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Mittlerweile ist wohl jedem Besucher bekannt: Wenn man eine Inszenierung von Frank Castorf besucht, dann wird es kein entspannter Spaziergang unter Kirschblüten. Castorf ist einer der Hauptfiguren der derzeitigen deutschsprachigen Theaterszene. Der Ring in Bayreuth machte ihn international bekannt. Nun ist diese Forza del Destino seine erste Opernaufführung in Berlin.
Castorf setzt die erste Hälfte des Abends im Spanischen Bürgerkrieg an, die zweite Hälfte während der Befreiung Neapels durch die von den USA geführten Truppen im Zweiten Weltkrieg. Das von Aleksandar Denić entworfene Bühnenbild dreht sich regelmäßg und zeigt die verschiedenen Orte des Geschehens mit realistischen, überladenen Details – das Haus des Marchese, den Vorplatz einer Kirche, Soldatenbaracken, ein Feldkrankenhaus, wo unglaubliche Mengen an Theaterblut geschmiert werden. Live-Action-Kameras, die auf zwei großen Leinwänden projiziert werden, geben verschiedene Ansichten wieder, quasi was hinter der Bühne passiert, wobei Gesichter und Blickwinkel oft grotesk verzerrt werden. Auf den Leinwänden werden auch Sequenzen aus alten Schwarzweiß-Filmen gezeigt, die sicherlich zur weiteren Erläuterung dienen sollen, aber nur zur einer visuellen Überladung führen.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Dieser visuellen Überflutung wird noch eine zusätzliche Ebene hinzugefügt: Texte, die das Leben Christus, das Abschlachten der Ureinwohner Südamerikas sowie den Tod behandeln, unterbrechen die Musik und werden von verschiedenen Mitgliedern der Besetzung vorgetragen. Und damit man ja nicht vergisst, dass Alvaro ja eigentlich aus dem wilden Südamerika stammt, fügt Castorf Roni Maciel als „Indio“-Charakter dazu, der als Engel der Verzweiflung – kostümiert wie ein brasilianischer Revuetänzer in glitzernder Tanga mit üppigem Kopfputz und Marabufedernstola – den dazugehörigen Text von Heiner Müller aus Der Auftrag einmal auf Deutsch, einmal auf Portugiesisch ins Publikum schleudert. Padre Guardiano darf er auch sexuell belästigen. Das Leben im Kloster und in der Armee wird mit deutlicher Homoerotik angedeutet. Als Castorf zum dritten Mal sein schon bekanntes Stilbruchmittel in Form von gesprochenen Texten einsetzt, kommt es zum Publikumseklat. Vermutlich liegt es an der holprigen und völlig emotionslosen Vortragsweise der Sänger, die den Text aus Curzio Malapartes Die Haut im vierten Akt sprechen. Pfeifen und Buhrufe bringen die Aufführung fast zum Abbruch. Erst nach gefühlten zehn Minuten kehrt wieder Ruhe ein. Die Texte und diverse eingespielten Videos bringen keine neuen Erkenntnisse, sondern lassen den Abend endlos erscheinen.
Die Musik von Verdi braucht diese Ablenkungen nicht, sie besteht auch so und überlebt auch diese Behandlung. Von seitens der Sänger und der Musik besteht sie sogar sehr gut. Allen voran Russell Thomas, der mit noblem Tenor und wunderbarer Phrasierung dem edlen Alvaro die Echtheit seiner Gefühle glaubhaft macht. Leider muss er seine große Arie La vita è inferno all’infelice … o tu che in seno agli angeli fast in totaler Dunkelheit singen. Gleichzeitig läuft ein Video über ihm, in dem zwei Soldaten wiederholt in die Luft beißen und lachhaft wirken. Dass Thomas sich in all dem behaupten kann, ist ein Beweis für seine große Professionalität.

Auch der Carlo von Markus Brück ist völlig überzeugend. Die Inbrunst seiner Emotionen lässt er durch seinen dunklen Bariton scheinen und verleiht seiner großen Arie zwingende Autorität. Zwischen beiden Männern ergibt sich eine fast elektrische Spannung in ihrer Szene im dritten Akt. Da stört es auch nicht, dass ein großes Schild vor den Gefahren von Syphilis und Gonorrhoe warnt.
María José Siris Leonora braucht eine Weile, um sich zurecht zu finden. Vielleicht hat auch das voluminöse Gewand von Adriana Braga Peretzki – dem Porträt der Infantin von Diego Velazquez nachempfunden – gestört. Im Laufe des Abends setzt sich ihr stimmliches und charakterliches Selbstbewusstsein durch. Preziosilla wird von Agunda Kulaeva mit einem etwas plumpen Mezzo gesungen, der durch undurchsichtige Diktion und zu enge Kostüme unterstrichen wird.
In der restlichen Besetzung singt Marko Mimica einen Padre Guardiano mit großer Lyrik und einem warmen Bass. Mischa Kiria ist ein Fra Melitone, der die Szene mit riesiger Stimme und guter Verständlichkeit sowie Sinn für Komik beherrscht. Der Chor, von Jeremy Bines einstudiert, ist wie immer eine Freude anzuhören und sehen.
Auch aus dem Graben Löbliches – Jordi Bernàcer entlockt dem Orchester der Deutschen Oper feine Phrasierungen und Akzente. Er hält auch die Kommunikation zur Bühne aufrecht, was oft nicht leicht ist angesichts des vielen Trubels.
Trotz der scheinbar radikalen Prämisse ist Castorf letztendlich eine eher langweilige Inszenierung gelungen. Entferne man die Dialoge, Videos und Bühnengeschehen, so bleibt wenig echte Personenregie übrig. Anstatt das Werk neu zu beleuchten, erstickt Castorf es unter fremden Text- und Filmschichten, die nur zur Ablenkung dienen.
Einhelliger Applaus für die Solisten und den Dirigenten. Das Regieteam wird mit Tumult und ziemlich gleich geteilten Buh- und Bravo-Rufen empfangen.
Zenaida des Aubris