie in Gestalt des Dr. Pangloss begleiten. Franz Hawlata serviert die umfang­reichen Zwischen­texte weise, verschmitzt zugleich und mit einer kabarett­mä­ßigen Noncha­lance, die man bei dem gestan­denen Opern­bas­sisten nicht vermutet hätte. Allan Clayton stolpert, einem arglosen Narren gleich, von einem Unglück ins nächste und gibt dazu eine Lektion, mit wieviel Piano­kultur die Partie ausge­stattet werden kann. Mit der Kunigunde hat Nicole Chevalier ihrem Reper­toire eine weitere Glanz­rolle zugefügt. Die Bravourarie Glitter and be Gay singt sie ganz lässig, dazu mit pointiertem Körper­einsatz. Was damit zu tun hat, dass Kosky die Szene in einem Bordell angesiedelt hat. Anne Sofie Otter, die als Obdachlose ausstaf­fiert ist, berichtet bei ihrem Entrée von dem Schreck­lichen, das ihr wider­fahren ist. Und dennoch, so ihre Erkenntnis: Das Leben ist lebenswert. Ein besonders berüh­render Moment, weil dabei die private Tragödie der Mezzo­so­pra­nistin durch­schimmert, die trotzdem bereits wieder auf der Bühne steht, mit ungebro­chener stimm­licher und darstel­le­ri­scher Präsenz. Alle anderen Solisten, darunter Tom Erik Lie als Straßen­kehrer in Frauen­kleidern, haben genauso ihren Anteil am Gelingen, wie auch der von David Cavelius einstu­dierte Chor.

Bernstein erweist in Candide der europäi­schen Musik­tra­dition mit vielen Anspie­lungen die Ehre. Jordan de Souza dirigiert die stilis­tische Plura­lität mit feder­leichter Hand und untrüg­lichem Sinn für Rhythmus, Dynamik und Tempo, wobei ihm das Orchester, das längst im Musical zu Hause ist, punkt­genau folgt.

Diese bestmög­liche Candide-Insze­nierung beglückt und entlässt das hochge­stimmte Publikum hinaus in die beste aller möglichen Welten.

Karin Coper

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