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Seitdem die legendäre Inszenierung von Otto Schenk 1990 abgeschafft wurde, gab es keine weitere Fledermaus an der Deutschen Oper. Nun wurde Rolando Villazón, der hier schon Puccinis Operette La Rondine inszeniert hat, für eine neue Produktion der wohl berühmtesten Operette verpflichtet. Dass das Libretto von Karl Haffner und Richard Genée mit seiner von Intrigen, Farcen und Racheaktionen gespickten Geschichte eine Herausforderung für jeden Regisseur ist, ist seit 1874 bekannt. Es ist die Musik von Johann Strauss Sohn, die immer wieder eine Freude zu hören ist und die Popularität dieser Oper bestätigt.
Tenor Rolando Villazón, der jetzt mehr und mehr in die Regie umsteigt, macht es dem Zuschauer aber nicht leicht, dieser Liebe nachzugehen. Als er sich beim Schlussapplaus bei heftigen Buhrufen dann die rote Clownsnase aufsetzt, will er vielleicht das eben vorangegangene stilistische Chaos als Parodie kennzeichnen.
Drei Akte, drei Zeitalter, die nichts miteinander zu tun haben, so beschließt er, sollen die Zeitlosigkeit der Geschichte zeigen: der erste Akt, stark von der traditionellen Otto Schenk-Inszenierung inspiriert, spielt im bürgerlichen Wien der Entstehungszeit, komplett mit Palmenbaum-Requisit, die obligat von Alfred dem Gesangslehrer als Versteck herumgetragen wird. Hier erahnt man schon die hysterischen Charaktere, die mit überzogenen Gesten aufgesetzte Gefühle ausdrücken sollen. Ein Penner sitzt an der Rampe in völliger Dunkelheit und gestikuliert seine sozialkritische Philosophie mit dem Schwingen seines Bettlerbechers. Und damit wir auch nicht vergessen, dass alles zeitlos ist, zerfließt Dalis Uhr vom Souffleurkasten in den Graben.
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Der zweite Akt dann im DDR-Bunker der 1950-er Jahre von Prinz Orlofsky. Hier tobt sich Kostümbildner Thibault Vancraenenbroeck mit einer wilden Mischung militärischer Uniformen, Abendgarderobe, Sambatänzerkostüme, Sado-Maso-Strapse und 50-er Jahre Vintage aus. Johannes Leiacker zaubert einen äußerst deprimierenden Partykeller – dunkelgraue Wände, Neonlichter, Stalinplakate. Kein Wunder, dass Orlofsky hier nicht lachen kann. Die berühmte Szene mit der hinreißenden Musik Brüderlein, Schwesterlein artet in einer Massen-Orgie aus, die der bewährte Chor der Deutschen Oper, einstudiert von Jeremy Bines, auch auf dem Boden herumrollend toll singt.
Der Höhepunkt ist dann der dritte Akt – 2001 oder Startrek lassen grüßen. Komplett mit den Affen und Neandertalern aus dem Film von Stanley Kubrick und den Anfangstakten zu Also sprach Zarathustra von Richard Strauss. Die Kommandobrücke eines Raumschiffes in 60-er-Jahre-Ästhetik. Die Darsteller werden teleportiert und dabei werden ihre Kostüme wohl von Sternen-Ruß dreckig und zerrissen – so kommen sie dann im sterilen Set an. Frosch ist ein Exponat artifizieller Intelligenz, mit vielen Technikhinweisen und einigen Softwareproblemen, nur Gefühle gibt es keine.

Villazón versteht Personenregie als andauernde überzogene, grobe, große Gesten. Von Subtilität keine Spur. Er ist auch ein Freund von mehr-ist-mehr-ist-lustig, was leider hier nicht der Fall ist. Seine fortlaufenden Gags und Wortwitze – Liberté, Egalité, Decolleté – fallen flach und erzeugen höchstens ein angestrengtes Zucken der Mundwinkel.
Die Sänger tun dem Zuschauer leid – der kernige Tenor von Thomas Blondelle als Eisenstein kann gar nicht zur Geltung kommen, weil er konstant den tumben und sexsüchtigen Ehemann geben muss. Sein Gegenspieler, Bariton Thomas Lehman, hat es etwas leichter und überzeugt als rachesüchtiger Dr. Falke mit zuletzt Nosferatu-langen Fingern. Die Rosalinde von Sopran Annette Dasch kämpft um Anerkennung, besonders in ihrer Paradearie Klänge der Heimat – danach darf sie mit Peitsche als Domina auf ihrem Gemahl Eisenstein herumreiten. Kammerzofe Adele, hier von der Stipendiatin Meechot Marrero dargestellt, wird in ihre Partie sowohl stimmlich wie charakterlich hineinwachsen und bald eine raffinierte und nicht nur tolpatschige Zofe abgeben. Als Alfred passt die schlanke und durchschneidende Tenorstimme von Enea Scala, den Villazón wohl in seinem Ebenbild gezeichnet hat. Angela Brower als Prinz Orlofsky gibt ihr Bestes mit aufgesetztem russischen Akzent und im wenig glamourösen Militäranzug. Frosch wird vom Schauspieler Florian Teichtmeister verkörpert und darf als Roboter Tenor-Witze erzählen und ganz zum Schluss sogar nach einem Software-Crash in Version 2.0 mit Gefühlen zurückkehren und für Wohlwollen sorgen. Allein Markus Brück ist allen Situationen gewachsen, stimmlich wie darstellerisch, und gibt den Gefängnisdirektor Frank mit ausgekosteten Pointen und ausgerundetem Bariton.
Die beschwingten Walzer und bekannten Melodien von Strauss werden von Donald Runnicles und dem Orchester der Deutschen Oper im Kampf gegen den Kauderwelsch auf der Bühne deutlich angesetzt – und gewinnen. Runnicles führt seine Musiker mit gekonntem Schwung ohne Wiener Schmäh und weiß, wann man die richtigen Akzente setzen muss.
Sänger und Dirigent werden im Schlussapplaus gefeiert. Das Regie-Team wird dagegen mit deutlichen Buhrufen empfangen. Rolando Villazón ist ein Multitalent, ohne Frage. Nur als Opernregisseur sieht er hoffentlich bald ein, dass weniger mehr ist.
Zenaida des Aubris