Und sie tanzen

EIN SOMMERNACHTSTRAUM
(Edward Clug)

Besuch am
21. Februar 2025
(Premiere)

 

Deutsche Oper Berlin

William Shake­speares Komödie A Midsummer Night’s Dream ist als Schau­spiel, Konzert­musik und Ballett ungebrochen populär. Der Sommer­nachts­traum hat parallel in der Musik- und Ballett­ge­schichte eine nachhaltige Spur hinter­lassen. Felix Mendelssohn-Bartholdys gleich­namige Ouvertüre, insbe­sondere durch den in ihr enthal­tenen Hochzeits­marsch ist für Ballett-Adaptionen als program­ma­tisch stilbildend anzusehen. Sie reichen vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Legendäre Insze­nie­rungen von George Balan­chine 1962, von John Neumeier 1977 und Jan Chris­tophe Maillot 2005 sind der Geschichte von Traum und Wirklichkeit aus verschie­denen Blick­winkeln gefolgt.

Edward Clug setzt mit dem Staats­ballett Berlin choreo­gra­fisch nicht nur dort fort, wo jene Heroen choreo­gra­fische Sommer­nachts-Maßstäbe gesetzt haben. Zusammen mit dem in Jazz sowie Klassik ausge­bil­deten Kompo­nisten Milko Lazar entwi­ckeln sie außer­ge­wöhn­liche Klang- und Bewegungs­räume. Musik und Choreo­grafie erzählen ein Märchen, das zwischen dem Übersinn­lichen, der Geisterwelt und der Wirklichkeit ein Netz von changie­renden Lebens­linien zieht. Keine Grenz­linie zwischen dem aufge­klärten Geist einer letztlich immer nur schein­baren Logik des Lebens und dem Fantastischen.

Foto © Yan Revazov

Vielmehr plädiert die Aufführung für mehr Mut zu träume­ri­scher Freiheit, ohne sich einer auch im Kunst- und Kultur­be­trieb zu beobach­tenden Eventi­sie­rungs­sucht anzudienen. Dass Clug und Lazar mit ihrer Zusam­men­arbeit seit 2008 aus dem südost-europäi­schen, slowe­ni­schen Außenraum heraus – Clug leitet das Natio­nal­ballett in Maribor seit 2003; Lazar ist dort geboren – die Ballettwelt aufmi­schen, ist jetzt in Berlin mit diesem Sommer­nachts­traum grandios beein­dru­ckend angekommen. Und nicht nur sie allein. Mitge­kommen sind der Bühnen­bauer Marko Japelj, der Licht­de­signer Tomaž Premzl sowie Video-Künstler Rok Predin. Vervoll­ständigt wird das Team vom seit Jahrzehnten in der Zusam­men­arbeit mit Clug bewährten Kostüm­bildner Leo Kulaš.

Der Werkprozess steht proto­ty­pisch für eine Zusam­men­arbeit des Austau­sches von konstruk­tiven Ideen. Die in Lazars Studio digital entstan­denen Musik­fa­cetten verdichtet Clug im gemein­samen Anhören zu tänze­ri­schen Sequenzen. Im weiteren Prozess, der bis in die unmit­telbare Aufführung fortge­setzt werden kann, übersetzt Lazar sie in eine Orches­ter­par­titur. Sehr unter­schied­liche musika­lische Elemente konfi­gu­rieren einen enigma­ti­schen Sound. Minimal Music, roman­tische Kanti­lenen, Metronome-Beat-Monotonie, Drumset- und Piano-Soli fügt Victorien Vanoosten am Pult des Orchesters der Deutschen Oper Berlin zu einem orches­tralen Narrativ von Tutti-Fortissimo bis zu einem piano possibile. In einzelnen Szenen schweigt das Orchester. Aus dem Off werden Electronics einge­spielt oder auch Grillen zirpen –im Programmbuch verzeichnet als inspi­rie­rendes Natur­er­lebnis während des slowe­ni­schen Arbeits­pro­zesses von Choreograf und Komponist. Der magische Auftritt des Corps de ballet wird begleitet von Kirchen­glocken sowie einem Schritt- und Marsch­rhythmus, erzeugt durch mit Reiskörnern gefüllten und geschwenkten Eimern.

