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HIPPOLYTE ET ARICIE
(Jean-Philippe Rameau)
Besuch am
8. Dezember 2018
(Premiere am 25. Oktober 2018)
Immer mehr bildende Künstler von Rang streben auf die Musiktheaterbühne. Schick und innovativ ist das gedacht, doch selten springt ein künstlerischer Mehrwert dabei heraus. Aktueller Beweis: der dänisch-isländische Architekt Ólafur Eliasson als Ausstatter der Neuproduktion von Jean-Philippe Rameaus Tragédie lyrique Hippolyte et Aricie. Die Berliner Staatsoper hat sie im Rahmen der wiederbelebten Barocktage herausgebracht und damit an selige Zeiten angeknüpft, als René Jacobs alljährlich seine Alte-Musik-Kostbarkeiten präsentierte. Nur, dass sich, im Vergleich zu heute, damals die musikalische und szenische Interpretation aufs Schönste befruchteten.
In Hippolyte et Aricie befinden sich alle Personen im Ausnahmezustand. Hippolyte, der Sohn des Theseus, liebt Aricie, deren Vater von Theseus aus Machtstreben ermordet wurde. Als der sich in die Unterwelt begeben muss, übernimmt seine Frau Phèdre die Herrschaft. Die wiederum begehrt ihren Stiefsohn, wird abgewiesen und beschuldigt ihn daraufhin, sie vergewaltigt zu haben. Mit Hilfe der Göttin Diana finden Hippolyte und Aricie schließlich zueinander, Phèdre bleibt zurück.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Diese Konflikte und Seelenzustände sichtbar zu machen, könnte Aufgabe einer Inszenierung sein, so wie es Barrie Kosky in Rameaus Castor et Pollux 2014 an der Komischen Oper exemplarisch vorführte. Doch die inneren Nöte scheinen weder Eliasson noch die Regisseurin Aletta Collins zu interessieren. Beherrschend sind Lichtinstallationen unterschiedlichster Form und Farbe. Einmal schwebt eine Diskokugel herunter und verbreitet Club-Feeling, manchmal wabert Trockennebel auf. Die Kostüme sind eines Science-Fiction-Films würdig. Reflektierende Hutkreationen, kreisförmige Gebilde mit Leuchtstäben, die die Oberkörper der Höllengestalten umhüllen, eine Abendrobe aus silbrigen Metallsplittern für Phèdre und ein Glamourgewand wie direkt aus dem All für Aricie. Die Optik hat durchaus effektvolle und magische Momente, erinnert nur mehr an Weltraum- oder Fantasy-Spektakel als an ein menschliches Drama. Die Regie ordnet sich der visuellen Übermacht völlig unter. Wobei man nicht von Regie sprechen kann, sondern eher von choreografischem Theater. Was nicht wundert, da Collins ursprünglich vom Tanz kommt. Deshalb lässt sie durchgehend eine Ballettgruppe in schwarzen Ganzkörpertrikots das Stück begleiten, was der französischen Barockoper ohnehin entspricht. Nur sind die Bewegungen, die ein bisschen an Eurythmie, ein bisschen an Modern Dance erinnern, so beliebig und wenig fantasievoll, dass sich ein Bezug zum Geschehen nicht vermittelt.

Die Solisten sind größtenteils auf sich selbst gestellt, der homogen tönende Chor ist meist im Orchestergraben platziert. Magdalena Kožená hat genug Persönlichkeit, sich gegen die inszenatorische Dürftigkeit zu behaupten. Mit zupackendem Mezzosopran tobt und klagt ihre Phèdre und wird zur tragischen Hauptfigur. Anna Prohaska als Aricie läuft nach verhaltenem Beginn zu großer Form auf. Ihre Schlussarie, in der sie mit zarten Schattierungen einer Nachtigall nachspürt, ist betörend. Reinoud Van Mechelen singt mit geschmeidigem Tenor einen stilsicheren Hippolyte, während Gyula Orendt Vater Thésée mit kraftvollem Bariton ausstattet.
Da die Staatskapelle auf Reisen ist, dirigiert Sir Simon Rattle, der bekanntermaßen ein Faible für Rameau hat, das wunderbare Freiburger Barockorchester. Zusammen versenken sie sich in das instrumentale Wunderwerk, widmen sich aufmerksam jedem klanglichen Detail, jedem Tempo- und Dynamikwechsel. Trotzdem bleibt ein Rest von gepflegter Zurückhaltung, funkelt die Musik unter Rattles Händen nicht so wie erwartet.
Alle Aufführungen von Hippolyte et Aricie sind ausverkauft. Was lange schon bekannt war, nur anscheinend in der Staatsoper nicht. Denn die hat für die letzte Vorstellung so wenige Programmhefte zur Verfügung, dass sich die meisten Besucher sehr zum Verdruss mit spärlichen Besetzungszetteln abfinden müssen. Die Erklärung: Mit diesem Ansturm hatte niemand gerechnet.
Das vermeidbare Ärgernis ist am Ende vergessen, denn alle Mitwirkenden werden ausgiebig bejubelt.
Karin Coper