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DIDO & AENEAS
(Henry Purcell)
Besuch am
3. November 2019
(Premiere am 19. Februar 2005)
Nach der fulminanten Aufführung von King Arthur finden die Staatsoper-Barock-Tage mit Purcells einziger Oper Dido & Aeneas auf ambitionierte Weise ihre Fortsetzung. So ingeniös die Komposition, so lebendig und frisch die Inszenierung und Choreografie von Sasha Walz. Es ist nach der Uraufführung 2005 sowie nach zahlreichen Gastspielen weltweit die 31. Vorstellung in Berlin.
Inzwischen hat die Inszenierung mit ihrer gelungenen Symbiose von Musik, Tanz und Spiel Kultstatus gewonnen. Dass das die Tänzerinnen und Tänzer der Compagnie Sasha Waltz & Guests, das Vokalconsort Berlin und die Musikerinnen und Musiker der Akademie für Alte Musik Berlin nicht in ruhmumwehter Nonchalance ruhen lässt, beweist die Aufführung an diesem Abend eindrucksvoll. Selbst einige tänzerische Ungenauigkeiten trüben nicht den Gesamteindruck. Sie zeugen vielmehr von einem unbedingten Gestaltungswillen.
Das Libretto von Nahum Tate nach dem 4. Gesang der Aeneis von Vergil erzählt die römische Odyssee des Aeneas nach dem Trojanischen Krieg. Er flieht über das Mittelmeer nach Karthago mit dem Auftrag des Zeus, in Italien ein neues Reich zu gründen. Die Liebe zu der verwitweten Königin Dido wird zum Fatum der aufkeimenden Liebe zwischen Aeneas und Dido. Dem Helden wird nach Jupiters Willen aufgetragen, sofort nach Italien zu segeln und der göttlichen Bestimmung zu folgen. Im Selbstzweifel zwischen göttlichem Auftrag und irdischer Liebe gefangen, wird er durch den als Hexe verkleideten Merkur unmissverständlich an seine Mission erinnert.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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Aeneas segelt zur Erfüllung des Gründungsmythos nach Rom – und opfert dafür die Liebe zu einer Frau. Sein halbherziges Angebot, in Karthago trotzdem zu bleiben, lehnt Dido mit dem Verweis auf Treulosigkeit als Strafe des Himmels ab. Sie stirbt. Ob an gebrochenem Herzen oder im Selbstmord wird in der Mythologie unterschiedlich erzählt. Das Feuer einer Selbstopferung, wie sie in Vergils Versen auftaucht, übersetzt die Inszenierung im letzten Bild mit der Entzündung von fünf Kerzen durch Didos Vertraute Belinda.
Dido & Aeneas, noch vor den vier von Purcell überlieferten Semi-Opern als Oper mit etwa zwölf Tänzen komponiert, erweist sich als choreografische Steilvorlage für Waltz‘ Inszenierung. Sie verdichtet Stimme, Wort und Tanz zu einer assoziativ rätselhaften wie gleichwohl originell inspirierten Aufführung. Nicht nur die Rollen sind mit Sängern und Tänzern doppelt und mehrfach besetzt. Auch der Männerchor des Vokalkonsorts ist als Sänger und Tänzer doppelt gefordert. Sänger und Tänzer verleihen der Inszenierung eine dynamisierende Gruppenkraft.
Ergänzt durch von Waltz aus dem Purcell-Musikkonvolut hinzu erfundenen Tänzen, erweitert sich nicht nur die eigentliche Aufführungszeit von 60 auf 90 Minuten. Ihr Inszenierungsanspruch reicht weiter als jener der Original-Oper, der lediglich als Lückenfüller gedacht ist. „Ich will nicht nur über die Sänger die Geschichte erzählen, sondern auch über die Bilder und Gesten, über die ganz eigene Sprache des Tanzes, die die Musik ergänzt“, formuliert Waltz ihren Anspruch.
