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DON QUICHOTTE
(Jules Massenet)
Besuch am
7. Juni 2019
(Premiere am 30. Mai 2019)
Vor einigen Jahren gab es auf den Opernbühnen die Tendenz zu unendlich vielen Trenchcoats, leeren Koffern, ganzen Tür-Reihen, zu viel Unterwäsche. Jetzt scheinen überdimensionierte Masken und vermenschlichte Tiere Konjunktur zu haben: Hans Neuenfels mit seinen Lohengrin-Ratten in Bayreuth, Barrie Kosky mit den Tieren in Mussorgskis Jahrmarkt von Sorotschinzi oder das Volk in M – eine Stadt sucht einen Mörder, Achim Freyer mit den Kopffüsslern in Hänsel und Gretel. In der Neuinszenierung von Don Quichotte von Jakop Ahlbom findet man irisierende Käfer, kopflose Menschen und andere Körperteile, die auf der Bühne herumpoltern. Gute Maskenmacher – vermutlich sind sie in der Requisitenabteilung zu Hause – sind gefragt.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Das nur nebenbei als generelle Bemerkung. Zurück zur Neuproduktion von Don Quichotte von Jules Massenet, uraufgeführt in Monte Carlo 1910, die die 1904 geschriebene Geschichte des Ritters der langen Figur von Jacques Le Lorrain als comédie-héroïque erzählt. Es ist diese literarische Vorlage, die Henri Cain für Massenet verarbeitet hat und nur indirekt auf das 1605 gedichtete Original von Miguel de Cervantes zurückgreift. Der Hauptunterschied liegt in der Darstellung von Dulcinea – bei Lorrain und auch Cain und Massenet ist sie durchaus eine Frau von Fleisch und Blut und nicht nur ein Traum wie im Text von Cervantes.
Jakop Ahlbom vereint die Musik mit seinen eigenen Elementen von Theater, Pantomime, Tanz, Musik und Illusion und platziert die Geschichte in einer stillosen, minimalistischen Bar, gestaltet von Katrin Bombe, in der die Damen und Herren des Chores, Tänzer und Akrobaten die blass-pastellfarbenen, identischen von Katrin Wolfermann entworfenen Anzüge tragen. In dieser persönlichkeitslosen Landschaft fallen Don Quichotte mit Elton-John-ähnlichen Outfits und Sancho Pansa schon auf.

Eigentlich ist es eine sentimentale Geschichte von nicht erwiderter Liebe, von Vergänglichkeit, vom Zurechtkommen mit den Ängsten des Alterns. Komik und Melancholie sind Bettgenossen und bei Ahlbom allemal – in der Kunst und Literatur ist Don Quichotte immer als langer Lulatsch dargestellt – hier ist es der zierliche wirkende Alex Esposito. Als sein Gegenspieler Sancho Pansa, der großgewachsene – zumal auch auf Kothurnen – wirkt Seth Carico. Beide Darsteller sind Bassbaritone, und da ergeben sich vokale Synergien, die wiederum auf die psychologische Verwandtschaft der Charaktere deuten lassen. Carico darf auch noch, mit einer abnehmbaren Maske eines Pferdekopfes, als Reittier von Quichotte fungieren. Clémentine Margaine als Oberkellnerin Dulcinée setzt ihren musikalischen Mezzo bodenständig ein. Sie weiß, wie man mit diesen verträumten Gestalten umgeht – zumal sie von diversen Verehrern umschwärmt ist, da ist Don Quichotte nur einer mehr. Der als Illusionist bekannte Regisseur setzt einen wunderschönen Akzent, nachdem Don Quichotte seine Dulcinée mit roten Rosenblättern überschüttet und ihr Kleid sich schlagartig – magisch – von weiß in rot verwandelt. Der Chor, von Jeremy Bines einstudiert, kommentiert gekonnt ständig das Geschehen.
Dirigent Emmanuel Villaume lässt den konzentrierten musikalischen Stil von Massenet, der damals auf der Welle der Liebe zu allem Spanischen ritt, im Orchester mit Eleganz und Vielfarbigkeit erklingen – besonders schön das Cello-Solo im Zwischenspiel zum fünften Akt, das emotionsgeladen das gebrochene Herz von Don Quichotte musikalisch beschreibt.
Akrobatik, Masken, Kellner, Käfer, Karnevalshütchen und Mini-Windmühlen machen aber noch lange keine Inszenierung mit Herz. Es flammt kein Mitleid oder gar Empathie für Don Quichotte und seine verfehlte Liebe zu Dulcinée auf. Vielleicht hat es mit der fast durchgehend einheitlichen, grellen, weißen Beleuchtung von Ulrich Niepel zu tun, vielleicht will der Regisseur uns aufzeigen, dass die Zeit dieses Klassikers der Literaturwelt endgültig vorbei ist und alles nur ironisch kalt erzählt werden kann.
Das Publikum würdigt die Darsteller mit kurzem Applaus.
Zenaida des Aubris