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Sehnsucht in post-apokalyptischer Landschaft

DAPHNE
(Richard Strauss)

Besuch am
19. Februar 2023
(Premiere)

 

Staatsoper Unter den Linden, Berlin

Es schneit. Und schneit. Immerfort.  Eine leere, post-apoka­lyp­tische Landschaft mit an Caspar David Friedrich erinnerndes, fahles Licht hüllt die Bühne ein.  Nur ein einziger, kahler Baum deutet an, dass es vielleicht doch Leben gab. Wie aus einer anderen Welt tönen die Holzbläser in leicht erkenn­baren Strauss­schen Weisen aus dem Graben. Es schneit weiter, fast ununter­brochen durch das zweistündige Werk ohne Pause.

In dieser Landschaft spielt sich die Geschichte der Daphne ab: In ferner griechi­scher, mytho­lo­gi­scher Zeit ist sie die junge Tochter des Fischers Peneios und seiner Frau Gaea. Die Vorbe­rei­tungen für ein Frucht­bar­keitsfest zu Ehren Dyonisius‘ sind im Gang. Daphne fühlt sich in dieser Gesell­schaft befremdet, sie ist ein Naturkind. Ihr Jugend­freund, der Schäfer Leukippos, will ihr seine Zuneigung zeigen; sie lehnt diese ab. Ermuntert von ihren Freun­dinnen, kleidet sich Leukippos als Frau, um in Daphnes Nähe zu kommen. Auch der Gott Apollo ist von Daphne entzückt und erscheint als Hirte. Er umgarnt sie und verführt sie sogar zu einem Kuss, nach dem sie gleich flieht. Die Prozession zum Fest findet statt, Leukippos reicht Daphne einen Becher Wein, worauf Apollo eifer­süchtig reagiert und ein Unwetter aufziehen lässt, um den Feier­lich­keiten ein Ende zu setzen. Es kommt zwischen den Männern zu einem Showdown, Apollo tötet Leukippos. Daphne nimmt die Schuld dieser Aktion auf sich, worauf Apollo reumütig die Götter bittet, Leukippos in den Olymp aufzu­nehmen. Daphne wird in einen Baum verwandelt – sie wird eins mit der von ihr so geliebten Natur.

Foto © Monika Rittershaus

Romeo Castel­lucci, der für Regie, Bühnenbild, Kostüme und Licht verant­wortlich zeichnet, verrätselt und verdreht alles: diese arktische Landschaft ist nicht Griechenland, es gibt kein Anzeichen von den angesun­genen blühenden Reben, Daphne besingt den Tag und die Sonne, auf der Bühne entsteht höchstens ein angedeu­tetes abend­liches Glühen mit Wolken­schatten, die Natur im Winter­schlaf, alles ist kalt und verschneit. Die Hirten stampfen, dick in ihre Anoraks einge­hüllt, durch den Schnee. Nur Brocken eines Tempel­frieses und ein weiblicher Torso deuten auf eine längst verlorene Zivili­sation. Daphne, in ihrem unerbitt­lichen Drang, der Natur nahe zu stehen, entkleidet sich bis auf ihre knappen Dessous, trotzt der augen­schein­lichen Kälte und beschmiert sich mit Erde, um sich schließlich darin einzu­graben – sie wird die Wurzel des Baumes. Zuletzt wird eine überdi­men­sionale Abbildung des Titel­blatts von T. S. Elliots The Waste Land, erschienen 1922, also deutlich früher als die Urauf­führung von Daphne, sichtbar. Will uns Caste­lucci sagen, in unserer Gesell­schaft halten noch wenige Gestrige an längst überholte Tradi­tionen fest, nur Daphne bekennt sich zur trost­losen, von Klima­krisen gerüt­telten Wirklichkeit?

Auch menschlich kommen sich die Charaktere nicht nah – selbst wenn Apollo Daphne verführt, scheint das eher, als suchen zwei Wesen körper­liche Wärme, von Sinnlichkeit keine Spur. Für den Höhepunkt der diony­si­schen Feier­lich­keiten wird Daphne wider­willig auf einen Altar gelegt. Da kommen Erinne­rungen an Stravinskys Sacre du Printemps auf – aller­dings passen die fünf Tänze­rinnen im Daunen­s­ki­dress nicht wirklich dazu.

Castel­lucci scheint zielge­richtet gegen das Libretto zu arbeiten, dem Publikum zeigen zu wollen, dass alles auch eine entge­gen­ge­setzte Deutung haben kann. Ob das dem doch so selten gespielten Werk dienlich ist, darf man bezweifeln. Seit der Urauf­führung 1938 an der Semperoper in Dresden, hat sich das einaktige Werk mit einem Libretto von Joseph Gregor schwer­getan, einen Platz im gängigen Reper­toire der Opern­häuser zu finden.

Foto © Monika Rittershaus

Die Musik unter der Leitung von Thomas Guggeis ist unver­kennbar Richard Strauss mit seinen orches­tralen Farben und Vielstim­migkeit. Er kämpft teilweise mit der Akustik der komplett nach hinten offenen Bühne, wo sich die Stimmen der Sänger, sobald sie nicht an der Rampe stehen, im hohen Bühnenraum verflüch­tigen. Es gilt, eine Balance für Orchester und Sänger zu finden, damit beide im Zuschau­erraum gut vernommen werden.  Das ist besonders bei den tiefen Stimmen von René Pape und Anna Kissjudit deutlich.

Eindeu­tiger Star des Abends ist Vera-Lotte Boecker als Daphne mit glasklaren Kolora­turen. Schlank und zierlich, körperlich wie stimmlich, verkörpert sie die unschuldige Kindfrau, die den Männern unwill­kürlich den Kopf verdreht. Hätte Daphne noch einige Jahre gelebt und wäre sich dieser Gabe bewusst gewesen, wäre sie eine perfekte Lolita oder Salome geworden.

Anna Kissjudit ist die boden­ständige Mutter, die mit warmem Mezzo ihrer Tochter die gesell­schaft­lichen Konven­tionen – erfolglos – beibringen will. René Pape als Vater Peneios ist eine Luxus­be­setzung für die kleine Rolle. Leukippos ist der verliebte jugend­liche Freund, der durch den frischen und schlanken Tenor von Magnus Dietrich verkörpert wird. Tenor Pavel Černoch tritt als sein Rivale und erfah­rener Gott Apollo mit masku­linem Gebaren auf.

Übrigens:  Ein großes Lob an die Schnee­spe­zia­listen unter den Technikern. So einen eindrucks­vollen, lebens­echten, ästhe­ti­schen Schneefall gibt es nicht oft. Erst große Flocken, dann kleine – und die passende sanfte Beleuchtung – geben dem trost­losen Bühnenbild eine melan­cho­lische Schönheit.

Zenaida des Aubris

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