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ELEKTRA
(Richard Strauss)
Besuch am
27. Januar 2019
(Premiere am 23. Oktober 2016)
Hinter dem verdunkelten Orchestergraben hebt sich der Vorhang. Eintönig kratzende Geräusche in der Stille, die von einem Strohbesen herrühren. Stumpfsinnig ordentlich, fegt im Halblicht eine Frau fünf Stufen. Sie führen von einem teilweise im Schatten liegenden Hinterhof auf einen Platz. Eine Tür im Dunkel, die ins Schloss führt.
Die Szenerie ein düsterer, gefängnisartiger Unort, bevölkert von gehässig keifenden, wasserschöpfenden Mägden. Unter ihnen, sich in die hinteren Hofwinkel versteckend, die von ihrer vatermordenden Mutter Klytämnestra gedemütigte Elektra.
Dieses gespenstisch nachtschwarze Bild wird in der Staatsoper Berlin mit dem Auftakt von Richard Strauss‘ Oper Elektra – Spot an im Orchestergraben! – indirekt beleuchtet. Hell und Dunkel, Licht und Schatten kontrastieren in der Lichtregie von Dominique Bruguière und Gilles Bottacchi die Tragödie des griechischen Atridengeschlechts in der sprachmächtigen Fassung von Hugo von Hoffmannsthal und mit der die Grenzen der Harmonik streifenden, dramatisch expressiven Musik von Richard Strauss.
Dicht gedrängt ein 110 köpfiger, mit 40 Blechbläsern gleichsam blechgepanzerter Orchesterapparat im Graben, verdichtet Daniel Barenboim mit der Staatskapelle Berlin die legendäre Inszenierung von Patrice Chéreau zu einem mythischen Klang- und Hörerlebnis. Er ringt der gewaltigen Partitur musikalisch intelligent eine rauschhafte Klangfülle ab. Das Blech klingt kraftvoll mit Volumen, wie auch die Holzbläser markante Zäsuren im Dialog mit den Streichern gestalten.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Neben wuchtig laut tönenden, nachtschwarzen, blutrünstig stöhnenden, angstverzerrten Passagen wechselt die Staatskapelle elegant in lyrisch gestimmte Passagen und Zwischenmusiken. Ihr Klang konterkariert die Archaik der Partitur, indem sie vielfach geschmeidige Übergänge zu den bizarr kreischenden und brodelnden polyphonen Klanggrenzen schafft.
Barenboims über Jahrzehnte sublimierte Elektra-Erfahrung geriert sich mit dieser Aufführung zu einer Hommage an seinen kongenialen Freund Patrice Chéreau. Aber sie umfasst noch viel mehr. Sie rückt mit einer Gedenkminute vor Vorstellungsbeginn an den vor wenigen Tagen verstorbenen Theo Adam ins Bewusstsein, welche Bedeutung Elektra für die Staatsoper beispielhaft für das Musikleben dieser Stadt hat.
Strauss leitet, mit dem Gewicht seiner Salome- und Elektra-Erfolge im Rücken, zwölf Jahre lang die preußische Hofoper, den Vorgänger der Staatsoper. Theo Adam, dem Haus mehr als vier Jahrzehnte verbunden, debütiert mit der Rolle des Orest in Elektra. Patrice Chéreau verstirbt während der Vorbereitungen der Elektra-Premiere 2013. Ein Elektra-Vermächtnis, dass von Barenboim mit Aufsehen erregenden Aufführungen weltweit mit unnachahmlicher Distinktion und konziser Prägnanz lebendig gehalten wird.
Dass die durch Chéreaus Vertrauten Vincent Huguet szenisch neu einstudierte Elektra mit dem 94-jährigen Franz Mazura in der Rolle des Pflegers von Orest eine weitere Staatsoper-Legende auf die Bühne holt, nobilitiert die Inszenierung zu einer veritabel veredelten Arbeit am Mythos Elektra.
Mit Elektra, einer hochdramatischen Sopranpartie und gleichermaßen jener der Chrysothemis sowie mit dem narrativ lyrischen Klytämnestra-Mezzosopran wird das enigmatische Rache-Ringen nach Agamemnons Tod allein von Frauen ausgetragen. Erst nach 60 Minuten mischen sich Männer ein. Orest als Rächer, Aegisth als Opfer.

Ricarda Merbeth ist eine von Rachegedanken besessene Elektra. Körpersprache und Gesang charakterisieren eine Frau, die in unheilvoller Selbstpeinigung nur noch mit dem Gedanken, Klytämnestra zu töten, leben kann. Merbeths Gesang, so meint man zu hören und zu sehen, spritzt zähnefletschend Gift und Galle. Grenzenlos wütend, klirrt, scheppert, donnert ihr Sopran, wie er sich für Momente auch larmoyant zweifelnd zurücknimmt, um sich sofort wieder mit berserkerhafter Urgewalt dem Rachegedanken hinzugeben. Sie moduliert ihren Sopran mit bisweilen quälender Unbedingtheit. Durchgängig auf Dauer bis zum Schluss auf der Bühne, leistet sie auch körperlich Außergewöhnliches.
Der dunklen Elektra steht ihre Schwester Chrysothemis als lichte Gestalt gegenüber. Sie will endlich vergessen und allein nur noch selbst Mutter sein. Vida Miknevičiūtės verkörpert mit ihrem extrem höhenambivalenten, klangfarbig formvollendeten Sopran eine außergewöhnlich präsente Chrysothemis. So verschieden Merbeth und Miknevičiūtės hinsichtlich Statur und Stimme sind, bilden sie ein rollenrelevant kontrastierendes Schwesternpaar der Elektra-Extraklasse.
Waltraud Meier ist eine formidable Klytämnestra. Wie sie mit ihrem charismatischen Mezzosopran die Verzweiflung ausdrückt, in ihrer Rolle als Mutter, Königin und Mörderin hin und her gerissen, ist einfach großartig. Ihr Mezzosopran umspannt atonale Ausdrucksgrenzen, die bis an die Grenze zum Alt reichen. Akzentuiert setzt sie seufzend, fragend und drohend gebrochene Akkorde nebeneinander, die zwischen Wachen und Träumen letztliche eine verlorene Klytämnestra zeigen.
In der von Frauen bestimmten Familien-Blut-Fehde hat das Libretto den Männern, außer Orest, von Réne Pape in gewohnter Präsenz gesungen, wenig Raum gegeben. Gemeinsam mit Stephan Rügamers Aegisth bleiben sie Randfiguren in einer von virtuosen Solistinnen bestimmten Aufführung.
Eine Aufführung, die das Archaische im Licht von Sigmund Freuds Traumdeutungen mit Musik zur Sprache bringt, ohne vordergründig mit philosophischem Hochmut zu polemisieren. Sie wird zu Recht am Ende mit Riesenbeifall überschüttet.
Peter E. Rytz