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William Shakespeares Komödie A Midsummer Night’s Dream ist als Schauspiel, Konzertmusik und Ballett ungebrochen populär. Der Sommernachtstraum hat parallel in der Musik- und Ballettgeschichte eine nachhaltige Spur hinterlassen. Felix Mendelssohn-Bartholdys gleichnamige Ouvertüre, insbesondere durch den in ihr enthaltenen Hochzeitsmarsch ist für Ballett-Adaptionen als programmatisch stilbildend anzusehen. Sie reichen vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Legendäre Inszenierungen von George Balanchine 1962, von John Neumeier 1977 und Jan Christophe Maillot 2005 sind der Geschichte von Traum und Wirklichkeit aus verschiedenen Blickwinkeln gefolgt.
Edward Clug setzt mit dem Staatsballett Berlin choreografisch nicht nur dort fort, wo jene Heroen choreografische Sommernachts-Maßstäbe gesetzt haben. Zusammen mit dem in Jazz sowie Klassik ausgebildeten Komponisten Milko Lazar entwickeln sie außergewöhnliche Klang- und Bewegungsräume. Musik und Choreografie erzählen ein Märchen, das zwischen dem Übersinnlichen, der Geisterwelt und der Wirklichkeit ein Netz von changierenden Lebenslinien zieht. Keine Grenzlinie zwischen dem aufgeklärten Geist einer letztlich immer nur scheinbaren Logik des Lebens und dem Fantastischen.

Vielmehr plädiert die Aufführung für mehr Mut zu träumerischer Freiheit, ohne sich einer auch im Kunst- und Kulturbetrieb zu beobachtenden Eventisierungssucht anzudienen. Dass Clug und Lazar mit ihrer Zusammenarbeit seit 2008 aus dem südost-europäischen, slowenischen Außenraum heraus – Clug leitet das Nationalballett in Maribor seit 2003; Lazar ist dort geboren – die Ballettwelt aufmischen, ist jetzt in Berlin mit diesem Sommernachtstraum grandios beeindruckend angekommen. Und nicht nur sie allein. Mitgekommen sind der Bühnenbauer Marko Japelj, der Lichtdesigner Tomaž Premzl sowie Video-Künstler Rok Predin. Vervollständigt wird das Team vom seit Jahrzehnten in der Zusammenarbeit mit Clug bewährten Kostümbildner Leo Kulaš.
Der Werkprozess steht prototypisch für eine Zusammenarbeit des Austausches von konstruktiven Ideen. Die in Lazars Studio digital entstandenen Musikfacetten verdichtet Clug im gemeinsamen Anhören zu tänzerischen Sequenzen. Im weiteren Prozess, der bis in die unmittelbare Aufführung fortgesetzt werden kann, übersetzt Lazar sie in eine Orchesterpartitur. Sehr unterschiedliche musikalische Elemente konfigurieren einen enigmatischen Sound. Minimal Music, romantische Kantilenen, Metronome-Beat-Monotonie, Drumset- und Piano-Soli fügt Victorien Vanoosten am Pult des Orchesters der Deutschen Oper Berlin zu einem orchestralen Narrativ von Tutti-Fortissimo bis zu einem piano possibile. In einzelnen Szenen schweigt das Orchester. Aus dem Off werden Electronics eingespielt oder auch Grillen zirpen –im Programmbuch verzeichnet als inspirierendes Naturerlebnis während des slowenischen Arbeitsprozesses von Choreograf und Komponist. Der magische Auftritt des Corps de ballet wird begleitet von Kirchenglocken sowie einem Schritt- und Marschrhythmus, erzeugt durch mit Reiskörnern gefüllten und geschwenkten Eimern.
Die Frage, womit der dramatische Sommernachtstraum-Text seine künstlerische Wirkmächtigkeit als Ballett legitimiert, beantwortet die Dramaturgin Katja Wiegand mit selbstironisch schelmischer Selbstverständlichkeit: „… und sie tanzen. Ist bei Shakespeare zu lesen“. Das Staatsballett tanzt körperlich vital mit ästhetisch betörender Anmut und expressiver Ausdrucksvielfalt. Die Bühne, ein blau-violett schimmernder Rundbau mit einem mobilen Felsvorsprung, trennt auf der hinteren Wand durch eine kleine Tür die Geistertraumwelt von der erzählten, antiken Märchenrealität.

Das Tänzerische wechselt mit Bewegungen auf einem Wave-Board. Ein mobil gehandhabter Operationstisch bildet eine Spielbühne in der Bühne für die von den Handwerkern eingeübte Aufführung der Mythologie von Pyramus und Thisbe, eine Variation der Sommernachtstraum-Erzählung, zur Hochzeit von Theseus und Hippolytia. Elemente der Commedia dell’arte gereichen Ross Martinson, Erick Swolkin, Dominik White Slavkovsky, Achille De Groeve und Wolf Hoeyberghs zu einer Slapstick-Tanzbravour mit Esprit. Final assoziiert ein Riesenkäfer das Verwandlungsmotiv aus Franz Kafkas berühmter Geschichte.
Für die raumgreifend erzählte wie ausdrucksstark differenzierende Choreografie hat sich Clug mit dem Staatsballett Berlin exquisit motivierter Tänzer als gestaltende Partner versichert. Die Choreografie überzeugt vor allem mit einer Konzeption, die die Auftritte des Corps de ballet mit denen der Solisten szenisch kongenial harmonisiert. Wenn der künstlerische Charakter der Inszenierung wesentlich und verlässlich auf die Ausdruckskraft des Corps de ballet baut, sind exzellente Solisten, beinahe ist man geneigt zu sagen, eine Selbstverständlichkeit. Aus diesem Ensemble einzelne hervorzuheben, begründet sich einzig und allein in der Auftrittszeit der Rollencharaktere.
In Clugs Interpretation tanzen Weronika Frodyma sowohl Hippolytia wie Titania und Cohen Aitchison-Dugas in der Doppelrolle Theseus und Oberon charaktervoll temperiert wie geschmeidig in den Passagen im Wechsel von Nähe und Ferne aufeinander abgestimmt. Die sich verlierenden und wiederfindenden Paare Demetrius und Hermia, dargestellt von Matthew Knight und Riho Sakamoto, sowie Lysander und Helena, interpretiert von Kalle Wigle und Danielle Muir, akzentuieren Irritation, Täuschung und Hoffnung rollengerecht stilvoll.
Leroy Mokgatle tanzt Puck mit einer überwältigenden Empathie als Irrwisch liebestoller Tugend und zärtlicher Liebeserfüllung. Die Grenzen zwischen Liebe, Täuschung und Selbstfindung scheinen sich aufzulösen. Am Ende senkt sich der Vorhang zwischen Puck und Theseus. Puck bleibt allein in der Dunkelheit zurück.
Diese Ballett-Premiere gehört wahrscheinlich zu den Höhepunkten der Spielzeit nicht nur an der Spielstätte Deutsche Oper Berlin.
Peter E. Rytz