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Abschreckende Bilder

CARMEN
(Georges Bizet)

Besuch am
20. Januar 2018
(Premiere)

 

Deutsche Oper Berlin

Zur Einstimmung bekommt der Zuschauer einen bemalten Vorhang mit einem zersetzten Tierkopf, mit einem hohlen Auge, blutige Sehnen und Knorpel zu sehen. Ein Horrorbild für alle Vegetarier und sensible Seelen. Kaum geht der Vorhang auf, kommt das nächste unappe­tit­liche Bild – Carmen sitzt in ihrem roten Rüschen­kleid auf den Stufen der Stier­kampf­arena, und ein Stier hängt über ihr ab. Man ahnt, auch Carmen wird wie dieser Stier enden.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Regisseur Ole Anders Tandberg lässt die Aktion in einem Einheits­büh­nenbild auf einer Drehbühne statt­finden. Zeitweilig ist die runde Treppen­kon­struktion von Erlend Birkeland die Zigar­ren­fabrik, die Gebirgs­land­schaft der Kontra­ban­disten oder eben die Stier­kampf­arena. Knarzend scheint sich die Drehbühne immer dann zu drehen, wenn es musika­lisch am meisten stört. Tandberg lässt die Aktion in einer fiktiven Zeit, an einem fiktiven Ort statt­finden. Zusammen mit Kostüm­bild­nerin Maria Geber hat er sich da manches einfallen lassen: so ist manchmal Mexiko mit „Tag-der-Toten“-Kinderprozessionen angedeutet, dann aber stolzieren männliche Statisten in langen schwarzen Frauen­kleidern und aufwän­digen spani­schen Mantillas mit schwarzen Taschen grundlos über die Bühne. Carmen, Mercedes und Frasquita tragen folklo­ris­tisch identische Kostüme. Die Würde von einem Toreador wie Escamillo wird durch sein – zwar authen­ti­sches – grell gelbes Satin-Kostüm ins Lächer­liche gezogen und macht aus ihm eine Clowns­figur. Die zeitlos geklei­deten Geiseln im dritten Akt werden mit Augen­binden darge­stellt. Sie werden im Inter­mezzo zum dritten Akt von den Kontra­ban­disten lautlos abgeknallt und für den Organ­handel ausge­weidet. Das hat zur Folge, dass das wunderbare Karten-Terzett von Carmen, Mercedes und Frasquita zur Parodie wird – hier werden Nieren, Herzen und was es sonst so alles gibt, herum­ge­worfen und speku­liert, was die Zukunft so alles bringen wird. Sehr appetitlich oder lustig – im ethischen, musika­li­schen und drama­ti­schen Sinne – ist das alles nicht. Immerhin ist eine weitere logische Folgerung, dass Don José der nieder­ge­sto­chenen Carmen das Herz heraus­reißt und es als Trophäe hochhält. So ist es halt mit Parodien. Es wird alles ins Groteske gezogen. Muss die Insze­nierung deshalb die Menschen­würde verachten?

Foto © Marcus Lieberenz

Hoffnungs­voller stimmt die musika­lische Seite. Clémentine Margaine – zuletzt als Fidès in Le Prophète gefeiert – gibt eine kühle, fast arrogante Frau, die mit allen Männern ihren Spaß haben will, wohl wissend, dass ihr kein glück­liches Ende bevor­steht. Von Liebe oder tiefen Gefühle ist da keine Spur. Davon zeigt Charles Castronovo schon viel mehr. Mit seinem schönen lyrischen Tenor gibt er der armse­ligen Figur des Don José Glaub­wür­digkeit. Heidi Stober singt die dankbare Partie der Micaela mit viel Selbst­be­wusstsein. In diesen Tagen der „#metoo“-Debatte ist ihre erste Szene dann gleich­falls als Parodie einzu­stufen – die Solda­ten­garde deutet eine Verge­wal­tigung mit erigierten Gewehren an, die Micaela aber mit resoluten Bewegungen abwehrt. In ihrem Auftritt im dritten Akt ist sie die einzige, die sich über die herum­lie­genden, sezierten Leichen ekelt. Markus Brück als Escamillo bewältigt seine Partie mit Bravour. Auch seiner Rolle verlangt die Regie einiges ab: während seiner Arie im zweiten Akt schneidet er die Hoden eines auf der Bühne liegenden toten Stieres ab und präsen­tiert diese mit großem Gestus Carmen. Sie wiederum geht mit ihnen spiele­risch um und entledigt sich derer ganz einfach, indem sie sie in den Orches­ter­graben fallen lässt. Wenn das kein Zeichen ist, dass auch ihre Zuneigung für Escamillo nicht von Dauer sein wird …

Ivan Repušić führt das Orchester mit flottem Tempo voran, klar und präzise. Ab und zu wird es etwas zu laut, aber das erträgt die Insze­nierung durchaus. Aber er kann auch anders – Micaelas Arien werden mit Schmelz und Gefühl unterlegt. Jeremy Bines und Christian Lindhorst sorgen dafür, dass Chor und Kinderchor der Deutschen Oper wie immer exzellent musika­lisch vorbe­reitet sind.

Die Folgen der Havarie über Weihnachten, bei der die Bühne der Oper unter Wasser gesetzt wurde, sind vom Zuschauer nicht wahrzu­nehmen. Von den Anstren­gungen der Technik und des Hauses, den Inten­tionen des Regis­seurs dieser Produktion so treu wie möglich zu bleiben, merkt man nichts. Nur zwei längere – angesagte – Umbau­pausen lassen ahnen, dass hinter der Bühne noch nicht alles in Ordnung ist.

Die Buh-Rufe für das Regie-Team und bravi für die Sänger, Dirigent und Chor halten sich in etwa die Waage.

Zenaida des Aubris

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