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Die Staatsoper Unter den Linden hat ihre diesjährigen Festtage mit einer Neuproduktion von Giuseppe Verdis Falstaff eröffnet – die ersten Festtage im frisch renovierten Haus. Weitab vom idyllischen englischen Windsor findet diese Inszenierung von Mario Martone statt. Er hat die Geschichte des alternden Dandys in eine urbane Umgebung verlegt. Man könnte sogar meinen, mitten in Berlin, mit vielen Graffitiwandbemalungen, befinde sich die Spelunke, wo Falstaff verlottert herumlungert, seinen Wein genießt und Pläne ausheckt, wie er seine Finanzen aufbessern kann und auf die Idee kommt, die schöne, reiche Alice und auch gleich ihre Freundin Meg zu verführen. Die wiederum lebt in einer Luxusvilla, wo Bühnenbildnerin Margherita Palli sogar ein funktionsfähiges Schwimmbad eingelassen hat, und wo die Damen der gehobenen Gesellschaft in ihren Bikinis und Pareos ihren vom Hausdiener servierten Champagner genüsslich süffeln. Als dann Falstaff zum Rendez-vous in der Villa erscheint und von der unerwarteten Rückkehr des Hausherren überrascht wird, wird der Besucher hastig in einen großen Wäschekorb direkt an der Bühnenrampe gepackt, eine Szene, die wirklich sehr komisch ist, zumal dann die Diener den vollen Korb die Treppe hinauftragen und die kostbare Fracht in die Themse auf der anderen Seite der Mauer mit großem Wassergetöse plumpsen lassen.
| Musik | ![]() |
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Für den letzten Akt steht nicht – wie im Libretto besungen – ein Wald mit einer mächtigen Eiche auf der Bühne. Hier ist es ein heruntergekommenes Industriegelände, dass jetzt als Rotlichtmilieu dient, mit allerlei zwielichtigen Gestalten, die schnellen Sex verkaufen. Hier findet der von Alice und Meg eingeforderte Geisterspuk und Verwandlungsscherz statt, mit einem Happy-End für das verliebte, junge Paar Fenton und Nanetta, der Entblößung von Falstaff, der seine berühmte Schlussfuge Alles in der Welt ist Schurkerei … aber wer zuletzt lacht, lacht am besten schmettert.
Funktioniert Shakespeares ursprüngliche Vorlage? Lässt sich die Geschichte von Verführung und Versteck, Tugend und Täuschung, Entblößung und Erniedrigung über das Libretto von Arrigo Boito ins 21. Jahrhundert transportieren? Doch, ja, weil man es im Grunde mit menschlichen Emotionen und Gefühlen zu tun hat, und diese weiß Martone seinen Sängern zu entlocken.

Allen voran strotzt Michael Volle in seinem Rollendebüt mit melancholischer Lebenslust. Kraftvoll und musikalisch ist sein Bariton, protzen kann er mit seinem auf die Brust tätowierten Familienwappen, aber auch überzeugend selbstzweifelnd bei seinem inneren Monolog über den Vecchio John und vor allem, verständlich singen kann er! Barbara Frittoli durchblickt mit weiblichem Instinkt und melodisch geführtem Sopran das Spiel und manövriert souverän die Geschicke der Intrige. Mezzo Katharina Kammerloher ist da eher zurückhaltend, ist eben die mitspielende beste Freundin. Daniela Barcellona spielt eine quirlige Mrs. Quickly, die ironisch ihre tiefstimmigen Referenzen singt, um dann mit Helm und Motorrad davonzubrausen. Nadine Sierra gibt eine Nanetta mit lieblicher Stimme und jungem Elan, die perfekt zum lyrischen Fenton von Franceso Demuro passt – Turteltauben, wie sie im Buche stehen. Kraftvoll und präsent zeigt sich Alfredo Dazas Ford als der eifersüchtige Ehemann von Alice. Sein Auftritt als spießig verkleideter Herr Fontana mit einem ganzen Aktenkoffer voller Geld für Falstaff und die daraus resultierende Transaktion ist eine köstliche Miniatur-Szene. Der von Martin Wright präzise einstudierte Chor im dritten Akt muss sich die Bühne mit mehr als 20 Statisten teilen in einer von Raffaella Giordano choreografierten Orgie in Sado-Maso-Kostümen von Ursula Patzak.
Nicht nur der Titelheld debütiert, sondern auch Daniel Barenboim dirigiert hier seinen ersten Falstaff. Kühl und klar führt er die exzellent gestimmte Staatskapelle, setzt heitere oder dramatische Akzente getreu dem Geist von Verdi.
Das Premierenpublikum feiert die Sänger – allen voran Michael Volle – den Dirigenten und das künstlerische Team mit stürmischem Applaus.
Zenaida des Aubris