Die Frage, womit der drama­tische Sommer­nachts­traum-Text seine künst­le­rische Wirkmäch­tigkeit als Ballett legiti­miert, beant­wortet die Drama­turgin Katja Wiegand mit selbst­iro­nisch schel­mi­scher Selbst­ver­ständ­lichkeit: „… und sie tanzen. Ist bei Shake­speare zu lesen“. Das Staats­ballett tanzt körperlich vital mit ästhe­tisch betörender Anmut und expres­siver Ausdrucks­vielfalt. Die Bühne, ein blau-violett schim­mernder Rundbau mit einem mobilen Felsvor­sprung, trennt auf der hinteren Wand durch eine kleine Tür die Geister­traumwelt von der erzählten, antiken Märchenrealität.

Foto © Yan Revazov

Das Tänze­rische wechselt mit Bewegungen auf einem Wave-Board. Ein mobil gehand­habter Opera­ti­ons­tisch bildet eine Spiel­bühne in der Bühne für die von den Handwerkern eingeübte Aufführung der Mytho­logie von Pyramus und Thisbe, eine Variation der Sommer­nachts­traum-Erzählung, zur Hochzeit von Theseus und Hippo­lytia. Elemente der Commedia dell’arte gereichen Ross Martinson, Erick Swolkin, Dominik White Slavkovsky, Achille De Groeve und Wolf Hoeyberghs zu einer Slapstick-Tanzbravour mit Esprit. Final assoziiert ein Riesen­käfer das Verwand­lungs­motiv aus Franz Kafkas berühmter Geschichte.

Für die raumgreifend erzählte wie ausdrucks­stark diffe­ren­zie­rende Choreo­grafie hat sich Clug mit dem Staats­ballett Berlin exquisit motivierter Tänzer als gestal­tende Partner versi­chert. Die Choreo­grafie überzeugt vor allem mit einer Konzeption, die die Auftritte des Corps de ballet mit denen der Solisten szenisch kongenial harmo­ni­siert. Wenn der künst­le­rische Charakter der Insze­nierung wesentlich und verlässlich auf die Ausdrucks­kraft des Corps de ballet baut, sind exzel­lente Solisten, beinahe ist man geneigt zu sagen, eine Selbst­ver­ständ­lichkeit. Aus diesem Ensemble einzelne hervor­zu­heben, begründet sich einzig und allein in der Auftrittszeit der Rollencharaktere.

In Clugs Inter­pre­tation tanzen Weronika Frodyma sowohl Hippo­lytia wie Titania und Cohen Aitchison-Dugas in der Doppel­rolle Theseus und Oberon charak­tervoll tempe­riert wie geschmeidig in den Passagen im Wechsel von Nähe und Ferne aufein­ander abgestimmt. Die sich verlie­renden und wieder­fin­denden Paare Demetrius und Hermia, darge­stellt von Matthew Knight und Riho Sakamoto, sowie Lysander und Helena, inter­pre­tiert von Kalle Wigle und Danielle Muir, akzen­tu­ieren Irritation, Täuschung und Hoffnung rollen­ge­recht stilvoll.

Leroy Mokgatle tanzt Puck mit einer überwäl­ti­genden Empathie als Irrwisch liebes­toller Tugend und zärtlicher Liebes­er­füllung. Die Grenzen zwischen Liebe, Täuschung und Selbst­findung scheinen sich aufzu­lösen. Am Ende senkt sich der Vorhang zwischen Puck und Theseus. Puck bleibt allein in der Dunkelheit zurück.

Diese Ballett-Premiere gehört wahrscheinlich zu den Höhepunkten der Spielzeit nicht nur an der Spiel­stätte Deutsche Oper Berlin.

Peter E. Rytz

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