Eine Fledermaus im Bann der Jahrhunderte

DIE FLEDERMAUS
(Johann Strauss)

Besuch am
28. April 2018
(Premiere)

 

Deutsche Oper Berlin

Seitdem die legendäre Insze­nierung von Otto Schenk 1990 abgeschafft wurde, gab es keine weitere Fledermaus an der Deutschen Oper. Nun wurde Rolando Villazón, der hier schon Puccinis Operette La Rondine insze­niert hat, für eine neue Produktion der wohl berühm­testen Operette verpflichtet. Dass das Libretto von Karl Haffner und Richard Genée mit seiner von Intrigen, Farcen und Rache­ak­tionen gespickten Geschichte eine Heraus­for­derung für jeden Regisseur ist, ist seit 1874 bekannt. Es ist die Musik von Johann Strauss Sohn, die immer wieder eine Freude zu hören ist und die Popula­rität dieser Oper bestätigt.

Tenor Rolando Villazón, der jetzt mehr und mehr in die Regie umsteigt, macht es dem Zuschauer aber nicht leicht, dieser Liebe nachzu­gehen. Als er sich beim Schluss­ap­plaus bei heftigen Buhrufen dann die rote Clownsnase aufsetzt, will er vielleicht das eben voran­ge­gangene stilis­tische Chaos als Parodie kennzeichnen.

Drei Akte, drei Zeitalter, die nichts mitein­ander zu tun haben, so beschließt er, sollen die Zeitlo­sigkeit der Geschichte zeigen: der erste Akt, stark von der tradi­tio­nellen Otto Schenk-Insze­nierung inspi­riert, spielt im bürger­lichen Wien der Entste­hungszeit, komplett mit Palmenbaum-Requisit, die obligat von Alfred dem Gesangs­lehrer als Versteck herum­ge­tragen wird. Hier erahnt man schon die hyste­ri­schen Charaktere, die mit überzo­genen Gesten aufge­setzte Gefühle ausdrücken sollen. Ein Penner sitzt an der Rampe in völliger Dunkelheit und gesti­ku­liert seine sozial­kri­tische Philo­sophie mit dem Schwingen seines Bettler­be­chers. Und damit wir auch nicht vergessen, dass alles zeitlos ist, zerfließt Dalis Uhr vom Souffleur­kasten in den Graben.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Der zweite Akt dann im DDR-Bunker der 1950-er Jahre von Prinz Orlofsky.  Hier tobt sich Kostüm­bildner Thibault Vancrae­nen­broeck mit einer wilden Mischung militä­ri­scher Uniformen, Abend­gar­derobe, Samba­tän­zer­kostüme, Sado-Maso-Strapse und 50-er Jahre Vintage aus. Johannes Leiacker zaubert einen äußerst depri­mie­renden Party­keller – dunkel­graue Wände, Neonlichter, Stalin­plakate. Kein Wunder, dass Orlofsky hier nicht lachen kann. Die berühmte Szene mit der hinrei­ßenden Musik Brüderlein, Schwes­terlein artet in einer Massen-Orgie aus, die der bewährte Chor der Deutschen Oper, einstu­diert von Jeremy Bines, auch auf dem Boden herum­rollend toll singt.

Der Höhepunkt ist dann der dritte Akt – 2001 oder Startrek lassen grüßen. Komplett mit den Affen und Neander­talern aus dem Film von Stanley Kubrick und den Anfangs­takten zu Also sprach Zarathustra von Richard Strauss.  Die Komman­do­brücke eines Raumschiffes in 60-er-Jahre-Ästhetik. Die Darsteller werden telepor­tiert und dabei werden ihre Kostüme wohl von Sternen-Ruß dreckig und zerrissen – so kommen sie dann im sterilen Set an. Frosch ist ein Exponat artifi­zi­eller Intel­ligenz, mit vielen Technik­hin­weisen und einigen Software­pro­blemen, nur Gefühle gibt es keine.

Foto © Thomas Jauk

Villazón versteht Perso­nen­regie als andau­ernde überzogene, grobe, große Gesten. Von Subti­lität keine Spur. Er ist auch ein Freund von mehr-ist-mehr-ist-lustig, was leider hier nicht der Fall ist. Seine fortlau­fenden Gags und Wortwitze – Liberté, Egalité, Decolleté – fallen flach und erzeugen höchstens ein angestrengtes Zucken der Mundwinkel.

Die Sänger tun dem Zuschauer leid – der kernige Tenor von Thomas Blondelle als Eisen­stein kann gar nicht zur Geltung kommen, weil er konstant den tumben und sexsüch­tigen Ehemann geben muss. Sein Gegen­spieler, Bariton Thomas Lehman, hat es etwas leichter und überzeugt als rache­süch­tiger Dr. Falke mit zuletzt Nosferatu-langen Fingern. Die Rosalinde von Sopran Annette Dasch kämpft um Anerkennung, besonders in ihrer Paradearie Klänge der Heimat – danach darf sie mit Peitsche als Domina auf ihrem Gemahl Eisen­stein herum­reiten. Kammerzofe Adele, hier von der Stipen­diatin Meechot Marrero darge­stellt, wird in ihre Partie sowohl stimmlich wie charak­terlich hinein­wachsen und bald eine raffi­nierte und nicht nur tolpat­schige Zofe abgeben. Als Alfred passt die schlanke und durch­schnei­dende Tenor­stimme von Enea Scala, den Villazón wohl in seinem Ebenbild gezeichnet hat.  Angela Brower als Prinz Orlofsky gibt ihr Bestes mit aufge­setztem russi­schen Akzent und im wenig glamou­rösen Militär­anzug. Frosch wird vom Schau­spieler Florian Teicht­meister verkörpert und darf als Roboter Tenor-Witze erzählen und ganz zum Schluss sogar nach einem Software-Crash in Version 2.0 mit Gefühlen zurück­kehren und für Wohlwollen sorgen. Allein Markus Brück ist allen Situa­tionen gewachsen, stimmlich wie darstel­le­risch, und gibt den Gefäng­nis­di­rektor Frank mit ausge­kos­teten Pointen und ausge­run­detem Bariton.

Die beschwingten Walzer und bekannten Melodien von Strauss werden von Donald Runnicles und dem Orchester der Deutschen Oper im Kampf gegen den Kauder­welsch auf der Bühne deutlich angesetzt – und gewinnen. Runnicles führt seine Musiker mit gekonntem Schwung ohne Wiener Schmäh und weiß, wann man die richtigen Akzente setzen muss.

Sänger und Dirigent werden im Schluss­ap­plaus gefeiert. Das Regie-Team wird dagegen mit deutlichen Buhrufen empfangen. Rolando Villazón ist ein Multi­talent, ohne Frage. Nur als Opern­re­gisseur sieht er hoffentlich bald ein, dass weniger mehr ist.

Zenaida des Aubris

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