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Foto © Iko Freese

Essen ist besser als Sex

FALSTAFF
(Giuseppe Verdi)

Besuch am
30. April 2022
(Premiere)

 

Komische Oper Berlin

Als letzte seiner 28 Opern war Falstaff erst die zweite Opera buffa, die Giuseppe Verdi als fast 80-jähriger kompo­nierte. Mit Arrigo Boito als Librettist wurden die Lustigen Weiber von Windsor von William Shake­speare adaptiert.  Nun hat Barrie Kosky diesen Klassiker an der Komischen Oper Berlin auf seine Weise gedeutet.

Sir John Falstaff ist bei Shake­speare und Verdi ein dicklei­biger, verarmter Edelmann, der jetzt, in die Jahre gekommen, noch stolz und eitel ist. Der Zeitgeist ist an ihm vorbei gegangen, und er hat es nicht gemerkt. Er sieht sich noch als der fesche Sir John, der mit seiner Galan­terie jede Frau verführen kann. Und das probiert er hier gleich bei zwei verhei­ra­teten Damen der bürger­lichen Gesell­schaft, Alice Ford und Meg Page, die gute Freun­dinnen sind und ihm einen Streich spielen wollen, der ihm zeigen soll, wie lächerlich sein Verhalten ist. Die Oper folgt nun diversen Verwick­lungen, inklusive jungem, verliebtem Glück und vermeintlich gehörnten Ehemännern.

Bei Kosky ist Sir John Falstaff ein Genießer – er hat längst Sex durch Essen ersetzt und schnipselt in seiner gut sortierten Küche herum. Mit nur einer Kochschürze bekleidet, zaubert er köstliche kulina­rische Kreationen. Drei davon – Vorspeise, Haupt­speise und Dessert – werden dann in den kurzen Umbau­pausen genüsslich auf Italie­nisch aus dem Off vorge­lesen. Leider sind die Rezepte hierfür nicht im Programmheft abgedruckt. Dass dann im zweiten Akt die Damen mit Sahne­tüten die mehrstö­ckigen Torten dekorieren und sie um das rosa-rote Himmelbett platzieren, ist konse­quent und wiederholt die Pointe – Sex und Essen gehen Hand in Hand. Als Gegensatz hierfür finden sich dann sehr triste, ältliche Besucher in Falstaffs Kneipe ein, die das Leben eben nicht als Genuss sehen.

Katrin Lea Tag, verant­wortlich für Bühne und Kostüme, unter­streicht diese Aussage mit knall­bunten Kostümen für die lustigen Weiber und deren Ehegatten, ebenso auch für Falstaff, wenn er zum Rendezvous mit den Damen und stolz einen Anzug passend zur Tapete samt gepuderter Rokoko­pe­rücke trägt. Übrigens spielen Perücken eine große Rolle bei Sir John – sie sind Ausdruck seiner jewei­ligen Laune – ob jugendlich hip oder verfüh­re­risch barock lässt sich leicht anhand des Kopfputzes feststellen. Wenn er am Ende der Oper sein Fazit Tutto nel mondo è burla … Ma ride ben chi ride la risata final – Alles auf der Welt ist ein Scherz … aber wer zuletzt lacht, lacht am besten – vorträgt, hat er den Scherz verstanden und kann über sich selber lachen, mit nacktem Oberkörper und ohne Perücke.

Der musika­lische Chef des Hauses, Ainārs Rubiķis, setzt eher auf Lautstärke als auf Nuancen. Das Orchester gibt zwar genau und präzise die Partitur wieder, aber die Feinzeich­nungen bleiben fern. Das überträgt sich dann auch auf die Sänger. Die menschlich allzu subtile Tragik, die sowohl Shake­speare als auch Verdi so fein deuten, geht leider in diesem fortwäh­renden Dauer­for­tissimo verloren.

Foto © Iko Freese

Bariton Scott Hendricks gibt einen agilen Falstaff, der sich für keine Blödelei zu schade ist. Kein Wunder, dass er sich in Alice verguckt hat, hier von Sopran Ruzan Mantashyan sehr vivace verkörpert. Auch ihre Freundin Meg, von Mezzo­sopran Karolina Gumos darge­stellt, verzaubert mit elegantem Auftritt. Mezzo­sopran Agnes Zwierko überzeugt als Mrs. Quickly mit alters­ge­rechtem Vibrato und Gehabe. Als vermeintlich gehörnter Ehemann ist Bariton Günter Papendell ein Ford, der ebenso eitel ist wie Falstaff. Seine Diener, Bardolfo und Pistola, gekonnt von James Kryshak und Jens Larsen darge­stellt, müssen fast Purzel­bäume schlagen, während sie singen. Das junge Liebespaar Fenton und Nanetta wird hier als sexsüchtige Teenager porträ­tiert, dabei strahlen der junge Tenor Oleksiy Palchykov und Sopran Alma Sadé absolute Unschuld aus.

Das Premie­ren­pu­blikum applau­diert alle Darsteller, Dirigent, Chor und Regieteam rauschend. Oberflächlich ein amüsantes Vergnügen, aber es hätte so viel mehr sein können – wo bleiben die Finessen der Figuren­ge­staltung? Falstaffs nackter Po ist kein Ersatz für gute Perso­nen­regie. Zwischen­mensch­liche Bezie­hungen lassen sich nicht auf Hin- und Herge­renne und Geknutsche reduzieren. Kosky hat in so vielen Werken gezeigt, dass er gerade das Mensch­liche, das Scheitern seiner Opern­cha­raktere so viel besser zeigen kann, schade, dass dieser Aspekt hier nicht zum Ausdruck kommt.

Der Abend endet dann doch ungewöhnlich: Die langjäh­rigen Ensem­ble­mit­glieder Günter Papendell und Karolina Gumos erhalten jeweils den Ehren­titel Kammer­sänger aus den Händen des Senators für Kultur und Europa von Berlin, Klaus Lederer. Danach ist der Abend noch nicht zu Ende: Kosky ruft das Publikum auf, sich an der Spenden­aktion für die Ukraine der Komischen Oper zu betei­ligen. Hierzu singt der ukrai­nische Tenor Oleksiy Palchykov ergreifend ein Volkslied aus seiner Heimat. Erst danach lädt der Intendant das Publikum zur ersten Premie­ren­feier im Foyer nach zweieinhalb Jahren Pande­mie­pause ein.

Zenaida des Aubris

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