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Mit Candide hatte Leonard Bernstein kein Glück. Im Gegensatz zum Musical-Hit West Side Story floppte seine Vertonung von Voltaires philosophischem Roman 1956 in New York, woran etliche Neufassungen nichts änderten. In Berlin gab man dem Stück in den letzten Jahrzehnten gleich vierfach eine Chance. Doch nur die zwei konzertanten, prominent besetzten Aufführungen mit den wunderbaren Loriot-Texten ließen erahnen, welch Potenzial in dem Stück steckt, während die Inszenierungen an den beiden großen Opernhäusern nicht zu einer rundum überzeugenden Form fanden. Genau das ist nun – nachträglich zum 100. Geburtstag des Komponisten – Barrie Kosky in der Komischen Oper gelungen. Er hat aus der großen amerikanischen Operette, wie er sie bezeichnet, ein so intelligentes, menschliches und dabei perfekt getimtes Welttheater inszeniert, dass die Spannung in den über drei Stunden in keinem Moment nachlässt.
Voltaires Candide ist ein naiver junger Mann, der die Lehren seines Meisters Dr. Pangloss verinnerlicht hat und an die beste aller Welten glaubt. Als er wegen seiner Liebe zu Kunigunde, der Tochter seines Stiefonkels aus der Familie verstoßen wird, verschlägt es ihn auf eine abenteuerlich-aberwitzige Reise durch die Weltgeschichte. Dabei wird er mit Krieg, Mord und Totschlag und Naturkatastrophen konfrontiert, überlebt alle Widrigkeiten und bleibt Optimist.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Wie schon in seiner West-Side-Story-Inszenierung verzichtet Kosky auf Kulissen und setzt stattdessen auf eine ausgeklügelte Beleuchtung. Alessandro Carletti zaubert magische Stimmungen in dem von Rebecca Ringst gestalteten, leeren Bühnenraum, der je nach Bedarf mit Requisiten gefüllt wird, beispielsweise mit einem Henkersgerüst beim Autodafé oder Schlauchbooten für die Meeresdurchquerung. Zentrale Hingucker aber sind die Kostüme, die Klaus Bruns entworfen hat. Sie sind ein Traum an Fantasie und Farben, bieten auch Kontraste, wenn etwa eine Revuegirl-Reihe während der Inquisitionsszene vor düster-nebligem Hintergrund in knallblauem Outfit tanzt. Überhaupt das Ballett. Es ist gleichberechtigt in den Ablauf integriert, was angesichts der Bewegungsfantasie von Otto Pichler und dem Drive der Truppe nur zu begrüßen ist.
In diesem Ambiente entwirft Kosky einen Lebenskosmos aus zahlreichen Facetten. Er verschachtelt Historie und Gegenwart miteinander, zeigt auch Aktualitäten wie Frauenausbeutung oder Flüchtlingskrise. Dabei hält er immer die Balance zwischen Komik und Ernst, lässt auf die witzige Schulszene am Anfang einen Aufmarsch der Soldaten folgen, der in Kriegsgetümmel mündet.

Der erste Auftritt gehört Voltaire persönlich, der unter einer riesigen Perücke fast versinkt. Er führt in die Geschichte ein, moderiert sie und wird sie in Gestalt des Dr. Pangloss begleiten. Franz Hawlata serviert die umfangreichen Zwischentexte weise, verschmitzt zugleich und mit einer kabarettmäßigen Nonchalance, die man bei dem gestandenen Opernbassisten nicht vermutet hätte. Allan Clayton stolpert, einem arglosen Narren gleich, von einem Unglück ins nächste und gibt dazu eine Lektion, mit wieviel Pianokultur die Partie ausgestattet werden kann. Mit der Kunigunde hat Nicole Chevalier ihrem Repertoire eine weitere Glanzrolle zugefügt. Die Bravourarie Glitter and be Gay singt sie ganz lässig, dazu mit pointiertem Körpereinsatz. Was damit zu tun hat, dass Kosky die Szene in einem Bordell angesiedelt hat. Anne Sofie Otter, die als Obdachlose ausstaffiert ist, berichtet bei ihrem Entrée von dem Schrecklichen, das ihr widerfahren ist. Und dennoch, so ihre Erkenntnis: Das Leben ist lebenswert. Ein besonders berührender Moment, weil dabei die private Tragödie der Mezzosopranistin durchschimmert, die trotzdem bereits wieder auf der Bühne steht, mit ungebrochener stimmlicher und darstellerischer Präsenz. Alle anderen Solisten, darunter Tom Erik Lie als Straßenkehrer in Frauenkleidern, haben genauso ihren Anteil am Gelingen, wie auch der von David Cavelius einstudierte Chor.
Bernstein erweist in Candide der europäischen Musiktradition mit vielen Anspielungen die Ehre. Jordan de Souza dirigiert die stilistische Pluralität mit federleichter Hand und untrüglichem Sinn für Rhythmus, Dynamik und Tempo, wobei ihm das Orchester, das längst im Musical zu Hause ist, punktgenau folgt.
Diese bestmögliche Candide-Inszenierung beglückt und entlässt das hochgestimmte Publikum hinaus in die beste aller möglichen Welten.
Karin Coper