Choreografierte Tanzeinlagen, währenddessen die Musik schweigt, brillieren mit athletischer Leichtigkeit, beeindrucken ästhetisch, raunen enigmatisch, verwirren vorerst als selbstreferentielles Narziss-Zwischenspiel. Momente später löst sich die Choreografie aus ihrer Rätselhaftigkeit. Die Mythologie des Narziss‘ als dem schönen Sohn des Flussgottes Kephissos und der Leiriope, der zugunsten der Selbstverliebtheit die Liebe zu anderen zurückverweist, wird durch das Bühnenbild des Prologs auf grandiose Weise geklärt und erklärt.
Die von Attilio Cremonesi rekonstruierte Oper, ergänzt durch Zitate aus anderen Purcell-Musiken, ausgewählte Welcome Songs sowie Musikstücke aus King Arthur, beginnt mit einem ebenfalls von ihm rekonstruierten Prolog-Text aus Monologen und Dialogen. Beginnend ohne Musik, setzt sie rezitativ mit Chorstücken und tänzerischen Duetten ein.
Von einer Plattform über dem seit der Uraufführung von Medien und Kritik ikonografisch nobilitierten Wasserbecken aus zeichnet die Inszenierung mit einer emblematischen Metaphorik. Erst ein Tänzer, dem nach und nach mehre Tänzerinnen und Tänzer folgen, springt kopfüber ins Becken. Gleichsam im Wasser tanzend, überwältigt Waltz‘ Choreografie die Staatsopernbesucher mit poetischer Anmut und Grazie. Schönheit in Bewegung und Sanftmut, die im Luftholen der Wassertänzer, in ihren sich immer wieder auflösenden Unterwasserumarmungen schon das kommende Schicksal antizipieren.

Immer niedriger sinkt der Wasserstand. Mit dem letzten Tänzer, der aus dem Restwasser steigt, ist die schöne Illusion vorbei. Bühnenarbeiter schieben das Wasserbecken von der Bühne. Das Aeneas-Dido-Drama nimmt, schnörkellos minimalistisch erzählt, seinen Lauf.
Christopher Moulds gießt mit der Akademie für Alte Musik einen geradezu verschwenderisch gefüllten Krug barocker Klangfülle aus. Arien, Duette, Chorsätze, Tänze knüpfen einen harmonisch gewebten, atmosphärisch dichten Klangteppich von Melodik, Stimme und Bewegung. Betrachtet man die solistischen Gesangsanteile, fällt auf, dass Männer in dieser Oper eine eher unauffällige Rolle spielen. Von Thilo Reuther empathisch ins Licht gesetzt, dominieren starke Frauen, von Männern allein gelassen.
Nikolay Borchev als Aeneas ist außer den Tänzern der einzige Mann auf der Bühne. Die Komposition gibt ihm nur wenige Gelegenheiten, die farbig satte Mitte seines Baritons strahlen zu lassen. Selbst Marie-Claude Chappuis in der Rolle der Dido, quer zur suggerierten titelgebenden Erwartung, hat relativ eingeschränkte Partieanteile. Gleichwohl gestaltet sie das Lamento der Dido, die vielleicht berühmteste Barock-Sopran-Arie, mit unter die Haut gehender Expressivität. Ihr seidig schimmernder Sopran ist ein Beweis von der emotionalen Macht der Musik.
Komponist Purcell und Librettist Tate messen den Spiel- und Gesangsanteilen nach Belinda, der Vertrauten der Dido und der Second Woman eine größere Handlungspräsenz zu. Dido selbst arrondiert mit ihrem Ah! Belinda I am prest … schon nach der Ouvertüre zu Beginn des ersten Aktes das Aktionsfeld. Die Soprane von Aphrodite Patoulidou und Lucianna Mancini strahlen mit melancholischem als auch kraftvollem Timbre. Ihre Tänzerinnen-Double Sasa Queliz und Maria Marta Colusi reflektieren den Mythos von Liebe, die in Hass umschlägt, als Metapher von Vertriebenen und Flüchtenden in Zeiten des Krieges mit differenziert ziselierten Körperbewegungen. Virtuosität, gemünzt sowohl als behütender Schatten als auch vorwärts treibender Impuls.
Mit stürmischem Applaus feiert das Publikum in der bis auf den letzten Platz besetzten Staatsoper eine Aufführung, die Ohren, Augen und Gefühle weit öffnet.
Peter E. Rytz